Grippemittel als Ladenhüter

APDas undatierte von der Firma Roche am Dienstag, 28. April 2009, zur Verfuegung gestellte Bild zeigt einen Mitarbeiter der Firma Roche im Bereich der Kapsulierung, der Leerkapseln fuer Tamiflu kontrolliert. Der Pharmakonzern Roche kann nach eigener Aussa
Foto: AP Gutes Geschäft: Allein im Jahr 2009 setzte Hersteller Roche mit dem Grippemittel Tamiflu 1,8 Milliarden Euro um.

Bund und Länder horten Grippemittel für vier Millionen Menschen. Ein Teil läuft bald ab. Nun hinterfragt man den Nutzen solcher Depots.

Für den Pharmakonzern Roche war es das Geschäft schlechthin: Als 2005/’06 die Vogelgrippe weltweit für Panik sorgte, lagerten zahlreiche Staaten große Vorräte des Grippemittels Tamiflu ein.

So auch Österreich. Für den Fall einer massiven Influenza-Pandemie stehen in mehr oder weniger geheimen Lagern Tamiflu-Reserven bereit, mit denen rund vier Millionen Bürger versorgt werden können. Ein Zehntel davon in handelsüblichen Kapseln, der Rest als Pulver, der in Fässern gelagert wird. Allein das Land Niederösterreich hat 450 Kilo Tamiflu-Wirkstoff um 3,5 Millionen Euro gekauft, der in den Kellern des Regierungsviertels gebunkert ist.
Die große Influenza-Katastrophe blieb vorerst freilich aus und die bisher ungenutzten Tamiflu-Vorräte kommen langsam in die Jahre. Zumindest die Kapseln hätten 2011 ablaufen sollen (siehe Faksimile) . Die Europäische Arzneimittelbehörde hat aber nach Tests das Verfallsdatum inzwischen auf 2013 verschoben.

„Die Haltbarkeit des Pulvers in den Fässern liegt wahrscheinlich bei zehn bis zwölf Jahren“, sagt Christoph Baumgärtel von der Arzeneimittelbehörde AGES PharmMed. Im Detail müsse dies noch mit Studien geklärt werden.

Sondermüll

Tamiflu Foto: Faksimile

Die Kapseln jedoch werden nächstes Jahr als Sondermüll wohl vernichtet werden müssen. Dass sie noch kurz vor Ablauf der Haltbarkeit über die Apotheken zur Behandlung normaler saisonaler Grippefälle verkauft werden, ist laut Roche nicht möglich: „Schließlich haben wir sie seinerzeit mit 70 Prozent Preisabschlag an Bund und Länder verkauft.“

Für den Fall, dass die Vertragspartner neues Tamiflu nachkaufen, übernimmt die Firma die Entsorgungskosten ( 242 Euro pro Tonne).

Es ist allerdings fraglich, ob Bund und Länder auf diesen Deal eingehen. Denn im Gesundheitsministerium ist man gerade dabei, die derzeit gültigen Pandemiepläne neu zu überarbeiten.

Anlass ist der als viel zu hysterisch kritisierte Ungang der Weltgesundheitsorganisation mit dem Schweinegrippe-Virus, das 2009 auftauchte. „Im Zuge der Evaluierung der Pandemiepläne werden wir auch die Sinnhaftigkeit der Tamiflu-Vorräte neu bewerten“, sagt eine Sprecherin von Minister Alois Stöger (SPÖ). Noch dieses Jahr könnte der neue Plan vorliegen.

(kurier / Josef Gebhard, Martin Wimmer) Erstellt am
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