Niki Glattauer

© Jürg Christandl

Politik
09/20/2012

Chat-Nachlese mit Niki Glattauer

Der Lehrer und Buchautor hat User-Fragen rund um das österreichische Bildungssystem und seine Tücken im Chat beantwortet.

Was halten sie von der Zentralmatura?
Eine weitere Stufe in den Bildungsabgrund?

Niki Glattauer: Da bin ich gespalten. Einerseits ist es gut Ergebnisse zu vergleichen, andererseits ist Gleichmacherei natürlich gefährlich. Ich frage mich schon, ob es einen Sinn hat, dass jedes Kind an jedem Ort der Welt das Gleiche lernen und können muss.

Wäre es nicht besser, 50% gut Gebildete zu haben, statt 100% Halbgebildete?

Die Frage ist, was ist Bildung? Ich bin der Meinung, dass die jungen Leute heute nicht schlechter ausgebildet sind als früher, sie können nur ganz andere Sachen. Unser Ziel muss natürlich sein, möglichst viele, möglichst umfassend zu bilden.

Haben sie diesen Beitrag gelesen? Was halten sie davon, vom Stil und allgemein? In einer Hauptschule im Waldviertel hätte sie vor 20 Jahren nicht den Abschluss im B-Zug geschafft. Heute ist sie vermutlich Bachelor, zumindest.

Sorry, ich habe die Meldung nicht gelesen.

Lieber Herr Glattauer! Ich würde gerne Ihre Meinung zu dem neuesten "Vorschlag" von Staatssekretär Kurz - gesonderte Vorschulklasse zum Deutschlernen  hören. Ich selbst finde wieder, dass es ein allzu unüberlegter populistischer Vorschlag sei. Aus langjähriger eigener Unterrichtstätigkeit und in Seminaren wurde vermittelt, dass wir (alle) von unseren "peers" am besten lernen. Kinder haben doch noch die natürliche Gabe, die Sprache spielerisch von Gleichaltrigen aufzunehmen. Da kann es dann auch keine Integration geben. Wie sehen Sie das bitte.

Sie haben Recht, ich sehe das ähnlich. Kinder die nicht Deutsch können, lernen es am Besten in einer deutschsprechenden Umgebung. Kinder mit anderen Muttersprachen müssten zu unser aller Wohl beinhart aufgeteilt werden.

Was halten Sie von dem Vorschlag, die Sommerferien für die Lehrer/innen - nicht für die Kinder ! - um 1 - 2 Wochen zu verkürzen, um den Kolleg/innen Zeit für die gemeinsame Jahresvorbereitung und für Fortbildungsseminare zu geben? Gleichzeitig müsste aber ab Schulbeginn eine spürbare Entlastung von allen organisatorischen und bürokratischen Tätigkeiten erfolgen.

Ich bin für eine völlige Umstrukturierung des Schuljahres. Schuljahresbeginn ganz normal im Jänner, Semesterferien im Sommer fünf Wochen lang. In dieser Zeit hat die Schule offen, für alle die sie benutzen wollen oder müssen. Zwei Wochen Winterferien zwischen den Schuljahren sind genug. Fehlende Ferien werden während des Jahres individuell (je Schüler) konsumiert.

Lieber Herr Glattauer, eine Frage: Ist die Gesamtschule für Sie eine gute Idee? Und wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht?

Gute Idee! Win-win-Situation. Ali lernt die Lebenswelt von Laurin kennen und umgekehrt.

Fünf Wochen Sommerferien halte ich für Kinder untragbar. Als Kollege müssten Sie doch wissen, was es bedeutet, bei 35 Grad C mit 25 Kindern in einer Klasse zu sitzen und arbeiten zu müssen... Wenn es sich dabei auch noch um Erstklassler handelt - eine "Tier"quälerei ! Warum wohl dauern die Sommerferien in südlichen Ländern überall 3 Monate?

Niemand sagt, dass man seinen Unterricht nicht auch an das Wetter anpassen kann. Rausgehen, Sport, Kultur sind ebenso Teil von Unterricht wie Grammatik oder Rechnen pauken.

Herr Glattauer, wo orten Sie in der Bildungspolitik den dringendsten Reformbedarf?

1. Wir brauchen die gemeinsame Schule. 2. Wir brauchen ganztägige Schule 3. Wir brauchen anders ausgebildete LehrerInnen 4. Wir brauchen mehr Schulautonomie: Schulen sollten sich in ihrem Angebot und ihrem Profil WIRKLICH von einander unterscheiden 5. Entscheidend: Die politische Pattsituation muss aufhören.

Anders ausgebildete LehrerInnen? Inwiefern?

LehrerInnen sollten keinen "Stoff" unterrichten wollen, sondern Schüler. Das ist grundsätzlich eine andere Herangehensweise. Natürlich müssen LehrerInnen fachlich top sein, aber gerade deswegen sollen sie sich als PartnerInnen der Schüler verstehen. In den skandinavischen Ländern ist das so. Dort ist die LehrerIn eine Art "Lebensbegleiter auf Zeit", die Zensuren machen andere.

Sie haben Recht, aber dazu müsste sich organisatorisch erst noch sehr vieles ändern !Ich wäre dafür, die Winterferien zu verlängern, dabei könnten Unmengen an Energiekosten eingespart werden, weil die Schulgebäude nicht so lange geheizt werden müssten ! Ebenso würde ich - zumindest während der Monate mit Winterzeit- die Schule um 8.30 oder 9 beginnen - natürlich als ganztägige Form!

Ich glaube, dass solche Ideen bei einer autonomen Schulführung viel besser Eingang finden könnten. Warum müssen alle Schulen zur gleichen Zeit beginnen? Warum müssen alle Kinder und alle LehrerInnen zur gleichen Zeit in die Ferien geschickt werden? Warum können sich Schulen nicht auch in der Wahl ihrer Fächer in gewisse Eigenständigkeit herausnehmen, um damit eigene Profile zu entwickeln.

Eigentlich ja wirklich eine gute Frage: Was ist für Sie Bildung?

Die Fähigkeit zur kritischen Teilnahme in und an der Gesellschaft. Bildung ist mehr als Ausbildung und sie ist mehr als rein kognitive Bildung. Auch Herzensbildung gehört dazu. Daher bin ich auch für Ethik und Relgionen-Unterricht. Religionen-Unterricht, nicht Religions-Unterricht. Die Frage, wer wir sind, woher wir kommen und vor allem, wohin wir gehen, wird in unserem Schulsystem fast nicht mehr gestellt. Das ist schade.

Verstehen Sie sich selbst als Lehrer auch als eine Art "Lebensbegleiter auf Zeit" bzw. ist diese Herangehensweise in Österreich ein Stück weit möglich?

Ja, ich verstehe mich als Lebensabschnittspartner meiner ich SchülerInnen. Das heißt nicht, dass ich nicht autoritär wäre oder den Ton angebe. Aber, ich denke ich bin ihnen allen extrem wohlgesonnen. Mein Ziel ist es, nicht Noten zu geben, sondern die Kinder draufkommen zu lassen, wohin sie geneigt sind, wofür ihr Herz brennt, was sie gut können und sie stolz darauf zu machen.

Sg. Hr. Glattauer,  im letzten philosophischen Gespräch zw.dem Bestsellerautor R.D. Precht und dem Neurobiologen und Lernwissenschaftler Prof. Dr. Gerald Hüther wurde deutlich, dass die Bildungsstrukturen eines Landes die entscheidenen Parameter und Richtungsweiser der Bildungsentwicklung eines Landes sind. Da wir in Österreich reichlich mit diesem Sturkturen gesegnet sind scheint Bildungsreform nur schwerlich möglich - oder glauben sie daran, dass LSR, LSI, BSI`s etc., Gewerkschaftler von ihren Posten kampflos zurückziehen? Was muss hier geschehen in der Ö-Bevölkerung? Was muss in der Lehrerschaft geschehen? - damit hier Bewegung und Veränderung entsteht?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Schulverwaltung. Gute Schulverwaltung kann gute Strukturen schaffen. Überverwaltung ist natürlich ein Problem, aber die Abschaffung von Dienstposten, egal welcher Charge, bringt uns allein noch nicht nach vorne. Hüther hat aber natürlich Recht, falsche Strukturen verhindern Bildungsentwicklung. Das ist in Österreich derzeit der Fall.

Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit erlebt? Überwiegen da eher positive oder mehr negative Erfahrungen?

Ich war in einer katholischen Privatschule. Die Hälfte der Zeit als halb-interner Schüler bis um halb 6 in der Schule. Das prägt :-). Einige LehrerInnen würde ich heute als "antiquiert" bezeichnen, aber es waren auch ganz tolle dabei. Allerdings hat sich für mich die Frage, ob mir die Schule gefällt oder nicht nie gestellt. Schule war. Aus. Sie ist nicht hinterfragt worden. Ich war noch dazu auf Schultyp, der meinen Neigungen überhaupt nicht entgegengekommen ist. Ich habe tatsächlich meiner Zeit mit rechnen und darstellender Geometrie verbracht. Zu dem was ich gerne gemacht hätte, Zeichnen, Musik, Lesen bin ich so gut wie nicht gekommen.

Ist zwar vielleicht etwas viel verlangt in der Kürze, aber vielleicht geht`s ja doch: Wie schaut ihre ideale Schule aus?

Wenn Schule möglichst nahe am richtigen Leben ist, wenn sie sich nicht in Kasernen abspielt, wenn LehrerInnen und Kinder nicht mehr vor allem Druck aufeinander ausüben - dann sind wir der idealen Schule schon sehr nahe.

Wenn ich mich richtig entsinne, arbeiten Sie an einer "relativ normalen" Regel-Schule. Wo sind Ihre selbstgestalteten Veränderungen an Ihrem Arbeits- und Wirkungsbereich? Reinhard Kahl meinte einmal in einem Gespräch, dass die Schrauben und die Grenzen im Mut und im Einsatzwillen des einzelnen Lehrers liegen und nicht in der Verwaltung? Sind die Lehrer die eigentlichen Verhinderer von Schulentwicklung?

Ich glaube die meisten LehrerInnen tun was sie können. Schon aus Selbstschutz. Du kannst dich heute nicht mehr in eine Hauptschulklasse stellen, das Buch aufschlagen und vorlesen - das ist auch gut so. Tatsächlich verhindern aber schlechte Strukturen eine noch bessere Schulsituation. Bsp.: Wenn man in einer Klasse von 25 Kindern 13 hat, die kein Wort Deutsch können, dann kann Unterricht nicht so sein, wie er sein sollte - zum Nachteil für die paar deutschsprachigen Kinder, zum Leid der muttersprachlich nicht deutschsprachigen Kinder und zum Ärger der LehrerInnen in diesen Klassen. Da stoßen die Möglichkeiten von Selbstgestaltung an ihre Grenzen. Abgesehen davon sind aber jene LehrerInnen die besten, die den vorgegebenen Rahmen immer wieder sprengen, also eben selber gestalten. Ich tue das konkret in meinem Geschichte-Unterricht, wo ich der Zeitgeschichte und den aktuellen politischen Ereignissen schon ab der fünften Schulstufe mehr Wertigkeit gebe, als dem alten Rom oder den Habsburgern.

Haben Sie "Im Zentrum" am Sonntag gesehen? Da wurde unter anderem die Ganztagsschule (Karl Popper-SChule, Wien) thematisiert. Wäre eine Ganztagsschule - auch nach der Volkssschule - eine gute Idee?

Ich bin grundsätzlich dafür dass Kinder die Schule in der Schule erledigen können. Dafür müssen Schulen einfach länger offen sein. Ich glaube, dass vor allem jene Kinder für die zuhause niemand da sein kann, ohne ganztägige Schule untergehen. Für sie sollte die Ganztagsschule die Regel sein.

Neues Thema: Kinder mit anderer Erstsprache gibt es in Österreich seit ca. 40 Jahren, aber bis heute werden sie als "Problem" als defizitär oder als vorübergehendes Phänomen angesehen. Es gibt keine einheitlichen Strukturen für sie, nur "Reparaturpädagogik", Kurse, Begleitunterricht,.... Was sind Ihre Vorschläge dazu?

Ich bin ihrer Meinung. Ich mag ja sogar das Wort "Migrationshintergrund" nicht wirklich, weil es Kinder gegeneinander ausspielt. Ich glaube auch, dass Kinder mit anderen Muttersprachen als gleich behandelt werden müssten, allerdings auch als chancengleich und daher brauchen sie die richtige Förderung in unserer Muttersprache.

Welches europäische Land hat für das beste Schulsystem? Finnland wird ja sehr oft in Studien als am fortschrittlichsten beschrieben.

Das kann ich leider nicht beurteilen, Drillschulen wie ich sie in Asien kennengelernt habe - meine Frau ist Chinesin - empfinde ich als schrecklich, auch wenn sie gute PISA-Ergebnisse liefern. In Finnland wieder gibt es kaum Migration, daher ist die Situation mit unserer nicht vergleichbar. Eine offene Schule wie in Kanada erscheint mir in der Ferndiagnose ganz gut zu sein. Aber wir sollten doch versuchen, durch eine echte Schulrefom in Österreich das beste Schulsystem zu erreichen.

Würden Sie Ihren Kindern (reale oder hypothetische, das weiß ich im konkreten Fall nicht) zu einem Job im Bildungswesen raten?

Wenn meine Kinder groß sind, wird man als Lehrerin oder Lehrer hoffentlich auch schon anständig verdienen :-).

Würden Sie sagen, dass der Umgang auf dem Schulhof - also unter den SchülerInnen - rauer geworden ist?

Die Sprache ist härter geworden, die Kinder sind direkter im Umgang miteinander - leider manchmal auch hemmungsloser. Das ist ein Faktum, aber wir sollten "die Jugend" nicht schlechter machen als sie ist.

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