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Politik
12/05/2011

Es kriselt arg, warm anziehen ist angesagt

Immer mehr Experten reden von einem historisch fälligen Zusammenbruch.

von Peter Rabl

In meiner urig steirischen Heimat wäre er Ehrenmitglied im Verein der deutlichen Aussprache: "Wir haben sehr harte Zeiten vor uns. Es werden Probleme auf uns zukommen, die wir uns nicht vorstellen können." So Andreas Treichl, der für seine Erste-Group dieser Tage einen historischen Absturz seiner Jahresbilanz mit einem Verlust von etwa 800 Millionen Euro statt eines bis dahin prognostizierten Jahresgewinns in vergleichbarer Höhe begründete.

Am Tag danach musste die Volksbanken-Gruppe ebenso dramatische Probleme in ihrer Bilanz eingestehen.

Treichl muss sich als Goscherter auf hohem Niveau den Vorhalt eines Christian Konrad - Achtung an alle Laura-Rudas-Kampfposter, das ist der oberste Vertreter der KURIER-Eigentümer - gefallen lassen, dass "viele Dinge, die der Erste-Bank-Chef so von sich gibt, zuweilen zu relativieren sind".

Kann stimmen, muss aber nicht.

Deutsche öffentlich-rechtliche Sender bieten in Serie politische Talkshows mit prominent vertretener Ansage einer veritablen Krise. Der nicht nur durch seinen eigentümlichen Bartschnitt bekannt gewordene "Mr. Dax" entwarf - weitgehend unwidersprochen von einer Expertenrunde - eine ökonomische Zukunft mit düstersten Farben: Eine globale Finanzkrise werde im historisch belegbaren Rhythmus für eine Umverteilung der unvernünftiger Kapital-Konzentration von den paar Superreichen zum Mittelstand sorgen müssen.

Im Gegensatz zur traurigen europäischen Geschichte könne glücklicherweise die kapitalistische Blase nicht durch einen Krieg zum Platzen gebracht werden. Schmerzlos wird es aber nicht abgehen. Wir werden auf weniger brutale Weise Opfer bringen müssen.

Vernunft im Streik

Dass ausgerechnet in solchen globalen Krisenzeiten die österreichischen Metaller den größten Streik seit 50 Jahren organisieren, wirkt nur auf den ersten Blick unverständlich.

Ihre Argumente sind aber stichhaltiger als die der Arbeitgeber. Ganz abgesehen von der Delikatesse, auf Arbeitgeberseite einen klassischen Vorarlberger Familienunternehmer in die Konfrontation zu schicken, der im eigenen Betrieb zwar einen Betriebsrat, aber kaum ÖGB-Mitglieder hat.

Angesichts drastischer aktueller Inflationsraten und gleichzeitig offenbar dramatisch sinkender Wachstumserwartungen nicht nur für die Metallindustrie kann ein vernünftiger Kompromiss in diesem Arbeitskampf wohl nur in einem Mix von ordentlicher Abgeltung der tatsächlichen Inflationsrate plus einem Anteil an den Unternehmensgewinnen durch eine einmalige Jahresprämie liegen. Die bisher angebotenen 200 Euro erscheinen angesichts der Gewinnausschüttungen und Steigerung der Managerbezüge eher mager.

In New York demonstrieren seit Wochen junge Leute gegen die Allmacht des Wall-Street-Kapitalismus, in Deutschland startete Ähnliches gestern.
Warm anziehen allerseits ist die Devise.