© APA/AFP/GEOFF ROBINS

Interview
07/10/2021

Wie Tausende indigene Kinder in Kanada verschwanden

Die Funde von Massengräbern nahe Internaten für minderjährige Ureinwohner reißen alte Wunden auf. Der Historiker Manuel Menrath erklärt, wie es dazu kam und was jetzt getan werden muss.

von Karoline Krause-Sandner

In Kanada wurden in den vergangenen Wochen in der Nähe von ehemaligen Internaten für indigene Kinder Tausende anonyme Massengräber  entdeckt. Sie sorgen seither für Entsetzen und das Aufreißen alter Wunden.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind mehr als 150.000 Kinder von Indigenen von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt worden, um in staatlich-kirchlichen Heimen an die weiße Mehrheitsgesellschaft angepasst zu werden. Viele von ihnen sind in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht worden. Mindestens 4.000 von ihnen sollen in den Schulen gestorben sein. Viele an Tuberkulose oder anderen Krankheiten, aber auch an den Misshandlungen von meist geistlichen Aufsehern. Die letzten dieser Schulen sind erst in den 1990er Jahren geschlossen worden.

Der Schweizer Historiker Manuel Menrath von der Universität Luzern hat sich eingehend mit der Vergangenheit und Gegenwart indigener Völker in Kanada beschäftigt. In seinem Buch "Unter dem Nordlicht" kommen Indigene selbst zu Wort. Menrath hat mit über hundert Angehörigen der First Nations gesprochen, die ihm auch von ihrer Zeit in den "Residential Schools" erzählt haben, geprägt von (sexuellem) Missbrauch, Gewalt und Angst.

Wie haben indigene Völker in Kanada gelebt, bevor Europäer kamen?

Es gab zahlreiche indigene Nationen bzw. Gemeinschaften. Auch die Grenze zwischen USA und Kanada gab es ja nicht. Es gab mindestens 60 verschiedene Sprachen mit hunderten Dialekten, verschiedene Traditionen, verschiedene Weltbilder. Alle waren durch ein großes Handelssystem miteinander verbunden. In der Nähe des heutigen St. Louis war das Handelszentrum Cahokia mit rund 60.000 Einwohnern. Dort hat man später Ausgrabungen gemacht, da fanden sich Gegenstände vom Golf von Mexiko bis zum Atlantik und Pazifik.
Die Städte, das Handelssystem haben nicht die Europäer erfunden. Es gab Spannungen, territoriale Auseinandersetzungen. Aber grundsätzlich lebten die Menschen in einer komplexen intakten Welt.

Was passierte dann? Wann sind die Europäer gekommen?

Vor tausend Jahren strandeten die Wikinger bei Neufundland, dann kamen baskische Fischer, die dem Kabeljau nachfuhren. Im 16. Jahrhundert kamen europäische Seefahrer und mit ihnen Pelzhändler, die vor allem Biberpelz suchten. Auch hier sieht man: Nicht die Europäer haben Handel nach Nordamerika gebracht, das gab es schon. Und sie wurden dann am bestehenden Handelssystem beteiligt. Aus Europa kamen etwa Metallwerkzeuge. Man machte Tauschhandel. Doch mit dem Handel kamen die Waffen und das Gleichgewicht einiger indigener Nationen wurde gestört. Und dann wurden auch Krankheiten aus Europa eingeschleppt, beispielsweise die Pocken, Masern, Grippe, später Tuberkulose. Aber grundsätzlich sind sich die beiden Kulturen am Anfang auf Augenhöhe begegnet.

Im 19. Jahrhundert wurde Kanada gegründet. Was passierte mit dem Gleichgewicht dann?

Zunächst kamen immer mehr Europäer, weil es zuhause politische und religiöse Konflikte, Kartoffelpest, Armut und Hungersnöte gab. Sie brauchten immer mehr Land, das aber die Indianer beansprucht haben. Schließlich wurden vielerorts die Büffel und andere Jagdtiere dezimiert, und die Indigenen fanden immer weniger zu essen. Man hat sie teils bewusst ausgehungert, um sie in die Reservate zu pferchen und sich ihr Land anzueignen. Mit einseitig formulierten Verträgen hat man sie schließlich um ihr Land gebracht.

Wie kam es dann zu den Gründungen dieser Internate, von denen wir jetzt, nach der Entdeckung der Kindergräber, wieder sprechen müssen?

Man hatte die sozialdarwinistische Sicht, dass die Indigenen, aussterbende Völker sind, die man retten muss, indem man sie zivilisiert. Sie wurden in Reservate getrieben, wo sie assimiliert und christianisiert werden sollten. Durch den Indian Act von 1876 wurde gesetzlich festgelegt, dass man die Kinder in Internaten oder Tagesschulen unterbrachte, um sie zu erziehen, umzuformen, zu assimilieren. Dafür hat der kanadische Staat 139 solcher "Residential Schools" gegründet.  Bis die letzte Schule 1996 schloss, wurden 150.000 Kinder in diese Schulen geschickt.

Um auch die englische und französische Sprache, Lesen und Schreiben zu lernen?

Auch. Die indigenen Kinder durften ihre Sprache nicht mehr sprechen. Die Haare wurden abgeschnitten, sie wurden in westliche Kleider gezwängt. Man hat eigentlich Kopien von westlichen Menschen gemacht. Aber man wollte hier keine intellektuellen Eliten heranziehen, sondern man brauchte Bauern, Fabrikarbeiter, Dienstmädchen. Eine Unterschicht. Das vermittelte man auch in den Schulen, wo die Kinder auch teils hart arbeiten mussten.

Was hatten die Kirchen mit den Schulen zu tun?

Man brauchte Personal für diese Schulen. Da boten sich die Missionare der anglikanischen, presbyterianischen, methodistischen und katholischen Kirche an. Gegründet, konzipiert, gesetzlich legitimiert und finanziert wurden sie aber vom kanadischen Staat. Die Geistlichen waren aber keine Pädagogen, viele waren für diese Arbeit nicht ausgebildet. Einige waren völlig überfordert. Krankheiten kamen, die Kinder starben haufenweise weg.

Also starben die Kinder, weil sie nicht ausreichend betreut wurden?

Ja, außerdem waren die Schulen völlig unterfinanziert – auch an Nahrungsmitteln wurde gespart. Die Kinder waren nicht ausreichend ernährt. Sie waren Wildfleisch, Fisch und frische Beeren gewohnt. Dann kriegten sie eine Grütze vorgesetzt, die ihr Magen nicht vertrug. Die Kinder waren unterernährt und daher anfälliger für Viren und Bakterien.

Was weiß man über Missbrauch und Gewalt an den Schulen? Wurden Kinder auch von Aufsehern getötet?

Die Gewalt, die diesen Kindern angetan wurde, ist unermesslich. Das macht einen sprachlos. Die Kinder wurden sexuell, physisch und seelisch missbraucht. Sie konnten nicht in Worte fassen, was ihnen angetan wurde. Dieser sexuelle Missbrauch kam ja nie an die Öffentlichkeit. Außerdem wurden sie etwa geschlagen, wenn sie z.B. ihre Sprache benutzten. Es gibt auch Berichte von einem elektrischen Stuhl, der eingesetzt wurde, um die Kinder, wenn sie sich etwa unerlaubterweise vom Schulgelände entfernt hatten, mit Stromstößen zu malträtieren. Manche starben dabei, oder wenn andere Strafen eskalierten. Manche erfroren aber etwa auch auf der Flucht.

Was machen diese Funde mit dem Land? Dienen sie der Aufarbeitung? Oder wurden sie durch Aufarbeitung überhaupt erst möglich?

Beides. Die Indigenen wussten ja die ganze Zeit, dass es diese Gräber irgendwo geben muss. Es gibt 80.000 Überlebende aus diesen Schulen, die sich heute noch erinnern. Sie fordern seit Jahrzehnten Aufarbeitung. Aber vom Staat kam zu wenig. Dann haben einige First Nations die Sache selbst in die Hand genommen, Gelder gesammelt und zu graben begonnen.  Als die ersten 215 Gräber in Kamloops gefunden wurden, hat es  eine Schockwelle durch Kanada losgelöst, die Regierungen der Provinzen, Justin Trudeau wurden alarmiert und Gelder wurden freigesetzt. Und das wird jetzt auch in die USA überschwappen. Das gibt jetzt eine riesige Aufarbeitung.

Was macht das mit den Indigenen, die ja teils schwer traumatisiert sind?

Ich bin mit vielen Indigenen befreundet und das öffnet alte Wunden, alles kommt wieder hoch. Viele Überlebende müssen jetzt das Trauma nochmal erleben. Aber es hilft ihnen eben auch beim Heilungsprozess. Sie haben jetzt einen Ort zum Trauern. Und das Ganze zeigt uns auch, dass das alles nicht "historisch" ist. Das ist keine Geschichte, das ist Gegenwart.

Wie geht es den Indigenen heute?

Es gibt Orte, wo Indigene ohne sauberes, fließendes Wasser leben, Im Reservat Attawapiskat mit 2.000 Einwohnern haben 2016 100 Kinder versucht, sich das Leben zu nehmen. Drogen- und Alkoholsucht. Das ist das andere Kanada. Denn nach Auflösen der Residential Schools ließ man die Überlebenden alleine. Sie haben nie gelernt zu lieben, wurden dazu erzogen ihre Eltern, ihre Kultur zu hassen. Sie bekamen eigene Kinder, ertränkten ihren Schmerz in Alkohol und Drogen – können die Kinder nicht mehr erziehen. Dann kamen in den 1960ern Sozialarbeiter des kanadischen Staates und nahmen rund 20.000 Familien  die Kinder weg, brachten sie zu Pflegefamilien oder gaben sie zur Adoption in die USA, nach Australien und Neuseeland frei.

Wie ist das Verhältnis zwischen Indigenen und dem Staat heute?

Es ist sehr belastet. Die Indigenen haben schon vor elf Jahren 1,5 Millionen kanadische Dollar beantragt, um diese Gräber zu finden. Ich glaube, sie sehen jetzt, dass sich Justin Trudeau schon Mühe gibt. Er scheint auch ehrlich berührt und hat sich unter Tränen entschuldigt. Ich nehme ihm das auch ab. Doch die Grand Chiefs sagen mir: Er meint es vielleicht gut, aber er versteht uns nicht. Während Kanada eines der reichsten Länder der Welt wurde, leben wir immer noch in der Dritten Welt.

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