Politik | Inland
14.05.2017

"Am Stammtisch, unter Freunden, fällt die Anspannung von ihm ab"

Der Ex-Chef der Volkspartei wird schon in seinem Heimatort Helfenberg erwartet.

Er steht eine Weile schweigend da, schaut in die Runde der Journalisten, grinst, holt Luft, "und dann teilt er eine Detschn nach der anderen aus". So schildert Peter Haudum den Moment, der ihn und Tausende Fernsehzuschauer am Mittwoch in Staunen versetzt oder "das Heu owe g’haut" hat, wie man auf gut Mühlviertlerisch sagt. So kannte man ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner bis dato nicht.

Es war die Abrechnung eines Mannes, der nach außen hin stets ruhig und pragmatisch wirkte – neben so manchem Selbstdarsteller der österreichischen Politlandschaft manchmal direkt fad. Seine engen Freunde und Bekannten – wie sein Schwager Peter Haudum aus Oberösterreich – haben dafür eine einfache Erklärung: "Er ist sehr gewissenhaft, aber irgendwann reißt ihm die Hutschnur, und da war es soweit."

Ab heute ist der 61-Jährige quasi arbeitslos. Beim ÖVP-Bundesvorstand legt er den Parteivorsitz zurück. In Helfenberg, Oberösterreich, wo er aufgewachsen ist und ein Haus besitzt, das er sonst nur an Wochenenden mit seiner Familie bewohnt, erwartet man ihn nächste Woche. Ob er Wien ganz den Rücken kehrt, bleibt abzuwarten.

Im Mühlviertler Idyll

Helfenberg: Ein Kirchturm, ein Wirtshaus, rundherum die grünen Mühlviertler Hügel – für den Christdemokraten, leidenschaftlichen Tarockierer und Radfahrer so ziemlich alles, was er zur Erholung braucht. Im Gasthof Haudum, der seinem Schwager gehört, findet jedes Jahr eine Benefiz-Tarock-Runde statt – prominent besetzt und vorbildhaft überparteilich. Mit dabei war schon der Grüne Peter Pilz und der rote Ex-Bürgermeister von Linz Franz Dobusch.

Heuer im April saß ORF-Korrespondent Roland Adrowitzer mit Mitterlehner am Tisch. "So gelöst und locker habe ich ihn noch nie erlebt. Am Stammtisch, unter seinen alten Freunden, fällt die Anspannung von ihm ab. Da wird nicht über Politik geredet, sondern Schmäh geführt."Mitterlehner hatte das beste Blatt – ein "Valat" – und später doch verloren. Ein böses Omen? Adrowitzer hat der plötzliche Rücktritt, einen Monat später, jedenfalls überrascht. "Er war ein ausgezeichneter Sachpolitiker, der etwas weiterbringen wollte. Überrascht hat mich deshalb mehr der Zeitpunkt, als die Umstände." Wie es jetzt für den Ex-ÖVP-Chef weitergeht? "Er hat eine beachtliche Karriere hinter sich, er wird nicht lange Job suchen müssen", meint Christoph Leitl, Mitterlehners "privater und beruflicher Lebenswegbegleiter", wie der Wirtschaftskammer-Präsident sich beschreibt.

Im Jahr 2000 hat Leitl den damals 45-Jährigen als seinen Generalsekretär rekrutiert. Mitterlehner sei damals einer der "jungen Wilden" gewesen, der die Kammer umkrempeln wollte. Diese Dynamik scheint Mitterlehner in den Mühen der Bundespolitik etwas abhanden gekommen zu sein. Leitl sagt zum Rücktritt aber: "Es entspricht seinem konsequenten Stil, dass er einen Schlussstrich gezogen hat. Und die Art, wie er das gemacht hat, respektiere ich nicht nur, sie gefällt mir auch."

"Wäre fast ganz gerne geblieben"

Wie Leitl geht es offenbar vielen. In den sozialen Netzwerken gereichte Mitterlehners CV-Couleurname zu humorvollen Fotomontagen. "Django unchained" wurde zum geflügelten Wort, viele bedauern seinen Rückzug.

Für den Zuspruch bedankte sich Mitterlehner mit einer Videobotschaft. "Da bekommt man fast den Eindruck, dass man ganz gerne in der Politik geblieben wäre", sagt er da, das weiße Hemd am Kragen locker aufgeknöpft, und setzt nach: "Das ist aber nicht so. Die Entscheidung ist gefallen." Wie es weitergeht, kann er selbst noch nicht beantworten. Erst einmal: "Die neue Lebensqualität genießen."