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Politik Inland
04/15/2019

Studie zu Kulturkampf an Schulen droht Politikum zu werden

Ministerium will umfassendes Bild zu Konflikten und Vorurteilen an Schulen, für manche Lehrer grenzt das an "Bespitzelung".

von Raffaela Lindorfer

Aufregung gibt es rund um einem Fragebogen, der im Auftrag des Bildungsministeriums an alle Schulen Österreichs verschickt wurde. Einzelne Lehrer und Gewerkschafter sehen darin einen Aufruf zur "Bespitzelung". Die Umfrage droht nun zum Politikum zu werden - geht es doch um ein zuletzt heftig diskutiertes Thema: den Kulturkampf an Österreichs Schulen.

Der Online-Fragebogen beginnt recht allgemein: Gefragt wird, wie oft es zu Konflikten in der Klasse kommt und ob den Lehrern bekannt ist, dass Schüler von anderen Lehrern gemobbt werden.

Ganz genau wissen will man, wie die Einstellung der Kollegen zur multikulturellen Schülerschaft aussieht: "Wie hoch schätzen Sie den Anteil an LehrerInnen ein, die selbst Vorurteile haben"? Dabei soll der Befragte einschätzen, ob es nun "geringe", "mittlere" oder "starke" Vorurteile sind.

"Die Umfrage ist an Absonderlichkeiten nicht zu überbieten", sagt Stefan Sandrieser, SPÖ-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des GÖD Kärnten (Gewerkschaft öffentlicher Dienst), der auf die Causa aufmerksam gemacht hat. In den Fragen, die Lehrer zu anderen Lehrern beantworten sollen, sieht er eine Aufforderung zum "Spitzel- und Denunziantentum".

Sandrieser findet bedenklich, dass die Fragen auch in die Privatsphäre der Schüler eindringen: Das Bildungsministerium interessiert, wie oft Kinder gefastet haben und ob das den Unterricht gestört hat. Auch, ob sie außerhalb des Unterrichts gebetet haben und ob sie zuhause Deutsch sprechen.

Die Lehrer sollen zudem einschätzen, ob die religiöse und kulturelle Vielfalt "ein Problem" ist - wobei offen bleibt, welche Art von Problem  gemeint ist.

"Ich halte so etwas für völlig unzulässig und dem Ziel der Umfrage in keiner Weise dienlich", so der SPÖ-Abgeordnete und Gewerkschafter. Aufgabe des Ministeriums sei es, den Schulalltag in Österreich tatsächlich zu verbessern. Inwiefern diese Umfrage da weiterhelfen sollen und welche Schlüsse man daraus ziehen will, erschließt sich ihm nicht.

Studien-Chef weist Kritik zurück

Die Studie wird vom Beratungs- und Forschungsbüro "think.difference" durchgeführt, das Unternehmen leitet Integrationsexperte Kenan Güngör, der sich immer wieder medial zu Wort meldet, zuletzt etwa wegen des Kopftuchverbots.

Güngör versteht die Aufregung nicht: "Selbstverständlich geht es nicht darum, Lehrer zu bespitzeln oder im Privatleben der Schüler zu schnüffeln", betont er. Die Fragen würden sich ausschließlich auf den Schulalltag beziehen und dienen dazu, eine solide Faktenlage zu den "sozio-kulturellen Konflikten" an Österreichs Schulen zu schaffen, wie er erklärt.

"Die Frage, ob es einen Kulturkampf gibt, hängt sehr stark von Einzelmeinungen und einzelnen Erfahrungen ab. Unser Ziel ist, diese Vermutungen einem wissenschaftlichen Faktencheck zu unterziehen", erklärt Güngör. "Wir sammeln deshalb zunächst Daten und gehen dann in Schulen in allen Bundesländern, um uns in Fokusgruppen einen Eindruck zu machen."

Die Studie sei breit angelegt, es werden sämtliche Schulen in ganz Österreich abgefragt, also Lehrer von der Vorschule bis zur Matura bzw. auch jene in polytechnischen Schulen.

Die Daten werden natürlich anonymisiert - der Vorwurf der Bespitzelung gehe damit ins Leere, betont Güngör.

Einzelne weigern sich, teilzunehmen

Bis zum Sommer sollen die Zahlen vorliegen, Teilergebnisse könnten also bereits vor den Ferien präsentiert werden. Die vollständige Studie soll mit Ende des Jahres vorliegen. Kostenpunkt laut Güngör: Knapp unter 100.000 Euro.

Den Aufschrei der Lehrer hält Güngör für bedenklich. Er befürchtet, dass seine Studie zum Politikum wird. "Ich habe einige Rückmeldungen von Schulen bzw. Lehrern erhalten, die sich weigern, an der Umfrage teilzunehmen, weil das Thema politisch zu brisant ist. Wenn nun von einigen Schulen Ergebnisse fehlen, oder die Antworten aus einem politischen Motiv heraus entsprechend beantwortet werden, könnte das die Ergebnisse verzerren."