Politik
24.02.2018

Flüchtlinge: "Eines Tages gehen wir zurück"

Reportage. Wie die Caritas Österreich syrischen Flüchtlingskindern in Jordanien wieder eine Perspektive gibt.

Rawa weint bitterlich. Rawa weint viel über den Tag, sagen ihre Freundinnen, immer dann, wenn sie über Syrien spricht, wenn sie von den vielen Bomben erzählt, von den Schüssen, von den vielen Toten, vom Vater, der zurückbleiben musste und mittlerweile verstorben ist, und von ihrer Flucht mit ihren drei Kindern ins benachbarte Jordanien. Rawa, 28, schafft kaum, ein paar Sätze über das Erlebte zu berichten, ohne in Tränen auszubrechen, die sie sich immer wieder unter ihrem schwarzen Gesichtsschleier trocknet.

Rawa sitzt im Hof der Melekite School mitten in der jordanischen Hauptstadt Amman. Im Gebäude schaufelt ihr sechsjähriger Sohn Ahmed gerade Erde in einen Blumentopf und setzt Samen ein. Ahmed besucht dort einen Kindergarten, eine von zahlreichen Bildungsreinrichtungen, die die österreichische Caritas mit Spendengeldern für syrische Flüchtlingskinder in Jordanien zu 80 Prozent mitfinanziert. Knapp 10.000 Kinder im Alter zwischen vier und 15 Jahren betreut die Organisation derzeit in Jordanien. Es sind Kinder und Jugendliche, die nichts anderes in ihrem jungen Leben kennen als Krieg, Zerstörung und Armut. Kinder, die oftmals schwer traumatisiert sind, die seit Jahren nicht oder noch nie in einer Schule waren, denen wichtige kognitive Fähigkeiten verloren gingen, die noch nie einen Zeichenstift in der Hand hielten, die vieles, was andere Kinder im gleichen Alter längst können, wieder neu lernen müssen.

20 Mädchen und Buben zählt Ahmeds Gruppe, heute steht Pflanzenkunde am Programm. Zwei Pädagoginnen erklären mit großem Engagement jedes noch so kleine Detail, Ahmed und seine Freunde sind aufmerksam, lachen, freuen sich, sind mit Eifer bei der Sache. „Das Ziel bei den Allerkleinsten ist es, dass wir sie so schnell wie möglich auf die richtige Schule vorbereiten, wichtig ist uns auch, außerhalb des Regelunterrichts eine Versorgung zu gewährleisten“, sagt eine der Leiterinnen des Kindergartens. „Deswegen betreuen wir auch die Eltern, holen die Kinder von ihren Unterkünften ab, versorgen sie mit Essen. Wir versuchen, ihnen wieder eine Struktur zu geben, die sie im Krieg und auf der Flucht nie hatten.“

Mehr als 650.000 syrische Flüchtlinge beherbergt das 6,5 Millionen Einwohner zählende Jordanien derzeit. Rund 80 Prozent davon sind in privaten Unterkünften untergekommen, der Rest lebt in Lagern, wie etwa in Zaatari an der syrischen Grenze, wo bis heute rund 80.000 Menschen in Wellblechhütten mitten in der Wüste hausen.

Das Land ist abhängig von ausländischer Hilfe, zwei Milliarden Euro Hilfsgelder sind jährlich für die Versorgung notwendig, im vergangenen Jahr fehlte rund eine halbe Milliarde. Eine Summe, die das kleine Königreich an die Grenzen seiner Belastbarkeit bringt. Vor wenigen Monaten wurden die Grenzen zu Syrien geschlossen, seitdem kommen kaum noch Flüchtlinge ins Land. Die Versorgung der Menschen bleibt dennoch prekär, um Flüchtlingen Chancen zu geben, wurde teilweise der Arbeitsmarkt geöffnet. Die Folge ist, dass syrische Arbeiter mehr und mehr in die Städte ziehen und die Löhne in den Keller drücken, Wohnraum wird immer knapper und somit immer teurer. In der Bevölkerung ist das Murren über die Situation nicht mehr zu überhören. „Wir sind müde“, sagt ein Fremdenführer , der im römischen Amphitheater vergeblich auf Touristen wartet, die aufgrund der vielen Kriege in der Region nicht mehr kommen. „Wir waren mit Flüchtlingen immer solidarisch, aber das Leben wird für uns Jordanier auch immer schwieriger, es muss sich bald etwas ändern, sonst kommt es zu gröberen Problemen.“

Dutzende Hilfsorganisationen arbeiten derzeit in Jordanien, eine der wichtigsten ist die Caritas Jordanien, die seit fünfzig Jahren im Land tätig ist und mittlerweile rund 450 Mitarbeiter beschäftigt. Auch die österreichische Caritas setzt ihren Auslandsfokus verstärkt auf Jordanien und engagiert sich vor allem im Bildungsbereich. Der österreichische Beitrag für das Land beläuft sich bislang auf 8,8 Millionen Euro, davon fließen 3,5 Millionen an Spendengeldern in Schulen und Kindergärten, der Rest in die Nothilfe, nur ein Bruchteil der Aufwendungen kommt dabei vom österreichischen Staat. „Nachdem die Balkanroute geschlossen wurde und immer weniger Menschen zu uns kommen, wird die Hilfe vor Ort immer wichtiger“, sagt Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas Österreich. „Deshalb würden wir uns über noch mehr Spenden freuen und würden uns wünschen, dass die öffentlichen Gelder für die Versorgung der Menschen noch weiter aufgestockt werden.“

Rawa wird unterdessen im Hof der Schule von ihren Freundinnen getröstet, sie freut sich, sagt sie, dass es ihren Kindern jetzt wieder besser geht, dass sie Essen haben und bald in eine richtige Schule gehen. Wie fast alle Syrer in Jordanien meint sie aber: „Eines Tages will ich wieder zurück in die Heimat.“ Ihr erster Weg wird dann zum Grab ihres Vaters sein, sagt sie, und beginnt zu weinen.

Die Reise nach Jordanien wurde teilweise von der Caritas Österreich finanziert. Spendenmöglichkeiten finden Sie auf der Caritas Website caritas.at. Mit einem Hilfspaket um 30 Euro können Sie ein Kind einen Monat lang mit Lebensmitteln, medizinischer Betreuung und Hygieneartikeln versorgen.