Politik
11.01.2012

Frankreichs Vorstädte wieder gefährdet

Der Teufelskreis aus Polizeiübergriffen und Jugendprovokationen im Großraum Paris beginnt sich wieder zu schließen.

Auf den ersten Blick wirkt die Siedlung mit ihren vierstöckigen Bauten im Pariser Vorort Aulnay gemütlich. Aber seit Dienstag halten sich Jugendliche und Sondereinheiten der Polizei gegenseitig in Schach, manchmal gehen Mülleimer in Flammen auf. "Die Bullen haben einen Unschuldigen getötet", raunt ein Halbwüchsiger.

Am Vorabend war bei einer Polizei-Kontrolle ein 25-Jähriger gestorben – an "Herzversagen", wie die Behörden beteuern. Die Polizisten hatten ihm Handschellen angelegt, es habe aber "keine Gewaltanwendung gegeben". Der junge Mann hatte Gesundheitsprobleme. "Er hat ihnen gesagt, dass er krank sei, aber sie haben ihn herumgestoßen", behauptet ein Bursch.

Solche Vorfälle gehören in Frankreichs Sozialbau-Siedlungen fast schon zum Alltag. Erst am Montag war ein 30-Jähriger in Clermont-Ferrand gestorben, der seit seiner Festnahme zu Silvester im Koma lag. Der Franko-Maghrebiner Wissam El Yamani, Vater zweier Kinder, habe mit Steinen geworfen, erklärten die Behörden. Er sei unter Alkohol und Kokain gestanden und habe einen Herzstillstand erlitten. Augenzeugen, darunter ältere, französisch-stämmige Nachbarn, sprechen von einer Prügelorgie durch Polizisten in Zivil, die sie anfänglich für Schläger einer Jugendbande hielten.

Nahbereichspolizei

Aus Umfragen geht hervor, dass eine Mehrheit in den Krisenvierteln einerseits der Polizei misstraut und andererseits durchaus mehr Polizisten vor Ort wünscht. Tatsächlich hatte Nicolas Sarkozy, als Innenminister und dann als Staatspräsident, die von der vormaligen Linksregierung favorisierte Nahbereichspolizei abgebaut. An deren Stellen kamen kleine, extrem mobile Brigaden in Zivil und nötigenfalls hochgerüstete Sicherheitstruppen von außen. Immer auf der Lauer, die Waffen schnell im Anschlag, wirken sie wie Besatzer. Dazu kommen demütigende Dauerkontrollen von Franko-Arabern und Franko-Afrikanern aller Altersgruppen.

Um die Situation zu entschärfen, musste jetzt doch wieder Nahbereichspolizei eingeführt werden. Im Pariser Vorort Clichy, einst Ausgangspunkt landesweiter Unruhen, hat die Ortspolizei wieder das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen, die auf die Eröffnung eines Kommissariats stolz ist. Viele Migrantenfamilien beklagten den Mangel an Ansprechpartnern bei der Polizei und sahen im Fehlen von Polizeischutz ein Zeichen der Diskriminierung.