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Politik | Inland
07/14/2019

In Europa einzigartig: Wiener Hochschule bildet Religionslehrer acht verschiedener Glaubensrichtungen aus

Die Kirchlich Pädagogische Hochschule Wien/Krems ist mit 2500 Studierenden die größte private pädagogische Hochschule Österreichs.

Für den scheidenden evangelischen Bischof Michael Bünker ist sie DAS Symbol der Ökumene in Österreich: Die Kirchlich Pädagogische Hochschule Wien/Krems (KPH). Hier werden Religionslehrer acht verschiedener Glaubensrichtungen ausgebildet. Der KURIER hat sich die Hochschule in Wien-Floridsdorf vor kurzem genauer angeschaut. 

Wir sind zu Gast im Seminar von Soziologie-Dozent Reinhard Feldl. 16 Studentinnen und Studenten diskutieren heute im Modul „Schule aus systematischer Sicht“, was ist eine gute Schule ausmacht. Die zehn jungen Frauen und sechs jungen Männer sind im achten Semester des Bachelorstudiums Lehramt  Primarstufe. Im Sommer machen sie ihren Abschluss.

Religionsschwerpunkt

Die KPH Wien/Krems ist mit sieben Standorten in Wien und Niederösterreich und rund 2500 Studierenden nicht nur die größte private pädagogische Hochschule in Österreich. Sie ist – und das macht sie wirklich einzigartig – die einzige pädagogische Hochschule, die Religionslehrer in acht verschiedenen Glaubensrichtungen ausbildet.

Dabei ist Religion – neben Inklusiver Pädagogik, Schwerpunktfächern wie Sprachen oder Mathematik, Elementarpädagogik und Schulentwicklung – nur einer von fünf Schwerpunkten im Primarstufenlehrplan, die die KPH anbietet. Welchen Schwerpunkt sie wählen, entscheiden die Studenten im fünften Semester.

Derzeit belegen 114 der 610 Lehramtsstudierenden des dritten und vierten Jahrgangs den Religionsschwerpunkt. Das ist zwar eine klare Minderheit, trotzdem ist Religion allgegenwärtig im Gebäude. „Man spürt die Spiritualität im ganzen Haus“, sagt Student Arash Taheri.

Wenig überraschend. Träger der Schule sind schließlich die christlichen Kirchen Österreichs: Die katholische, evangelische und die orthodoxen. „Da hat die Religion natürlich einen großen Stellenwert“, sagt Vizerektorin Notburga Grosser.

Europaweit einzigartig

Doch das Religiöse hier beschränkt sich keineswegs nur auf das Christentum: Durch Kooperationen mit den Glaubensgemeinschaften werden auch freikirchliche, islamische, alevitische, ab dem nächsten Wintersemester jüdische und ab Herbst 2020 auch buddhistische Religionslehrer ausgebildet.

Letzteres ist europaweit einzigartig. Seit 1983 ist der Buddhismus in Österreich staatlich anerkannt, seit 1993 gibt es buddhistischen Religionsunterricht an den Schulen. Bisher wurden die Religionslehrer jedoch über die Fachinspektionen ausgebildet. Derzeit gibt es österreichweit 14 buddhistische Lehrer für 231 Schüler.

Angesichts gerade einmal 25.000 Buddhisten im Land wird sich die Nachfrage in Grenzen halten. Aber das Angebot soll wenigstens da sein. Auch in anderen „Minderheitenreligionen“ sind es zum Teil weniger als zehn Studierende, sagt Vizerektorin Grosser.

„Haus des Friedens“

Student Arash Taheri ist „religiös nicht sehr interessiert“ und studiert mit Schwerpunkt Schulentwicklung. Trotzdem schwärmt er von der Hochschule: „Ich nenne sie manchmal übermütig ,Haus des Friedens‘“, erzählt er lachend, „das könnte ein Vorbild, ein Modell für die Gesellschaft sein.“

Sein Studienkollege Joseph Potyka spricht von einem geradezu „familiären Klima“ an der KPH. „Es sind viele verschiedene Religionen im Haus, die alle dasselbe in den Mittelpunkt stellen: den Menschen“, sagt der 24-Jährige, der evangelische Religion als Schwerpunkt hat.

Bis heute ist das Verhältnis zwischen den Religionen und Konfessionen oft konfliktbeladen. Solche Probleme kennt man an der KPH nicht. „Ganz im Gegenteil“, sagt Duycan Yilmaz. „Ich selbst war anfangs erstaunt, wie gut ich als Muslima in einer christlichen Schule aufgenommen wurde.“

Für Jennifer Görlich, die wie Potyka evangelische Religion als Schwerpunkt hat, ist die religiöse Vielfalt in der Hochschule „eine Bereicherung. Man lernt viel voneinander“. „Und alle bringen einander Wertschätzung entgegen“, sagt der 40-jährige frühere Yoga-Lehrer Saurabh Thakur, „auch wenn man selbst nicht religiös ist, das ist hier überhaupt kein Problem“.

Zu kleine Gruppen

Auch Vizerektorin Grosser sieht in der Glaubensvielfalt des Hauses „eigentlich nur Vorteile. Wir lernen voneinander und miteinander. Und wir lernen das Eingehen auf Minderheiten“.

Schwierigkeiten gebe es höchstens aus organisatorischen Gründen. So müssen zum Teil kleine Religionsgruppen in Seminargruppen zusammengefasst werden, um den religionspädagogischen Unterricht überhaupt zu ermöglichen. Aber auch die männlichen Studierenden – sie machen nur etwa 10 Prozent pro Jahrgang aus – werden zum Teil zusammengefasst. „Dadurch sind sie keine Exoten, das stärkt das Selbstbild und das Berufsbild“, sagt Grosser.

Die Klasse, in der wir heute zu Gast sind, ist so eine „Männergruppe“. Aber selbst hier sind Männer in der Minderheit. Nur sieben Prozent der Volksschullehrer sind männlich. Darum versucht man an der KPH auch verstärkt, Männer für den Beruf zu gewinnen.

Die größte private Pädagogische Hochschule

In diesem Sommer dürfen die ersten Absolventen der Lehrerausbildung neu ihr Bachelor-Diplom in Empfang nehmen. 2015 wurde die Lehrerausbildung im Primarbereich neu organisiert. An Stelle der dreijährigen Volksschullehrerausbildung trat ein achtsemestriges Bachelorstudium mit verschiedenen Schwerpunkten.

Die Ausbildung erfolgt an Pädagogischen Hochschulen. Davon gibt es in Österreich 14: Neun öffentliche und fünf private, davon  vier kirchliche. Nur dort werden auch Volksschulreligionslehrer ausgebildet.

Die größte private Pädagogische Hochschule ist die KPH (Kirchlich Pädagogische Hochschule) Wien/Krems mit rund 2500 Studierenden, davon rund 1300 im Primarstufenlehramt. Diese können aus fünf Schwerpunkten auswählen: Religion, Inklusive Pädagogik, Schwerpunktfächer (z.B. Sprachen oder Mathematik), Elementarpädagogik und Schulentwicklung.  Im Gegensatz zu früher wird man also nicht einfach Religionslehrer, sondern Volksschullehrer, der auch Religion unterrichten darf. Für eine dauerhafte Anstellung als Volksschullehrer, muss man  ein Masterstudium anhängen. 

Die KPH Wien/Krems wurde 2007 gegründet. Damals wurden acht selbstständige Institutionen zusammengeführt, darunter die Pädagogischen Akademien der Erzdiözese Wien und der Diözese St. Pölten sowie die Religionspädagogische Akademie der Evangelischen Kirche. 

Träger der KPH sind sieben christliche Kirchen (römisch-katholisch, evangelisch, griechisch-orientalisch, drei orientalisch-orthodoxe, altkatholisch). Kooperationen gibt es mit der Islamischen und der Alevitischen Glaubensgemeinschaft, der Israelitischen und der Buddhistischen Religionsgesellschaft. 

Die KPH bietet zahlreiche pädagogische Studien und Hochschullehrgänge  zur Lehreraus- und Weiterbildung. Kerngeschäft ist jedoch die Lehrerausbildung im Bereich der Primarstufe.