Politik | Ausland 05.12.2011

Zuwanderer: "Es gibt nur ein Norwegen"

Jeder vierte Osloer hat Migrationshintergrund. Wie ist die Stimmung nach dem Terror? Der KURIER hat vor Ort nachgefragt.

Nach der offiziellen Trauerminute Montagmittag kam am Abend die Stadt Oslo noch einmal in Bewegung. Aus allen Richtungen strömten Menschenmassen zum Rathaus. Eine Facebook-Initiative hatte sie zu Blumenzügen aufgerufen.

Es war eine bunte Versammlung. Darunter waren auch viele Menschen mit afrikanischen oder orientalischen Trachten. 24 Prozent der Osloer Bevölkerung haben Migrationshintergrund, sie kommen aus 215 verschiedenen Nationen.

Wie fühlen sie sich? Der Attentäter Anders Behring Breivik hatte ja seine Anschläge vor allem mit dem Zuzug aus islamischen Ländern begründet. "Nicht unsicherer als vorher," meint der gebürtige Libanese Sheikh Mahmoud. Der ältere Herr mit seiner beeindruckenden libanesischen Tracht lebt schon seit einer Ewigkeit in Norwegen. Es war hier immer sehr friedlich. Er ist überzeugt, dass es auch in Zukunft so bleiben wird. Syed Rizvi ergänzt: "Nur der Attentäter dachte so, sonst niemand."
Demonstrativ halten sie während der Schweigeminute ihre mitgebrachten Rosen in die Höhe - umringt von beinahe hunderttausend Norwegern, die das selbe tun. Ist diese Versammlung die andere Seite Norwegens? Syed Rivy widerspricht: Es gäbe nur ein Norwegen. Das habe sich hier versammelt. "Ein Einzelner macht noch nicht eine zweite Seite einer Gesellschaft aus."

In der Nähe hält ein ebenfalls exotisch aussehendes Pärchen die Rosen in die Höhe. Sie sind beide hier geboren. Die Eltern stammen aus Pakistan. Auch sie glauben nicht, dass der Anschlag die Stimmung in Norwegen zuungunsten der Migranten verändern wird. Sie hatten noch nie in ihrem Leben Probleme wegen der Abstammung oder des Aussehens. Dazu kommt, dass eine eventuell beabsichtigte Botschaft des irren Attentäters eigentlich kein Mensch versteht. "Er ist gegen Muslime und gegen Nazis, und bringt norwegische Kinder um - was soll das bedeuten?"

Violinensolo

Sheikh Mahmoud (2.v.l.), geboren im Libanon, lebt seit Jahren in Norwegen. Syed Rizvi (3.v.l.): "Es gibt nur ein Norwegen"
© Bild: KURIER/Theuretsbacher

Dann wird es still in der Menge. Von Ferne erklingt ein Violinensolo. Gespielt wird es von Alexander Rybak - dem Sieger des Eurovision-Song-Contests 2009, der als vierjähriges Zuwanderer-Kind mit seinen Eltern aus Weißrussland nach Norwegen gekommen war.
Alle hören sichtlich bewegt zu. Und sie sind sich einig, sie sprechen es auch aus: "Wir müssen noch enger zusammenstehen." Damit hat der Attenäter das Gegenteil von dem erreicht, was er vermutlich beabsichtigt hatte.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011