Politik | Inland
07.07.2018

Arbeitszeit:„12 Stunden, schwer heben und Hitze gehen an die Substanz“

Der KURIER fragte bei Menschen nach, die ihn bereits haben: den 12-Stunden-Tag.

Die Gewerkschaft macht  gegen ihn mobil, die ÖVP-FPÖ-Koalition macht ihn mit 1. September möglich. Der 12-Stunden-Arbeitstag spaltet die Gemüter. 

 

Tischler. Thomas Halpfer weiß: Wenn ein Projekt fertig werden muss, dann hackelt man rein – auch, wenn es mehrere Tage am Stück zwölf Stunden sein müssen. Der 49-Jährige arbeitet in einer Großtischlerei im Bereich Massivholz. „Wenn man schwere Pfosten hebt, es in der Halle heiß ist und man schon seit 6 Uhr morgens arbeitet, gehen die zwölf Stunden schon an die Substanz“, schildert er – und ist froh, dass er gesundheitlich so gut beieinander ist. Er habe aber Kollegen, die schon mit Beschwerden zu kämpfen hätten. Projekte, die über mehrere Tage Überstunden erfordern, sind nicht die Regel und Wochen vorher geplant. Was sich mit dem neuen Arbeitszeitgesetz ändert? „Wir werden darauf achten, dass zwölf Stunden nicht die Regel werden. Das ist nicht zum Durchhalten.“ 

„Wenn ich schon hier bin, sind die vier Stunden auch egal“

Krankenschwester. „Ich wusste, was auf mich zukommt“, sagt die gebürtige Deutsche, die seit sechs  Jahren in der Privatklinik Graz Ragnitz 12-Stunden-Dienste versieht. „Für mich sind die 8-Stunden-Dienste  – womöglich sechs Tage pro Woche – anstrengender. Wenn ich schon hier bin, dann sind die vier Stunden auch egal“, sagt Ann-Kathrin F., mehrfach hilfreich seien die langen, für sie normalen Arbeitstage: „Ich sage immer: Umso weniger Dienstübergaben, desto weniger Fehler. Und: Je mehr Zeit, desto besser die Beziehung zu den Patienten“. Zudem komme man „viel schneller auf seine Stunden“. 15 bis 16 solcher 12-Stunden-Dienste hat die 28-Jährige pro Monat. Dazwischen habe sie immer wieder „mehrere Tage am Stück frei.“ Ideales Arbeitszeitmodell? „Für mich ja, aber sicher nicht für jede Branche.“    

„Habe mehr Zeit als ein Vater, der immer bis 18 Uhr arbeitet“

Feuerwehrmann und Sprecher. 24 Stunden Arbeit, 24 Stunden Freizeit, immer wieder mehrere Tage frei. Seit 15 Jahren geht das bei Gerald Schimpf von der Berufsfeuerwehr Wien so. „Ich habe mehr Zeit für meine Kinder als ein Vater, der jeden Tag bis 18 Uhr arbeitet“, sagt er zu seinem Arbeitszeitmodell. Durch die fixen Freizeitblöcke sei das ein Job, den man gut bis zur Pension machen könne.
Untertags sind die Feuerwehrleute mit Training und Fortbildung beschäftigt. „Geht der Alarm los, lässt man alles stehen und liegen. Auch in der Nacht, wenn wir Ruhephasen haben, müssen wir innerhalb von 60 Sekunden ausrücken“, erzählt der 39-Jährige. 
Großeinsätze bei Unwetter und Bränden können sich über mehrere Stunden hinziehen, oft in der Nacht. „Da braucht man die Freizeit dann eher, um sich auszuschlafen.“

Trotz Ruhezeit: „Biorhythmus ist völlig durcheinander“

Flugbegleiterin. Zwölf Stunden arbeiten – für Flugbegleiterin Christina P. ist das seit 14 Jahren Normalität. Bis zu sechs Kurzstreckenflüge begleitet sie an so einem Arbeitstag, in den Arbeitsnächten sind es zwei längere. „Mal muss ich extrem früh aufstehen und fange um 5 Uhr früh an, mal ist der Dienst spätnachts. Man kann sich noch so sehr um einen gesunden Schlaf bemühen, der Biorhythmus ist völlig durcheinander“, schildert die 34-Jährige. Für ein Familienleben – sie hat keine Kinder – bliebe da keine Zeit, mit den unregelmäßigen Schichten  sei Freizeit kaum planbar. 
Bei einer minimalen Ruhezeit von 14 Stunden gehe es sich gerade einmal aus, nach Hause ins Burgenland zu fahren, zu essen und zu schlafen. „Man muss den Urlaub nutzen. Sonst hält man das auf Dauer nicht durch.“ 

Lange Schichten: „Müssen flexibel auf Kinder eingehen“

Sozialpädagoge. Der Tag beginnt, wenn die Kinder aufstehen, und er endet, wenn sie schlafen gehen. Gert Kragol ist pädagogischer Leiter in einem SOS Kinderdorf, wo sich die Arbeitszeiten flexibel nach den Bedürfnissen der Kinder richten. Mehrere Schichtwechsel in den betreuten Wohngemeinschaften wären nicht gut – „Kinder brauchen Kontinuität“, betont er. Deshalb gibt es Turnusdienste, die vom Vormittag bis 22 Uhr und mit einer Nachtbereitschaft bis 6 Uhr morgens dauern. „Das kann anstrengend werden und man muss sich an diesen Tagen voll dem Job widmen. Aber dafür hat man die 40 Wochenstunden in der Regel in vier Tagen erledigt und den Rest der Woche frei“, erklärt Kragol, der zwar keine Turnusdienste mehr macht, als pädagogischer Leiter aber immer wieder flexibel sein muss. 

„Lkw-Chauffeur  kann bis zu 3000 Euro netto verdienen“

Transportunternehmer. „Früher fuhren wir durchschnittlich im Fernverkehr 14.000 Kilometer im Monat“, sagt Christian Spendel, Geschäftsführer von Petschl-Transporte in Perg, der früher selbst hinter dem Lkw-Steuer saß. „Heute fahren die Lkw im Fernverkehr unfreiwillig durchschnittlich 3000 Kilometer weniger.“ Grund  seien Staus ob des großen Verkehrsaufkommens, zudem längere Stehzeiten bei  den Kunden. Bis zu 15 Einsatzstunden darf ein Lkw-Fahrer täglich absolvieren. „Die Lenkzeit beträgt maximal neun“, sagt Spendel, der von seinen Mitarbeitern jetzt schon weiß, dass sie die nunmehrige Möglichkeit  der 60-Stunden-Woche nutzen werden wollen. „Der Stundenlohn beträgt laut Kollektivvertrag neun Euro. Das klingt wenig, rechnet man die Zulagen dazu, kann ein Lkw-Chauffeur über 3000 Euro netto verdienen.“