Frankreich: Appell an schweigende Mehrheit

Großveranstaltungen am Wochenende läuteten für die Kandidaten das Finale des Wahlkampfs um die Präsidentschaft ein.

Am 6. Mai wird in Frankreich in der Stichwahl zwischen dem Sozialisten Francois Hollande und dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy ein neuer Präsident gewählt. Rund ein Dutzend Politiker trat im ersten Wahlgang am 22. April an. Die Ergebnisse im Überblick: FRANCOIS HOLLANDE:
Der 57-Jährige gilt nach dem ersten Wahlgang als Favorit. Der Sozialist konnte auf die Stimmen von 28,63 % zählen. Das sind etwas mehr als 2007 für Ségolène Royal ausfielen. Hollandes ehemalige Lebensgefährtin erreichte damals 25,87 %.
NICOLAS SARKOZY: 
Der 57-jährige amtierende französische Präsident hat im ersten Wahlgang 27,18 % der Stimmen eingefahren. Bei seiner Wahl vor fünf Jahren waren es für ihn und die UMP noch 31,18 % für den Konservativen gewesen. MARINE LE PEN: 
Die 43-jährige Tochter des Front-National-Urgesteins Jean-Marie Le Pen spielt nach Erreichen des dritten Platzes auch für die Stichwahl eine gewichtige Rolle. Mit 17,9 % steigerte sie das Ergebnis ihres Vaters (10,44 %) deutlich. JEAN-LUC MELENCHON:
Der linke Politiker sorgte im Wahlkampf für Aufsehen, manche Kommentatoren trauten ihm den Sprung auf Platz drei zu. Mit 11,11 % blieb er schlussendlich aber deutlich hinter Konkurrentin Le Pen vom rechten Rand zurück. Die Linke scheint in Frankreichs Politik aber wieder eine Rolle zu spielen. Vor fünf Jahren hatte es gerade einmal zu 1,93 % der Stimmen gereicht. FRANCOIS BAYROU: 
Der 60 Jahre alte frühere Bildungsminister trat zum dritten Mal bei einer Präsidentenwahl an. Hätte er vor fünf Jahren noch Chancen gehabt, Sarkozy bei Erreichen der Stichwahl zu schlagen, spielte er 2012 eine untergeordnete Rolle. Von 18,57 % fiel er auf 9,13 % zurück.
EVA JOLY:
Die Grünen haben es in Frankreich schwer. Unter Joly gelang es zwar, das Ergebnis im Vergleich zu Vorgängerin Dominique Voynet zu verbessern, allerdings nur von 1,57 % auf 2,31 %. NICOLAS DUPONT-AIGNAN:
Der ehemalige Verwaltungsbeamte (50) war einst UMP-Mitglied und wollte sich in der politischen Mitte positionieren. Dort scheint Gedränge zu herrschen, denn auf entfielen gerade einmal 1,79 % der Stimmen. PHILIPPE POUTOU:
Der Mann von der Linken schaffte es mit seiner Antikapitalisten-Partei gerade noch über die Wahrnehmungsgrenze: 1,15 %. Von links: Der populärste Redner, Linkssozialist Melenchon; der verzweifelte Kämpfer Sarkozy, der gelassene Favorit, Sozialdemokrat Hollande

Die Meinungsforscher Lügen strafen wollten die Zehntausenden Anhänger von Nicolas Sarkozy, die sich am Sonntag auf der Pariser "Place de la Concorde" versammelt hatten. Der bürgerliche Staatschef präsentierte sich als einziger Garant eines "starken, beschützenden Frankreichs" im Strudel der Finanzkrise und Migrationsströme, wobei er an "die schweigende Mehrheit" appellierte: "Helft mir".

Ein vermutlich aussichtsloser Appell: Der Sozialist Francois Hollande, der zum selben Zeitpunkt am anderen Ende von Paris ebenfalls vor Zehntausenden Anhängern sprach, konnte in allen jüngsten Umfragen seinen Vorsprung vergrößern. Mit 64 Prozent Ablehnung ist Sarkozy eine Woche vor der Wahl der bisher unpopulärste Präsident Frankreichs.

"Noch ist nichts gewonnen", warnte zwar Hollande, der noch am Vortag persönlich in Gemeindebauten um Wähler geworben hatte. Fügte aber bei: "Nichts kann ein Volk aufhalten, wenn es den Wandel beschlossen hat."

Linkssozialist mobilisiert

Nimmt man die Zahl der Kundgebungsteilnehmer als Maßstab, ist bisher freilich der Linkssozialist Jean-Luc Melenchon Sieger. Nach Mega-Versammlungen in Paris und Toulouse füllten am Samstag mehr als 100.000 seiner Anhänger einen Strand bei Marseille. Vor der tiefblauen Kulisse schwärmte Melenchon für die Völkerverbindung rund um das Mittelmeer. "Wir lehnen die todessüchtige Idee des Schocks der Kulturen ab", erklärte der Linkstribun mit Blickrichtung auf die Rechtspolitikerin Marine Le Pen, aber auch auf Sarkozy, der seine Kampagne mit anti-muslimischen Untertönen zu befeuern suchte.

"Die Völker Nordafrikas sind unsere Brüder und Schwestern. Ohne Araber und Berber gibt es keine Zukunft. Unsere Chance ist die Mischung. Wir sind stolz, das Land der meisten Mischehen der EU zu sein."

Melenchon hat dazu beigetragen, den Elan der Kampagne von Le Pen zu brechen, die sich noch im Vorjahr als Wortführerin der Enttäuschten und Wütenden sah. Damalige Umfragen bescheinigten der Nationalpopulistin, sie hätte eine Chance, an Stelle von Sarkozy, in die Stichwahl zu gelangen.

Jetzt muss Le Pen mit Melenchon um den dritten Platz ringen. Beide bewegen sich rund um 15 Prozent. Dahinter steckt die Kapazität von Melenchon, der sich nur mit einer kleinen Zahl von Getreuen aus der SP abgespaltet hatte, das traditionell bedeutende, aber meistens zersplitterte Politspektrum links von der Sozialdemokratie, zu einen.

Mit deftigen Sprüchen gegen Konzernbosse ("Wenn denen unsere Maßnahmen nicht passen, sagen ich: Auf Wiedersehen. Jetzt kommandieren wir") hat Melenchon Protestwähler gewonnen, die auch die Chancen von Hollande in der Stichwahl erhöhen (in der Stichwahl wird Melenchon den SP-Kandidaten unterstützen).

Allerdings ist das für die SP eine zweischneidige Angelegenheit: Erzielt Melenchon ein sehr hohes Ergebnis im ersten Wahlgang, wäre der Pragmatiker Hollande in einer Schwächeposition gegenüber dem linken Fundamentalisten. Das könnte wiederum Zentrumswähler abschrecken. Sarkozy behauptet daher, Hollande sei "die Geisel" von Melenchon .

(kurier) Erstellt am
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