Politik
05.12.2011

Guben/Gubin: Zurück zur Grenzkontrolle

In der zweigeteilten Stadt zwischen Deutschland und Polen will ein Bürgermeister keine offene Grenze mehr.

Deutscher Bürgermeister stempelt uns zu Dieben", titelte eine polnische Regionalzeitung, als Klaus-Dieter Hübner (FDP), der Ortsvorsteher der Stadt Guben in Brandenburg, kürzlich die Rückkehr zu Kontrollen an der polnischen Grenze forderte. Ein Ruf nach dänischem Vorbild, dem sich andere ostdeutsche Grenzstädte anschließen. In Berlin bemüht man sich um Schadensbegrenzung, schließlich hat man mit den eigensinnigen Dänen schon genug Ärger.

Guben liegt am Westufer der Neiße, östlich des Flusses liegt Gubin (siehe Grafik). Der ehemalige Stadtteil gehört seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu Polen.

"Missverstanden"

Er werde missverstanden, klagt der FDP-Politiker Hübner im KURIER-Gespräch: "Von einem Schlagbaum war nie die Rede." Der frühere Unternehmer spricht gedämpft. Er ist ein Mann, der es gewohnt ist, seine Überzeugungen ohne Hast vorzutragen. Bei der letzten Bürgermeisterwahl fuhr er 65 Prozent ein.

"Hier in Guben wird Europa wahrhaftig, ehrlich und offen gelebt." Hübner verweist auf deutsch-polnische Schulprojekte, auf Bauvorhaben, die zusammen mit der polnischen Partnerstadt Gubin umgesetzt werden und wurden. Doch die Diebstähle hätten heuer um 32 Prozent zugenommen, die Koordination mit der polnischen Seite zur Verbrechensaufklärung stocke. Als die Leiterin einer Begegnungsstätte beklagte, dass wieder einmal alle Kupferverkleidungen von ihrem Gebäude heruntergerissen worden seien, sei er schließlich an die Öffentlichkeit gegangen. Und wenn man sich in Guben umhört, findet der Bürgermeister viel Unterstützung für seinen Vorstoß.

Wachsamkeit

Olaf Burtchen ist zumindest wachsam. Der Betriebsleiter eines Kieswerks bei Guben verbucht seit einem Jahr einen Schaden von insgesamt 50.000 Euro: Bauteile wurden entwendet, Diesel aus Fahrzeugen abgezapft. Letzte Woche fuhr ein flüchtender Dieb seinen Traktor zu Schrott. Die gefassten Täter seien alle Polen gewesen, stellt Burtchen fest. Gegen die polnische Nation im Allgemeinen habe er ja nichts.

Seiner Meinung nach wurden die Baumaschinen und Traktoren, die zuletzt im Raum Guben gestohlen wurden, durch internationale Banden nach Russland gebracht. Die Schengen-Außengrenzen zu Weißrussland und der Ukraine seien durch korrupte Zöllner nicht sicher. Dass in Deutschland Baumaschinen, Traktoren und Autos gestohlen und in die GUS-Staaten geschleust werden, bestätigt auch das Bundesinnenministerium in Berlin auf Anfrage.
Die Grenze zwischen Guben und Gubin besteht seit dem Schengen-Abkommen aus offenen Brücken über die Neiße, über die Polen und Deutsche im Sommer Eis essend hin und her schlendern. Ganz so, wie man es von einer "Euromodellstadt" erwartet.

"Bis morgen", rufen Ania und Kasia auf Deutsch ihrer polnischen Freundin und deren deutschem Freund zum Abschied in Gubin zu. Auf Hübners Vorstoß angesprochen, ist ihre Fröhlichkeit schnell vorbei. Der Bürgermeister wolle die polnischen Bewohner der Doppelstadt diskreditieren.

"Darüber reden"

Auch Bartlomej Bartczak, der Bürgermeister von Gubin (Partei Bürgerplattform), ist sauer. "Von Guben wurde uns nichts gesagt, dass die Kriminalitätsrate angestiegen sei. Darüber hätte man doch reden können." Bartczak selbst kann kein Desinteresse am Nachbarn nachgesagt werden. In seinem Sekretariat liegt die Regionalzeitung Lausitzer Rundschau auf. Der 33-Jährige ging auf die Europaschule in Guben, studierte auf der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder und spielte in mehreren deutschen Fußballmannschaften. Aber nun sieht er einen Rückschritt im nachbarschaftlichen Verhältnis. Es erinnert ihn an die 1990er-Jahre, als er nach dem Einkauf im Supermarkt von Guben vom Wachdienst nach geklauten Waren abgetastet wurde.