Präsidentschaftskandidat Luis Arce (Mitte)

© REUTERS/UESLEI MARCELINO

Politik Ausland
10/19/2020

Zurück nach links: Bolivien vor Comeback der Sozialisten

Nach dem Sturz von Präsident Morales und einem Jahr konservativer Führung dürfte die Linke bald wieder den Staatschef stellen.

von Irene Thierjung

Ist es die Rückkehr der Diktatur – oder die Wiederherstellung der Demokratie? In Bolivien klaffen die Beurteilungen der Präsidentenwahlen vom Sonntag weit auseinander. Laut Nachwahlbefragungen zweier Institute hat der Kandidat der Sozialisten, Luis Arce, den Urnengang mit deutlicher Mehrheit gewonnen. Auf Platz zwei landete demnach der konservative frühere Staatschef Carlos Mesa. Wenn die offiziellen Auszählungsergebnisse, die in den nächsten Tagen eintreffen sollen, Mesas Rückstand von rund 20 Prozent gegenüber Arce bestätigen, wäre die geplante Stichwahl im November hinfällig.

Nach einem Jahr konservativer Interimsführung stünde Bolivien ein Comeback der Linken bevor, was bei Konservativen, Liberalen und Rechten in ganz Lateinamerika die Alarmglocken schrillen lässt. Laut UN-Schätzungen droht die Armut in der Region heuer um bis zu 37 Prozent zu steigen – eine Steilvorlage für Sozialisten.

Luis Arces Wahlkampf wurde von einem alten Bekannten orchestriert: dem im argentinischen Exil lebenden Ex-Präsidenten Evo Morales. Die langjährige sozialistische Galionsfigur hatte Bolivien ab 2006 knapp 14 Jahre regiert, bevor sie im vergangenen Dezember von Polizei und Militär zum Rücktritt gezwungen wurde.

Entgegen der Verfassung hatte Morales nach einer von Manipulationsvorwürfen überschatteten Wahl eine vierte Amtszeit antreten wollen, Unruhen mit mehreren Toten und Hunderten Verletzten waren die Folge. Das Wahlergebnis wurde schließlich annulliert, Morales floh, die Wiederholung der Wahl wurde wegen der Corona-Krise mehrmals verschoben.

Repressionen und Corona

Auch wenn sich Arce – ein Ökonom und unter Morales Finanz- und Wirtschaftsminister -  im Wahlkampf von seinem politischen Ziehvater distanzierte, hat Morales‘  Unterstützung doch stark zu seinem Sieg beigetragen.

Während seiner Amtszeit hatte Bolivien einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der großteils auf dem Export von Bodenschätzen fußte. Für viele Menschen ebnete das den Weg aus der ärgsten Armut, was für sie mit den Sozialisten verbunden bleibt, auch wenn Morales wegen seiner zunehmend autoritären Führung und Korruptionsskandalen zuletzt deutlich an Popularität eingebüßt hatte.

Unter der selbsternannten konservativen Interims-Präsidentin Jeanine Anez, zuvor Vize-Präsidentin des Senats, kam es im vergangenen Jahr zu Repressionen gegen linke Kräfte. Hunderte Menschen wurden inhaftiert, die Polarisierung der Bevölkerung nahm weiter zu. Dazu kommt, dass Anez in den Augen vieler Menschen zu wenig gegen die Ausbreitung des Coronavirus im Land unternimmt. Rund 8.400 der 11,6 Millionen Einwohner sind an Covid-19 verstorben. „Wenn all das die Alternative ist, möchte ich lieber alles so haben wie früher“, sei die Meinung vieler Bolivianer, sagte der Politologe Andres Gomez der Nachrichtenagentur AP.

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