Politik | Ausland
03.12.2016

Brexit-Hauptstadt: "Wir haben unser Land zurück"

Viele Polen betreiben in Großbritannien Geschäfte für ihre Landsleute © Bild: REUTERS/NEIL HALL

KURIER-Reportage aus der britischen Stadt mit der größten Brexit-Zustimmung – und den meisten Polen, die nun eine Veränderung spüren.

Die Uferpromenade des Witham Flusses – ein Mann im grauen Pullover bewegt sich auf den Betrachter zu. "Hey Kollege! Polnisch? Englisch? Litauisch? Hast Du mal ein Pfund für ein Mineralwasser?" Der Pole Mateusz, Anfang 60, die Nase durch ein Messer verletzt, ist der Empfang im englischen Boston, der Brexit-Hauptstadt Großbritanniens. Gerade gebe es für ihn keine Arbeit auf dem Feld. "Pass auf, überall gibt es jetzt Schlägereien. Hast Du noch ein Pfund? Dann langt es für ein Bier."

Hier in der Marktstadt mit offiziell 72.000 Einwohnern wählten im Juni über 75 Prozent den Ausstieg aus der EU. Dank seiner arbeitsintensiven Gemüsefelder und -fabriken hat Boston mit offiziell elf Prozent den höchsten Anteil an osteuropäischen Migranten und gilt als die am "meisten gespaltene Stadt" im Vereinigten Königreich.

An Europa-Flaggen mangelt es in Boston weiterhin nicht. Sie prangen an den Shops der Einwanderer – dies sind vor allem Polen und Balten. "Food and Booze" nahe am Fluss hat den Akzent auf Essen und Alkohol aus Litauen. Doch nun schwächelt das Pfund gegenüber dem Euro. "Die Waren, die wir importieren, sind teurer geworden", so die Litauerin Viktoria an der Kasse, die zusammen mit ihrem litauischen Mann den Laden betreibt. Ein Geschäft mit Schuhen aus Lettland hat bereits zugemacht. Ob sie wieder nach Litauen zurückmuss? Sie hofft nicht.

"Ständig Diebstähle"

Der kleine Supermarkt gehörte noch vor einigen Jahren Robert Hancock, einem ehemaligen Fischer. Jetzt ist er Besitzer des "Robin Hood", eines altehrwürdigen Pubs aus dem 18. Jahrhundert. "Ich hatte zu viel Ärger, ständig gab es Diebstähle", so Hancock, der an diesem späten Nachmittag Rob, einen ehemaligen Drucker, und den Karaoke-Organisator Martin als trinkende und beipflichtende Gäste versammelt hat. Alle sind sie über 60, "nicht fremdenfeindlich" und votierten für den Brexit. "Damit hatten wir die Möglichkeit mitzubestimmen, und das hatten wir lange nicht", so der Pub-Besitzer. Es kämen zu viele Leute herein, ohne Kontrolle, die Bevölkerung der Stadt habe sich verdoppelt, es gebe für Engländer keine Arbeit, alle zwei Wochen passiere ein Mord. "Nun spüre ich wieder etwas Optimismus", meint Hancock mit einem Lächeln.

Tipps für Polen

Martin muss noch Zigaretten kaufen – nein, nicht bei einem der litauischen Zigarettenhändler, sondern im Supermarkt. Der Brite führt in der West Street herum, hier haben sich die meisten Migranten niedergelassen. Zwei englische Pubs sind bereits aufgegeben, ansonsten "foreign, foreign, foreign" (fremd), meint Martin und zeigt auf die Niederlassungen der Neubewohner – Läden, Bäckereien, Fleischereien, Restaurants mit litauischer oder polnischer Aufschrift.

Dazu eine bunt beklebte Tür mit dem Schild "Info Service Polonia". Frau Anna gibt dort gerade einer polnischen Kundin Anweisungen, wie sie im Rathaus ihr Auto anmelden kann. Das Büro ist eine Art Aushängeschild der Polen von Boston. Zbigniew Godzisz leitet es, ebenso wie einen Karateclub, der bereits zehn weitere Niederlassungen in England hat. Mit seinen Schülern war er im Oktober bei der Karate-Weltmeisterschaft in Krakau – als offiziell englische Mannschaft mit Teilnehmern verschiedener Nationalitäten.

"Man kann hier etwas erreichen, wir haben beide bei null angefangen", so Pawel Kutermankiewicz, sein Stellvertreter. "Das versuchen wir zu vermitteln."

Nicht mehr willkommen

Doch nach dem Brexit-Urteil fühlen sich viele Osteuropäer in Großbritannien nicht mehr willkommen; Gewalttaten mehren sich, der Totschlag eines Polen in Harlow bei London sorgte für Schlagzeilen. Eine Polin, die bei einer Talkshow der BBC erklärte, dass die 52 Prozent, die für den Brexit stimmten, gegen die Polen votierten, wurde ausgebuht.

Adam, der mit seiner Frau Kamila die kleine Tochter durch die Red-Lion-Street schiebt, erlebte nach dem Brexit eine merkliche Abkühlung bei den Kollegen in der Fabrik, in welcher Gemüse verpackt wird. "Sie zeigen mir, dass ich jetzt nicht mehr dazu gehöre." Seine Arbeitskollegin wurde beim Rauchen vor dem Pub von drei Britinnen verprügelt.

"Stadt ist unsicher geworden"

"Unsere Stadt ist unsicher geworden", so die Bostonerin Jersey, Mutter von zwei kleinen Kindern. "Das macht die Leut hier so wütend, die dann auch die guten Migranten angehen."

Brian Rush, UKIP-Stadtrat und einer der führenden Köpfe der lokalen Brexit-Kampagne, mag für die Aversionen seiner Anhänger keine Verantwortung übernehmen. "Wir wollen niemanden zwingen zu gehen, aber wir brauchen die Kontrolle darüber, wer herkommt."

Sein Gegenspieler war und ist Paul Gleeson, pro-europäisches Ratsmitglied der linken Labour-Partei. Er glaubt, dass die Situation der Migranten dringend geändert werden müsse. Enger Wohnraum, Ausnutzung durch Arbeitsvermittler führe zu Gewaltexzessen, die dann in den Pubs die Runde machen.

Auf dem Markt der Stadt, die im Mittelalter einmal reicher als London war, herrscht trotzige Stimmung. Eine Verkäuferin am Gemüsestand meint stolz: "Es wird nun eine Zeit lang hart für uns, aber wir haben endlich unser Land zurück." Ihr litauischer Kollege schweigt und lächelt freundlich.