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Politik Inland
09/01/2019

"Sind unsere Kinder zu blöd für das Schulsystem?"

Vor elf Jahren landete der Bildungskritiker Andreas Salcher einen Bestseller. Weil sich im Klassenzimmer nichts zum Positiven bewegte, schrieb er nun die Fortsetzung.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Salcher, vor elf Jahren erschien Ihr erster Bestseller, „Der talentierte Schüler und seine Feinde“. Nun kommt der zweite Teil, der von den ewigen Feinden des talentierten Schülers handelt. Kann dieses Buch nochmals für Furore sorgen? Existiert bei Ihrer jahrelangen Kritik am Schulsystem nicht schon eine gewisse Abstumpfung?

Andreas Salcher: Das Buch hat damals den Nerv der Zeit getroffen, weil ich eine ganz einfache Frage gestellt habe: Wie gehen wir mit den Talenten unserer Kinder um? Ich wurde Buchautor des Jahres, durfte drei Jahre lang ehrenamtlich als KURIER-Schüleranwalt wirken. So weit, so gut. Was aber nicht funktionierte: Dass noch immer nicht die modernen und wissenschaftlich nachgewiesenen pädagogischen Prinzipien des Lernens in alle Schulen Einzug gefunden haben. Deswegen habe ich mich entschlossen, dieses Buch komplett neu zu schreiben. Ich möchte das Thema Bildung in diesem Wahlkampf positionieren. Denn die Zukunft des Landes liegt nicht in einem Wohnzimmer auf Ibiza, sondern in den Klassenzimmern dieses Landes.

In diesem Wahlkampf ist Klimaschutz das große Thema. Bildung spielt gar keine Rolle. Warum?

Klimaschutz ist extrem wichtig. Aber gerade Österreich kann in der Bildung mehr bewegen als zum globalen Klimaschutz beitragen. Es gibt zwei Bereiche, die die Menschen fundamental betreffen – das sind Bildung und Gesundheit. In beiden Bereichen gibt Österreich sehr viel Geld aus, aber die Systeme sind stark reformbedürftig. In der Medizin hat es Jahrhunderte gedauert, bis man eingesehen hat, dass der Aderlass Menschen tötet und nicht heilt. Heute werden zu viele Kinder noch immer „pädagogisch zur Ader“ gelassen. Da gibt es beispielsweise die lieblos kopierten Arbeitsblätter. Oder veraltete Unterrichtsmethoden, bei denen sich alle langweilen wie: „Maier, du liest jetzt aus dem Schulbuch vor.“ Das hält sich hartnäckig. Dabei wissen wir: Lernen findet ohne Einbeziehung des Lernenden nicht statt. So ein Zustand ist nicht notwendig. Es existieren genügend Beispiele, wo sich Kinder wie Lehrer freuen, wenn der Unterricht im Herbst wieder losgeht. Und das ist nicht erfunden.

Als die ewigen Feinde haben sich bei Ihnen immer die Lehrer verstanden. Sind das tatsächlich die Feinde des talentierten Schülers?

Das ist ein großes Missverständnis. Ich habe mich nur mit den Lehrergewerkschaften angelegt. Denn ich begreife bis heute nicht, dass sie sich diese schlechten Arbeitsplätze für die Lehrer gefallen lassen oder dass es eine Unterscheidung zwischen Pflichtschullehrern und „höheren“ Lehrern gibt. Das wären eigentlich ihre Themen, aber nicht die Verhinderung der Ganztagsschule oder der Schutz ungeeigneter Lehrer. Die ewigen Feinde des talentierten Schülers sind jene, die sich mit diesem extrem niedrigen Anspruchsniveau an unseren Schulen zufriedengeben. Man stelle sich vor, ein Automobilkonzern liefert Autos aus, wo jedes fünfte Fahrzeug nicht funktioniert. Oder jedes fünfte Flugzeug wäre defekt. Das wäre undenkbar. Wenn aber jedes fünfte Kind nach neun Jahren nicht sinnerfassend lesen und schreiben kann, sagen viele: Na ja, das ist halt so. Das sind die ewigen Feinde.

Andreas Salcher

Auf den ersten Seiten Ihres Buches liefern Sie diese dramatische Zahl, dass jeder Fünfte 15-Jährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen kann. Klingt, als wäre die Schule eine vergeudete Zeit?

Eine schlechte Schule ist immer noch besser als gar keine Schule. Das Erschreckende an dem Faktum ist, dass schon vor elf Jahren jeder fünfte 15-Jährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen konnte. Es wurden eine Fülle an teuren Maßnahmen ergriffen, wie die sinnlose Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen, die Bildungsstandards, die Neue Mittelschule mit zwei Lehrern in den Hauptgegenständen oder die Zentralmatura. Aber an der Zahl hat sich nichts geändert, weil man sich nicht getraut hat, gewisse Tabus anzugreifen. Wir sind Ankündigungsweltmeister von Reformen.

Was sind die Tabus?

Erstens: Es braucht eine massive Investition in die Kindergartenpädagogik. In Kanada verdienen die Kindergartenpädagoginnen gleich viel wie die höheren Lehrer. Zweitens: Wir brauchen ein Lehrerbild, das dem 21. Jahrhundert entspricht. Der Beruf des Lehrers muss zu den drei attraktivsten Berufswegen bei Studenten gehören, mit modernen Arbeitsplätzen und Aufstiegschancen. Und das Dritte sind ganztägige Schulformen. Nur so können wir die Kinder von bildungsfernen Eltern auf ein gutes Niveau bringen. Die besten Privatschulen sind ebenfalls ganztägig. In Kanada beispielsweise beherrschen viele Kinder von Migranten am Ende der Schulzeit die englische Sprache besser als die gebürtigen Kanadier. Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Und in Kanada gibt es Ganztagsschulen und exzellente integrative Unterrichtsformen.

In Wien liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei 63,1 Prozent in den Volksschulen. In den Neuen Mittelschulen sogar bei 77,1 Prozent. Die Lehrer beklagen immer wieder das schlechte Sprachniveau der Migrantenkinder. Haben wir eine falsche Einwanderungspolitik gemacht?

Diese Zahl hat auch mich erschüttert, und ich habe mir die Zahlen sehr objektiv angeschaut. In diesem Punkt ist in Österreich sehr viel schiefgelaufen. Österreich ist in Europa eines der Länder mit der höchsten Zuwanderung in den vergangenen zehn Jahren. Leider sind auch viele bildungsferne Migranten dabei. Österreichweit haben wir 20 Prozent Kinder, die aus einem nicht deutschsprachigen Haushalt kommen. Zum Vergleich: Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund lag im Jahr 2000 noch bei elf Prozent. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, dann produzieren wir Generationen wie in Frankreich oder in Deutschland, die chancenlos sind. Nur 46 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund erreichten das Basislevel in den getesteten Bereichen bei PISA 2015. 31 Prozent der 15-Jährigen in Österreich sind in mindestens einer der drei PISA-Domänen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften besonders leistungsschwach. Das heißt, die Bildungsfernen rücken immer näher, wenn 80 Prozent einer Klasse dem Unterricht nicht folgen können. Das haben wir aber nicht notwendig, weil wir das zweitteuerste Bildungssystem innerhalb der EU haben. Leider verbrennen wir das Geld systematisch.

Studien zeigen auch, dass ein hoher Migrationshintergrund nicht zwangsläufig zu schlechten Leistungen in der Schule führen muss. Wie kann man diese Negativspirale bei Kindern mit Migrationshintergrund in Österreich stoppen? Gerade Schüler von bildungsfernen Migranten, die am Nachmittag

(Sprach-)Nachhilfe und pädagogische Betreuung bräuchten, gehen oft nicht in Ganztagsschulen, weil ihre Eltern das prinzipiell ablehnen oder sie die Kosten dafür nicht übernehmen wollen. Kanada beispielsweise fördert die Schulen darin, die Eltern, Nachbarschaften und ethnische Communitys einzubinden. In Stadtteilen mit besonders hoher Einwanderung arbeiten in den Schulen Integrationsberater, die Eltern bei schulischen und sonstigen Integrationsfragen beraten. Nur an der Schule zu wirken, ist zu wenig, man muss auch das Umfeld einbinden.

Stichwort: Digitales Klassenzimmer. Sie schreiben in Ihrem Buch, man solle das Handy nicht verbieten, sondern die Chancen nützen. Für die Eltern ist es ein ständiger Kampf mit den Kindern, wie lange das Handy gebraucht werden darf. Wie schaut nun der richtige Umgang aus?

Zu glauben, dass man das Handy verbieten kann, ist Unsinn. Die Zahnpasta bringt man auch nicht mehr in die Tube, wenn sie einmal ausgedrückt ist. Aber es braucht klare Spielregeln im Unterricht.

Wie kann man das Handy und digitale Medien im Unterricht sinnvoll einsetzen?

Ein Beispiel im Sprachunterricht: Man bildet Dreiergruppen. Zwei Kinder unterhalten sich in der jeweiligen Sprache zu einem bestimmten Thema. Das dritte Kind nimmt das Gespräch auf und schickt es der Lehrerin. Die Lehrerin sieht dadurch, wie das tatsächliche Sprachniveau in dieser Klasse ist und sieht, welche Fehler korrigiert gehören. Dadurch sind alle eingebunden, alle reden in der Fremdsprache und nicht nur Einzelne. Ein anderes Beispiel ist Mathematik. In diesem Schreckensfach für viele gibt es mittlerweile hervorragende digitale Programme, die besser als jeder Nachhilfelehrer sind. Wenn man die Übungen absolviert, bekommt der Schüler wie bei einem Spiel sofort Feedback, was falsch ist, inklusive kleiner Erklärvideos. Schafft er fünf Übungen, steigt er in das nächste Level auf. Die Digitalisierung hat gerade im Unterricht viele Vorteile. Richtig umgesetzt steigert sie die Lernfreude der Schüler und befreit die Lehrer von Frontalvorträgen.

Eines gleich vorweg: Der Titel „Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde“  erinnert frappant an den ersten Schulbestseller von Andreas Salcher. Das soll auch so sein, aber das Buch ist inhaltlich neu. Er zeigt auf, wie groß das Problem der Kinder von bildungsfernen Familien ist. Aber Salcher präsentiert auch Lösungen für das Problem. Und der Bildungskritiker analysiert, warum das österreichische Bildungssystem  zwar finanziell bestens ausgestattet ist, aber die Ressourcen falsch eingesetzt werden. Dadurch werden die Talente unserer Kinder nicht gefördert. Anhand  von Beispielen zeigt Salcher auch, wie das digitale Klassenzimmer der Zukunft aussehen soll.

Buchtipp: „Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde“, ecowin-Verlag, 24 Euro.