Francois Fillon wird zur Lachnummer

Francois Fillon, member of Les Republicains politi
Foto: REUTERS/PASCAL ROSSIGNOL Francois Fillon und seine Frau Penelope kassierten ab

Frankreichs Konservative vor Notablöse ihres Präsidentschaftskandidaten.

Es ist ein grausames Duell, bei dem sich schadenfreudige Zuschauer köstlich amüsieren, weil jetzt schon fest steht, wer am Ende in den Staub beißen wird: Francois Fillon. Der konservative Präsidentschaftskandidat, ein selbst ernannter Saubermann, wird wegen des Missbrauchs öffentlicher Gelder zugunsten seiner Familie Woche für Woche von dem Pariser Magazin „Canard enchainé“ vorgeführt, und fast alles was Fillon und sein Umkreis zu ihrer Verteidigung sagen, macht ihre Sache nur noch schlimmer.

Erst berichtete der „Canard“ über ein Brutto-Gehalt von 500.000 Euro, den die Frau von Fillon, Penelope, in acht Jahren als seine Parlamentsassistentin bezogen hatte, ohne je im Parlament gesichtet worden zu sein. Dazu kamen 100.000 Euro für einen fiktiven Job bei der Zeitschrift eines reichen Gönners. Die Staatsanwaltschaft lässt ermitteln, Fillon wurde einvernommen, Parlamentsbüros von der Polizei durchsucht.

Inzwischen wurden aber die Aufdecker des „Canard“ durch ein unvorsichtiges TV-Plädoyer von Fillon auf eine zusätzliche Spur gebracht und abermals fündig: seine Frau war nicht acht sondern 15 Jahre fürs Nichtstun im Parlament entlohnt worden. Zwei der fünf  Kinder des Ehepaar Fillon waren parallel zu ihrem Jus-Studium für einen ähnlich anspruchsvollen Job im französischen Oberhaus (dem Fillon ebenfalls angehört hatte) ganztägig angestellt. Insgesamt habe „Fillons kleiner Familienbetrieb“ über eine Million Euro an öffentlichen Geldern erworben, wie der „Canard“ in seiner am Mittwoch erschienenen neuen Ausgabe höhnte.

„Ente in Ketten“

Es ist freilich nicht das erste Mal, dass der „Canard enchainé“ einen Mächtigen, egal welcher politischen Schattierung, das Fürchten lernt. Das Wochenmagazin kombiniert in einzigartiger Weise beißenden Spott mit seriösestem Aufdeckungsjournalismus.

Gegründet wurde die „Ente in Ketten“ (so der Zeitungsname im Wortlaut) 1915, wobei sich das Wort „angekettet“ auf die damalige Militär-Zensur im ersten Weltkrieg bezog, und der Begriff „Ente“ im umgangssprachlichen Französisch als Synonym für „Zeitung“ gebraucht wird.

Das nach dem frechen Federvieh benannte Blatt ist in seinem 102 jährigen Bestehen auch auf berührende Weise altmodisch und gerade deswegen unbestechlich geblieben: es gibt keine Online-Ausgabe und keine Werbung in der Zeitung, sie lebt ausschließlich durch ihre treue Leserschaft. Die – stets ausgeglichenen – Finanzen werden alljährlich im Blatt offengelegt. Der „Canard“ leistete sich sogar als einzige Zeitung eine Preissenkung bei Einführung des Euro von ursprünglich acht Francs (1,22 Euro) auf 1,20 Euro.

Doppeldeutiger Humor

Doppeldeutiger Humor zählt zu einer der schärfsten Waffen des „Canard“. Die dieswöchige Schlagzeile lautete: „Fillon empört zu den einvernehmenden Beamten: Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Penelope nichts gemacht hat!“ (dass Fillons Frau  in ihren Jobs „nichts“ gemacht hat, ist freilich das Problem).

Im Fall des urplötzlichen Absturz von Fillon ist das allgemeine Gelächter umso schallender, als sich der ziemlich zugeknöpft und bieder gebende Politiker einen Ruf als Moralapostel zurecht gezimmert hatte. Seinen innerbürgerlichen Rivalen, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, schlug er mit ein paar feinen aber umso schmerzhafteren Andeutungen zu  dessen Affären aus dem Rennen, die Gegner der Homo-Ehe umschmeichelte er mit Bekenntnissen zu seinem eigenen, „christlichen“ Familien-Ethos, den Wählern präsentierte er sich als strenger aber ehrlicher Sparmeister, der folglich das Recht habe, der Bevölkerung härteste Opfer für den Schuldenabbau abzuverlangen. 

„Wie das Orchester der Titanic“

Gerade letzteres erscheint aber jetzt unmöglich. Fillon spricht zwar von einem gegen ihn gerichteten „Staatsstreich“. Er richtete soeben einen flehenden Appel an die bürgerlichen Parlamentarier, noch zwei Wochen auszuharren, dann wäre die Affäre „ausgestanden“. Aber in den Reihen seiner Partei, der „Republikaner“, erwägen immer mehr Politiker eine Notablöse von Fillon als Präsidentschaftskandidat –  80 Tage vor dem ersten Durchgang der französischen Präsidentenwahlen. Ein Republikaner erklärte: „Wir können nicht länger tatenlos zu sehen wie das Orchester auf der Titanic, das weiterspielte, während das Schiff sank.“ 

(KURIER) Erstellt am
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