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Arbeitsmarkt
02/08/2015

"Die Arbeitslosigkeit wird 2015 steigen"

Österreicher glauben nicht, dass Politik das Ruder am Arbeitsmarkt herumreißt. Angst um Job haben sie nicht.

von Christian Böhmer

Wenn sieben von zehn Österreichern laut einer OGM-Umfrage für den KURIER überzeugt sind, die Bundesregierung sei bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit "weitgehend machtlos", dann kann man das als Defätismus bezeichnen; man könnte es aber auch als eine überraschend realistische Einschätzung der Lage sehen.

Denn auch Arbeitsmarkt-Experten wie Johannes Kopf warnen davor, die Wirkung der von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit (6,5 Milliarden Investitionen in den Wohnbau, 600 Millionen für zinsgünstige Kredite, etc.) zu überschätzen.

"Ich begrüße all diese Initiativen ausdrücklich", sagt Kopf zum KURIER. "Allerdings wäre es falsch, sich davon zu viel zu erwarten. Die Arbeitslosigkeit wird dadurch langsamer, aber sie wird 2015 und wohl auch 2016 trotzdem steigen."

Vernetzung

Die Erklärung dafür ist einfach: "Österreich ist ein Exportland und wirtschaftlich stark vernetzt." Solcherart könne sich die heimische Wirtschaft nicht von der international zu schwachen Konjunktur abnabeln.

Als Beispiel bringt Kopf die Steuerreform: "Das ursprüngliche Ziel war ja, kleine und mittlere Einkommen zu entlasten." Die Steuerreform werde dazu beitragen, dass die Inlandsnachfrage steigt. "Allerdings geht es hier um Güter des täglichen Bedarfs (z. B. Lebensmittel). Und die Wertschöpfung bei diesen Produkten passiert vielfach im Ausland", sagt Kopf. Aus rein arbeitsmarktpolitischer Perspektive wäre eine Senkung der Lohnnebenkosten wohl günstiger. "Das hätte stärkere Beschäftigungseffekte."

Das von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Finanz-Paket für den Bau-Sektor begrüßt der AMS-Chef ("Das ist klassische Konjunktur-Politik").

Bei den geplanten Investitionshilfen für Unternehmen (Haftungen, etc.) ist er aber unsicher. "Kredite sind derzeit ohnehin ausnehmend günstig. Es gibt auch viele große Unternehmen, die Geld für Investitionen hätten." Das Problem sei das aktuelle Klima, es fehle der Optimismus, die Zukunftseinschätzung sei so, dass diese Firmen ihr Geld nicht investieren wollen. "Es herrscht Unsicherheit, wir brauchen einen gesellschaftlichen Klimawandel."

In diesem Zusammenhang macht Kopf auf einen gängigen Irrtum aufmerksam: "Neue Jobs und die Arbeitslosigkeit sind keine einfach kommunizierenden Gefäße." Soll heißen: Wenn ein Unternehmen Jobs schafft, heißt das nicht, dass die arbeitslos Gemeldeten auch für diese Arbeiten qualifiziert sind. Besonders deutlich zeigt sich dieser Aspekt bei den Zuwanderern.

"Besser qualifizierte Personen aus dem Ausland verdrängen aktuell schlechter qualifizierte Inländer." Kopf bringt ein Beispiel: "Auf der einen Seite habe ich einen Arbeitsuchenden mit Migrationshintergrund, der seit neun Jahren hier lebt, kaum Deutsch spricht und keine Ausbildung hat. Auf der anderen Seite steht ein hoch motivierter Ungar, der die Sprache beherrscht und besser qualifiziert ist. Da ist klar, wer die Stelle bekommt."

Das sei für Betroffene hart. "Mittelfristig", sagt Kopf, "profitiert Österreich aber von der aktuellen Zuwanderung". Warum? "Weil wir damit – ohne Absicht – der demografischen Entwicklung vorbauen. In fünf Jahren gehen die Babyboomer in Pension. Dann haben wir mit besser qualifizierten Arbeitskräften einen Wettbewerbsvorteil." Die große Angst um den Arbeitsplatz scheint derweil noch nicht zu grassieren: Laut OGM fürchten nur 15 Prozent um den Job.

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