Politik
10.04.2012

Freiwillige haben mehr Kinder

Wissenschaft: Warum hilft der Mensch ohne Gegenleistung? Warum spendet er sein Geld, sein Blut und seine Zeit? Forscher entdecken einen evolutionären Grund.

Was haben Ramses II., Bob Marley und Daniel Kelly gemeinsam? Sie alle gelten im Sinne der Evolution als überaus erfolgreich. Ramses II. gab seine Gene an mindestens 95 Nachkommen weiter, bei Marley wird über 46 gemunkelt und Kelly ist Vater der 12-köpfigen, singenden Kelly-Familie. Wenn sie jetzt auch noch Freiwilligenarbeit geleistet hätten, würden sie der Ideal-Typus dessen sein, was Martin Fieder und Susanne Huber herausgefunden haben. Die beiden Biologen vom Department für Anthropologie der Universität Wien konnten nämlich nachweisen, dass Männer, die sich bei freiwilliger Arbeit engagieren, im Mittel mehr Kinder haben.

Langzeitstudie

Eigentlich sind die Wissenschafter auf die Rekord-Väter gar nicht angewiesen – der "Wisconsin Longitudinal Study" sei Dank: "Das sind frei im Netz verfügbare, amerikanische Daten, die bisher hauptsächlich von Sozialwissenschaftlern genutzt wurden", erzählt Fieder. "Jeder kann sie runterladen, und es kostet keinen Cent. Wir schauen sie jetzt durch die biologische Brille an."

Die Studie verfolgt den Lebensweg von Highschool-Absolventen, die von 1937 bis 1940 in Wisconsin geboren wurden. Fieder: "Alle fünf bis zehn Jahre wurden die 10.317 Männer und Frauen über ihre Lebensumstände interviewt. Mehr als 12.000 Fakten wurden abgefragt: Etwa wie viele Kinder, welches Einkommen, Bildung, ob sie ein Musikinstrument spielen und sich bei der Freiwillige Feuerwehr, beim Rettungsdienst, als Erzieher oder in der Nachbarschaftshilfe engagieren."

Und siehe da: 0,4 Kinder mehr für freiwillig-arbeitende Männer – das ergab die Durchsicht der amerikanischen Daten durch die biologische Brille.

Hilfe für Fremde

"Dass Männer im Schnitt mehr Kinder haben, wenn sie im Rahmen von freiwilliger Arbeit anderen helfen, ist überaus bemerkenswert, da dieser Zusammenhang bisher so noch nicht gefunden wurde", sagt Fieder. Die in der Wissenschaftszeitschrift PlosOne erschienene Studie könnte helfen, die in der Evolutionsbiologie so oft gestellte Frage "Warum wir Menschen auch nicht verwandten Personen helfen und mit diesen kooperieren" zu beantworten, ist der Anthropologe überzeugt. "Alles deutet darauf hin, dass Kooperation ein tief verwurzeltes evolutionsbiologisches Prinzip sein könnten. Man kann sagen, dass Helfen bei Männern biologisch belohnt wird. Und sich uneigennütziges Verhalten im Laufe der menschlichen Evolution nur so etablieren konnte." Denn, wenn Männer, die uneigennütziges Verhalten zeigen, mehr Kinder bekommen, können sie dadurch nicht nur ihre Gene, sondern auch dieses Verhalten vermehrt an die folgende Generation weitergeben. Aus Sicht der Evolution eine Win-Win-Situation.

Das ausgesendete Signal: "Ich kann es mir leisten, Freiwilligenarbeit zu leisten! Ich habe Etwas zu bieten!" macht diese Männer als Partner attraktiv. Sie bekommen mehr Kinder. Soweit Fieders These.

Weibliche Hilfe

Für Frauen konnten die Autoren keinen Zusammenhang zwischen Kinderzahl und freiwilliger Arbeit finden, vermuten aber, dass sich für sie das Helfen eher innerhalb von Familien auszahlt. Andere Studien, vor allem bei Naturvölkern, haben gezeigt, dass Frauen, die mehr Unterstützung durch weibliche Verwandte erhalten, mehr Kinder bekommen.

Doch zurück zu den Herrn der Schöpfung (oder zumindest zu einem): "Herr Dozent, passen Sie in dieses neu entdeckte Schema?" Martin Fieder lacht: "Nein, ich habe nur ein Kind – ich bin Akademiker." Nachsatz: "Bildung wirkt sich negativ aufs Kinderkriegen aus."