Politik
03.01.2012

Die Chemie stimmt

Serie: In Graz leben Technische und Karl-Franzens-Uni ein Vorzeige-Modell zur Kooperation. Minister Töchterle hofft auf viele Nachahmer

Begonnen hat alles mit einem Kaffee unter Kollegen, recht bald nachdem Alfred Gutschelhofer und Hans Sünkel im Oktober 2003 die Rektorate an der Karl-Franzens-Universität bzw. der Technischen Universität Graz übernommen hatten. Beim professoralen Plausch stellte sich heraus, dass die beiden Unis wenige hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt in den Naturwissenschaften so manches parallel anboten. „Wir haben gesehen, in Mathematik, Physik, Chemie, Bio- und Geo-Wissenschaften würde eine Kooperation Sinn machen“, erinnert sich Sünkel. Im Vordergrund stand dabei nicht der Spar-, sondern der Exzellenzgedanke: „Wir wollten den gesamten Bereich auf eine qualitativ höhere Ebene kriegen. Es war kein Einsparungs-, vielmehr ein Qualitätsthema.“

 

Zwillingsfakultät

Gesagt, getan: 2004 wurde das „NAWI Graz“ ins Leben gerufen, die erste strategische Partnerschaft zwischen zwei österreichischen Unis im Bereich Naturwissenschaft. Kooperiert wird in der Lehre wie in der Forschung; die Leitungsgremien der Zwillingsfakultät werden von beiden Unis beschickt. Seit 2006 werden gemeinsame Studien angeboten. Derzeit gibt es 15 Bachelor-/Master-Fächer mit rund 2700 Studierenden.

Der Weg zum Vorzeige-Projekt war anfangs kein leichter, erzählt Sünkel, bis Oktober TU-Rektor und Präsident der Universitätenkonferenz: „Es hat erhebliche Anstrengungen in beiden Häusern gebraucht. Beide Unis hatten mit der Zeit ihre eigenen Welten entwickelt – diese aufeinander abzustimmen, war mitunter nicht ganz einfach.“ Die größte Schwierigkeit? „Persönliche Befindlichkeiten und das ,not invented here‘-Syndrom“, sagt Sünkel. „Wir wissen, dass Wissenschafter ein erhebliches Ego haben. Mitunter sehen sie die Konkurrenz über den Gang hinweg. Wir haben gemeint, es macht mehr Sinn, über den Gang hinweg zu kooperieren und in den europäischen, globalen Wettbewerb einzutreten.“ Dank der besseren Nutzung der Ressourcen braucht das NAWI Graz den internationalen Vergleich nicht zu scheuen.

Synergie

„Ein wesentlicher Aspekt ist die gemeinsame Nutzung der Großinfrastruktur“, sagt Harald Kainz, Sünkels Nachfolger als Rektor der TU. „So können wir uns Dinge leisten, die wir allein nicht schaffen würden.“ Auch, weil Landes- und Bundes-Politik die Zusammenarbeit mit Millionen-Zahlungen fördern.

Aktuell wird ein großes Magnetresonanz-Gerät aufgestellt. „Es wird von beiden Unis gemeinsam angeschafft und betrieben, dadurch haben wir eine optimale Auslastung“, sagt Kainz. Er will das NAWI in den kommenden Jahren „in der Tiefe und in der Breite stärken“. Es gibt Pläne für gemeinsame „Central Labs“, Großlabors. Die Institute für Geologie und Mineralogie könnten bald überhaupt als interuniversitäre Einrichtung zusammengeführt werden. Hier zeigt sich der neue Kooperationsgeist „über den Gang“: Der nunmehrige Bereichsleiter an der Karl-Franzens-Universität war zuvor Dozent an der TU.

Pläne

Der Erfolg macht Lust auf mehr. „Es gibt eine Aufbruchstimmung in diese Richtung“, sagt Christa Neuper, Rektorin der Karl-Franzens-Uni. Sie will die Internationalisierung der Master-Studien vorantreiben, stärker in der Forschung kooperieren. Die Zusammenarbeit mit Fach- und Pädagogischen Hochschulen soll intensiviert werden; künftig wollen Karl-Franzens-Uni und TU manches auch mit der Med-Uni Graz gemeinsam durchführen. „Aus dem NAWI ist ein Best-Practice-Modell geworden“, sagt Neuper.

Im Hochschulplan, mit dem Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) die Uni-Landschaft neu organisieren will, ist das NAWI Graz denn auch als Vorzeige-Projekt erwähnt. „Der Hochschulplan bringt ein Mehr an Kooperation und Koordination zwischen den Hochschulen sowie abgestimmte Profil- und Schwerpunktsetzungen“, sagt Töchterle. „NAWI Graz ist ein gelungenes Beispiel für die gelebte Zusammenarbeit mehrerer Universitäten, von der die Studierenden, Lehrenden und der gesamte Standort profitieren.“

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