Politik | Inland 15.04.2018

Analyse: Die digitale Gehörlosigkeit

© Bild: AP/Alex Brandon

Politiker wollen nur mehr senden, am liebsten digital. Aber ohne Zuhören gibt es keine gegenseitige Annäherung.

Man muss sich das immer wieder bildlich vor Augen führen: Da sitzt ein alter Mann in der Früh im Bett, die Haare noch ungeordnet ohne Spray, ärgert sich über das Frühstücksfernsehen und klopft seine Aggressionen ins Handy. Leider ist der Mann US-Präsident, verfügt über Atomwaffen und sendet seine Wut über Twitter in die ganze Welt. Wenn er dann im TV vom Angriff auf Syrien berichtet, ist er schon frisiert, in Syrien haben seine Raketen nichts geändert.

Donald Trump ist das Symbol für die neue, digitale Weltunordnung der Nicht-Kommunikation: Die technischen Mittel für Verständigung und Verständnis über die Kontinente und über alle Sprachbarrieren hinweg sind so großartig wie nie zu zuvor. Gleichzeitig ist die Bereitschaft der Menschen, andere verstehen zu wollen und sich mit ihnen auszutauschen, so gering wie lange nicht. Das gilt für die Weltmächte ebenso wie für kleine Einheiten. Smartphones, Glasfaser und Satelliten führen uns in die neue Zeit der digitalen Gehörlosigkeit.

Trumps fingerschnelle Drohung mit „netten, neuen und smarten Raketen“ klingt verrückt, ist es auch, aber wir müssen dem Präsidenten dankbar sein. Er hat uns in dieser Woche wieder Gefahr und Folgen der Einweg-Kommunikation aufgezeigt, die vor allem in Extremsituationen drastische Auswirkungen haben kann.

Kollektive Erregung

Der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreibt in der Zeit vom „Scheitern der Besonnenen“. Er bezieht sich auf die Twitter-Aktivitäten nach der Amokfahrt in Münster am vergangenen Samstag. Ganz ohne Informationen wurde wild spekuliert und heftig gehetzt. In der Sprache des Professors: Vernetzte Medien führen zu „kollektiver Erregung und Relevanzverzerrung“.

Mit offenen Debatten und der Suche nach Ergebnissen tun sich aber auch die Intellektuellen schwer. Eine Gruppe von Deutschen hat vor einem Monat eine „Gemeinsame Erklärung“ publiziert. In nur zwei Sätzen wird die „illegale Masseneinwanderung“ beklagt und die „Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung“ verlangt. Ziel ist es, dass möglichst viele Deutsche unterschreiben und der Bundestag sich mit der Petition beschäftigen muss.

Nun kann man ja anderer Meinung sein, aber anstatt sich auf eine Diskussion einzulassen, schlugen Medien und Autoren heftig zurück. So nach dem Motto: „Warum sachlich, wenn es persönlich auch geht“ wurden einzelne Proponenten einfach vernadert. Thilo Sarrazin mag sich manchmal sonderbar verhalten, Henryk M. Broder in seiner „Achse des Guten“ oft die pure Provokation suchen. Aber die Gesprächsverweigerung von großen Medien ist einfach ein Armutszeichen.

 

Cool Germany

Dabei titelt der britische Economist gerade in dieser Woche „Cool Germany“ und meint damit nicht das Wetter. Mit dem Blick von außen sehen die britischen Autoren eine „pluralistische Gesellschaft“ und schreiben den Deutschen ein „moderates Temperament“ zu. Außerdem seien sie wegen ihrer Vergangenheit „sensibel gegenüber den Gefahren der Demagogie“. Aber gerade der Demagogie entgegnet man am besten mit der Ruhe der Überlegenheit, nicht mit aufgeregter Gesprächsverweigerung.

Österreich ist anders. Hier wird weder gesprochen noch verweigert. Intellektuelle halten sich im Verborgenen auf, echte Debatten mit Rede und Gegenrede finden kaum noch statt. Das mag auch daran liegen, dass niemand eine Antwort auf die FPÖ mit ihrer – bewussten oder unbewussten – kommunikativen Doppelstrategie gefunden hat. Norbert Hofer gibt den sachbezogenen Fachminister mit freundlichem Lächeln, während sich im Internet Bezirkspolitiker rassistisch äußern, zuletzt über die Ärztin und SPÖ-Politikerin Mireille Ngosso, die aus dem Kongo stammt.

Auf der Bundesebene tun sich Widersprüche auf, die die Regierung nicht überdecken kann, weil Geld und Macht im Spiel sind – also alles. Ob es nun um Krankenkassen, Spitäler oder Kompetenzen der Länder geht, die widersprüchlichen Interessen müssen ausgetragen werden, und zwar öffentlich.

Partner im Streit

Der Erfolg der 2. Republik liegt genau darin: Die Sozialpartner haben die unterschiedlichen Standpunkte zunächst klar formuliert, jeder wusste, worüber geredet, verhandelt und gestritten wird. Lösungen gab es nur nach langen Debatten, aber es gab sie. Die Bedeutung der Sozialpartner ist gesunken, das wäre eine Chance für das Parlament. Von vielen prominent angekündigten und vermarkteten Kandidaten haben wir aber seit den Wahlen nichts mehr gehört. Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka will nun eine Stärkung des Persönlichkeitswahlrechts. Alles, was zu weniger Abhängigkeit von Parteien führt, ist zu begrüßen. Und die Regierung wird verstehen müssen, dass offene Konflikte mit Ländern und Sozialpartnern keine Schande, sondern notwendig sind, ebenso wie ihre öffentliche Austragung.

Auf internationaler Ebene muss die Twitterokratie wieder vom Dialog abgelöst werden. Im Kalten Krieg ist es dem Westen durch den KSZE-Prozess ab 1973 gelungen, mit kommunistischen Diktatoren über Menschenrechte zu sprechen. Ein paar hässliche Tweets hätten damals nichts bewegt. Kommunikation braucht auch die Suche nach Gemeinsamkeiten. Die digitale Welt aber führt immer mehr auseinander.

( Redaktion ) Erstellt am 15.04.2018