Politik 02.01.2012

"Ich will nicht, dass wir wie Europa werden"

Die Wahlkampfmaschinerie ist angelaufen. © Bild: REUTERS

Die Vorwahl in Iowa ist ein "Schönheitswettbewerb" für die republikanischen Präsidentschaftswerber – und ein Großereignis für Medien aus aller Welt.

Ein riesiges Pressezentrum mit überdimensionalen Videowänden. Berichterstattung rund um die Uhr. Straßensperren wegen zahlreicher Satellitenwagen. Die republikanischen Vorwahlen in Iowa sind für die US-Medien das erste Mega-Ereignis des neuen Jahres.

Geschätzte 1500 Journalisten werden in der Stadt Des Moines erwartet – und es könnten noch mehr werden. Sie alle kommen in die Provinz, um ausgiebig über die möglichen Herausforderer von Barack Obama zu berichten, die sich um 19 Uhr Lokalzeit in 1.774 Parteitreffen (genannt „Caucus“) zur Wahl stellen.

Nach der letzten Umfrage der Zeitung Des Moines Register zu Silvester könnte Ex-Gouverneur Mitt Romney knapp gewinnen. Der Kongressabgeordnete Ron Paul folgt knapp dahinter an zweiter Stelle. Der erzkonservative Rick Santorum, ein früherer Senator aus Pennsylvania, liegt mit seinem Endspurt aber auf der Überholspur. Doch aufgrund der hohen Anzahl unentschiedener „Caucus“-Geher und ohne wirklich klarem Favoriten bleibt das Rennen weiter völlig offen.

TV live aus Iowa

Ein ziemliches Chaos ohne vorhersehbares Ergebnis, also umso reizvoller für die versammelten Reporter. Die Chefredakteurin der New York Times, Jill Abramson, kündigte schon vor Wochen über Twitter an, mit von der Partie zu sein.

Die in den USA beliebte Sonntags-Pressestunde „Meet The Press“ des Senders NBC wurde diese Woche live aus Iowa übertragen. CNN verfolgt schon seit Tagen die Kandidaten auf Schritt und Tritt. Journalisten aus etwa 30 Ländern sind vertreten, unter anderem China, Japan und Schweden.

Dabei ist die Abstimmung in Iowa nicht viel mehr als eine überdimensionierte Meinungsumfrage von Parteiaktivisten – wer sonst würde seinen Dienstagabend für ein Parteitreffen aufopfern? Sie ist kaum besonders repräsentativ. In der Tat bestimmen die Republikaner Iowas erst in einigen Monaten die Wahlmänner für ihre im August stattfindende Tagung (Republican National Convention) in Florida. Zu diesem Zeitpunkt steht der republikanische Rivale Obamas vielleicht schon fest.

Iowa dient einfach nur als netter Hintergrund für diese Leute. Sie kommen, verkaufen ihre Botschaft und die Medien berichten darüber“, meint Steffen Schmidt, Professor an der Iowa State University, in einem Interview mit dem KURIER. „Wir wählen nicht wirklich einen Kandidaten der Partei aus, wir geben den Medien nur eine Gelegenheit, sie zu prüfen und das zu verbreiten.“

„Ich liebe dieses Land“

Dennoch bringt der „Schönheitswettbewerb“ in Iowa gewissermaßen den Stein des Vorwahlprozesses ins Rollen. Und das kann über Erfolg oder Misserfolg eines Kandidaten bereits entscheiden. Schneidet man in Iowa gut ab, geht man gestärkt nach New Hampshire, wo Tage später die erste „Primary“-Vorwahl stattfindet. Medienspektakel hin oder her, jeder weiß die Aufmerksamkeit zu nutzen.

In der Schlussgeraden tauchen die meisten Kandidaten noch einmal zusätzlich kräftig an. Von früh bis spät wird der Nahkampf mit den Wählern gesucht, werden die Reden ein letztes Mal geschärft. Romney erklärte zum Beispiel am Samstag vor einer Versammlung in Le Mars, Iowa, dass Präsident Barack Obama versuche, Amerika in einen europäischen Wohlfahrtsstaat zu verwandeln. „Ich liebe dieses Land,“ rief er der Menge zu. „Ich will nicht, dass es mehr wie Europa wird!“

Und so wird die Atmosphäre immer rauer. Unter anderem durch schmutzige Attacken, lanciert auf lokalen TV-Stationen, die besonders den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, zum Ziel haben.

Für Iowa ist der ganze Spaß auch finanziell von Vorteil. Tiffany Tauscheck, Marketing Chefin des Greater Des Moines Convention and Visitors Bureau, sagte dem KURIER, dass unter anderem die Einnahmen in Hotels, Restaurants und Geschäften in den Tagen vor den „Caucuses“ vergleichbar seien mit denen eines mehrtägigen Sportevents.

Die Kontrahenten

Mitt Romney

Ex-Gouverneur von Massachusetts, millionenschwerer Businessmann

Stärke: Wirtschaftskompetenz, Schwäche: gilt als Opportunist

Chancen in Iowa: schwächelnder Favorit

Chancen auf's Weiße Haus: konstant mäßig

Rick Santorum

Ex-Senator aus Pennsylvania, TV-Kommentator

Stärke: konservativer Ideologe, Schwäche: kommt bei Wählern nicht gut an

Chancen in Iowa: gut

Chancen auf's Weiße Haus: gering

Newt Gingrich

Fraktionsführer im Kongress, Lobbyist, erfolgreicher Buchautor

Stärke: erfahrener Polit-Stratege, Schwäche: gilt als skrupellos, Ehebrecher

Chancen in Iowa: schlecht

Chancen auf's Weiße Haus: könnte Überraschung liefern

Ron Paul

Kongressabgeordneter, Arzt, radikaler Liberaler, will Staat zusammenstutzen

Stärke: klare politische Linie, Schwäche: gilt als politischer Extremist und Eigenbrötler

Chance in Iowa: könnte Überraschung liefern

Chancen auf's Weiße Haus: null

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Erstellt am 02.01.2012