© REUTERS

Politik
05/13/2012

Dalai Lama auf Österreichtour: "Von tiefer Mystik"

Autor und Weggefährte Heinz Nußbaumer weiß, warum der geistliche Führer der Tibeter weltweit begeistert.

Es war bei seinem letzten von bisher sechs Österreich-Besuchen im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl: Kinder umlagerten und Medien belagerten ihn. "Heiligkeit", sagte ein J­ugendlicher artig, "Sie sind so weise. Sagen Sie uns, worauf es im Leben ankommt." Da blitzte in den Augen des Dalai Lama der Schalk auf, er griff nach der Hand des jungen Mannes und sagte: "Mein erster Rat: nicht Fingernägel beißen!" Es war der Auslöser eines großen, befreienden Lachens. So ist er – der Medienstar und Mönch, der Flüchtling und Friedensnobelpreisträger Tenzing Gyatso, weltbekannt als 14. Dalai Lama: Der personifizierte Widerspruch von buddhistischer Erleuchtung, intellektueller Brillanz und bubenhafter Schlichtheit, von globaler Massenwirkung und klösterlicher Einsamkeit, von Verehrung und Verketzerung, von persönlicher Tragik und umwerfender Fröhlichkeit, von tiefer Mystik und unstillbarer Technik-Begeisterung, von Geradlinigkeit und Schläue.

Bald 77-jährig, absolviert die weltweit meistbewunderte Persönlichkeit soeben einen Reise- und Vortrags-Marathon, dem sogar Chinas gut eingespielte Protest-Maschinerie kaum folgen kann: Eben noch in den Vereinigten Staaten und Kanada. Jetzt in Indien. In den nächsten Tagen in Slowenien und ab Donnerstag in Österreich – mit kleinen Abstechern nach Italien und Belgien.

Kein anderer auf unserem Globus zieht die Millionen so sehr in Bann wie er. Wo immer er auftaucht, liegt eine unglaubliche Erwartung über der Menge. Sie hat nicht nur mit seinem Denken und Reden zu tun – in ihr spiegelt sich auch seine Herkunft, sein Schicksal und sein Glaube.

Spirituelle Sehnsüchte

Schon sind die größten Hallen in Klagenfurt, Salzburg und Wien weitgehend ausverkauft – und man darf annehmen, dass auch die T­ibet-Kundgebung auf dem Wiener Heldenplatz (am 26. Mai ab 15 Uhr) Tausende Menschen aus ganz Österreich anziehen wird. Die Suche nach den Wurzeln des "Phänomens Dalai Lama" führt zunächst in das lange so unerreichbar scheinende "Schneeland" Tibet. Dann aber auch in die unerfüllten spirituellen Sehnsüchte unserer zunehmend vorbild- und glaubenslos gewordenen westlichen Gesellschaft. Beides findet in der Authentizität, Warmherzigkeit und Gelassenheit des Dalai Lama auf eine nicht wiederholbare Weise zusammen.

Sein Wesen: 33 Jahre sind seit meiner ersten Begegnung mit dem Dalai Lama vergangen. Jahre, in denen alle Versuche, auf Widersprüche zwischen seiner Person und seiner Ausstrahlung zu stoßen, erfolglos geblieben sind. Alle Ehrungen und Verehrungen, alle Enttäuschungen und Verzweiflungen seines Lebens sind auf unerklärbare Weise an seinem Wesen vorbeigegangen. Seit Jahrzehnten kennt sein Tagesrhythmus – beginnend um 3:30 Uhr morgens – die vielen Stunden der Meditation ebenso wie all die Massenauftritte, Interviews, politischen Begegnungen.

Ein Lebens-Marathon, der sich nur durch strikte Befolgung mönchischer Tugenden bewältigen lässt: enorme Disziplin und Wachheit, ein von fernöstlichen Weisheitslehren genährtes, unbegrenzt scheinendes Mitgefühl – und totale Anspruchslosigkeit.

Nie ist mir in meinem Leben ein Zweiter begegnet, der sich selbst und seinen Platz in der Geschichte so sehr infrage stellt wie er: "Das Drama Tibets heißt nicht: Was geschieht mit den Dalai Lamas", hat er mir einmal gesagt, "ich bin ein Nichts. Vielleicht bin ich der letzte Dalai Lama, aber sicher nicht der letzte tibetische Gläubige."

Sein Schicksal: Geboren 1935 als tibetisches Bauernkind, gehört seine Lebensgeschichte zu den großen und berührenden Erzählungen unserer Zeit: Die märchenhafte Auffindung als Wiedergeburt des höchsten tibetischen "Erleuchteten des Mitgefühls", die einsame Kindheit im riesigen Klosterpalast des Potala hoch über Lhasa, die strenge Ausbildung und glanzvolle Inthronisation zum geistlichen und weltlichen Oberhaupt – und dann, 1959, die tragische Flucht vor Chinas Soldaten. Begleitet von rund 80.000 Tibetern, hat der d­amals 24-jährige Dalai L­ama ("Ozean der Weisheit") nach Überwindung vieler Himalaja-Pässe im i­ndischen Dharamsala sein Exil aufgeschlagen, das nun schon über 50 Jahre andauert. Eine Heimkehr ist nicht in Sicht.

Bruch zur Wirklichkeit

Seine Heimat: Zweifellos ist die Geschichte Tibets auch Teil der Faszination, die den Dalai Lama umgibt: Das geheimnisvolle, lange verborgene Hochland, 15-mal größer als Österreich, "das bei der Erschaffung der Erde alles bekommen hat, was es an Schätzen auf unserem Planeten gibt" ( Heinrich Harrer). Mehr und mehr wurde Tibet im Westen zum "Shangri La" und "Shambala" überhöht – dem mystischen Reich des reinen Menschen und Sehnsuchtsort für spirituell Suchende.

Umso größer der Bruch zur Wirklichkeit: Eine blutige Geschichte (randvoll mit Eroberungsversuchen der Nachbarn China, Mongolei und Indien) und eine rückständige, korrupte Elite von Klerus, Adel und Beamtenschaft beherrschten über Jahrhunderte das Land.

Dem jungen 14. Dalai L­ama, der sich und seinem Volk geschworen hatte, Tibet zu modernisieren, blieb die Bewährungsprobe versagt: Ab 1951 erlebte Tibet das Inferno chinesischer Besetzung: die Vernichtung eines Volkes (mehr als eine Million Tote), die Zerstörung von 99 % seiner Klöster, die weitgehende Ausrottung einer uralten Hochkultur. Mehr als 30 Jahre chinesisch-tibetischer Gespräche haben bisher nichts verändert: China bleibt Besatzungsmacht – und der Dalai Lama Tibets Herzenskönig.

Seine Politik: Jahrzehntelang hat der prominenteste lebende Flüchtling dem Schrei seines Volkes nach Freiheit enge Grenzen gesetzt: "Keine Gewalt!" Und: "Wer Tibet liebt, muss auch China lieben!" So viel Mitgefühl macht China ratlos, das ihn lieber als "menschenfressendes Ungeheuer" und "ausgekochten Bösewicht" präsentiert.

Für den Dalai Lama ist eine Unabhängigkeit Tibets kein politisches Ziel mehr, er fordert eine (einst von Peking versprochene) "echte Autonomie". Da sie nicht kommen will, wächst unter Tibetern der Zweifel am Sinn ihres Gewaltverzichts.

Pekings Hoffnung auf "die Zeit nach dem Dalai Lama" hat jüngst einen schweren Dämpfer erhalten: Im Vorjahr trennte sich der Dalai Lama von allen politischen Ämtern, ließ im Exil Parlament, Regierung und Premier wählen – und ist jetzt "halb im Ruhestand und nur noch Mönch, zuständig für Barmherzigkeit und Religionsfrieden. Den Kampf um Tibet hat nun ganz mein Volk übernommen." Kein Bodengewinn also für China, das wohl nie mehr einem so gewaltfreien, politisch g­enügsamen und verhandlungsbereiten Vertreter Tibets gegenüberstehen wird.

Sein Glaube: Der Widerspruch ist offensichtlich: Bücher von und über den Dalai Lama und seine Weisheitslehren füllen die Esoterik-Regale unserer Buchläden. Und doch bleibt unser Wissen über seinen Glauben (als Oberhaupt der buddhistischen "Gelbhuter-Sekte") ziemlich blass. Gefragt sind eher Kurzbesuche in mystischen Erfahrungswelten, die vom Christentum nicht mehr erwartet werden: als "Religion light" – ohne Dogmen und moralische Überlastung. Zudem wärmt die Hoffnung auf Wiedergeburt viele westliche Seelen.

Die Botschaften des tibetischen "Gottkönigs" – der im Buddhismus kein "Gott" und in seiner Heimat kein "König" ist – entsprechen hierorts einem starken Trend: Millionen Menschen fühlen sich besser in einer Frömmigkeit aufgehoben, die man mangels Kenntnis nicht hinterfragen muss ("Wellness für den Geist"). Essenz des geglückten Lebens sind demnach Zufriedenheit, Mitmenschlichkeit, geistige Ruhe und vor allem "ein gutes Herz". Der tiefere Unterbau buddhistischer Spiritualität interessiert nur Experten.

Der Dalai Lama freilich sieht das doch anders. Sosehr er dem Buddhismus den Endsieg über Chinas Kommunismus auch zutraut, sosehr misstraut er einem raschen Religionswechsel seiner westlichen Anhänger. Er wird nicht müde, an sie zu appellieren und jeden Verdacht einer subtilen Missionierung zurückzuweisen: "Bleibt lieber in eurem Glauben, in eurem Kulturkreis! Inneren Frieden kann man in jeder Religion finden." Dieses Credo wird er auch in Österreich verkünden – seine Zuhörer aber weit mehr mit seinem Lachen und seiner Warmherzigkeit gew innen als mit dieser Bitte.

Wo man den Dalai Lama live erleben kann

Am 18. und 19. Mai stehen in der Klagenfurter Messehalle die "Buddhistischen Unterweisungen" auf dem Programm. Dafür gibt es noch Restkarten (77–152 €, bei www.oeticket.com, 01/96 0 96) .

Ebenso für die Veranstaltungen in der Salzburg­arena am 21. Mai (41–91 €) . Ab 9.30 Uhr startet dort ein Vortrag zum Thema "Weltfrieden und universelle Verantwortung". Um 13.30 beginnt am selben Ort ein "I­nterreligiöser Dialog" mit katholischen, evangelischen, muslimischen und jüdischen Vertretern.

Für den Vortrag des Dalai Lama in der Wiener Stadthalle am 25. Mai zum Thema "Jenseits von Religion – Ethik und menschliche Werte in der heutigen Gesellschaft" sind auch noch Karten zu haben (15–70 €) .

Am 26. Mai wird der Dalai Lama auf dem Wiener Heldenplatz an einer Solidaritätskundgebung für Tibet teilnehmen. Beginn 14 Uhr.

Im ORF

 Für die anderen überträgt das ORF-Religionsportal http://religion.ORF.at alle öffentlichen Veranstaltungen als Live-Stream.

ORF 2 widmet sich am 20. und 27. Mai mit "Orientierung", mit "Religionen der Welt" am 19. und 26. Mai und am 27. Mai mit der "Sonntags-Matinee" dem Dalai Lama. Das TV-Highlight ist ein ausführliches Interview in "kreuz und quer" am 22. Mai, 22.30, auf ORF 2. Das Hauptabendprogramm von ORF III am 21. Mai steht ebenfalls ganz im Zeichen des Friedensnobelpreisträgers.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.