Afrikanische Migranten versuchen den Grenzzaun von Melilla zu stürmen.

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Politik | Ausland
11/04/2015

Wie Madrid den Migrantenstrom bremste

Heuer landeten nur 220 Bootsflüchtlinge. Was die EU aus Spaniens Erfahrungen lernen kann.

72 Stunden hätte die Fahrt auf der Fischerpiroge dauern sollen – vom westafrikanischen Senegal aus bis zu den kanarischen Inseln. Für Ibrahim Dieme und 75 andere Flüchtlinge aus verschiedenen afrikanischen Ländern wurden zehn Tage daraus. Mehr tot als lebendig erreichten sie die zu Spanien gehörende Inselgruppe – nur um zwei Wochen später wieder zurückgeschickt zu werden. Ein paar Euros, ein Sandwich und eine Flasche Wasser gaben die spanischen Behörden Dieme mit auf den Weg nach Hause, in den Senegal.

Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts, als jährlich an die 30.000 afrikanischen Bootsflüchtlinge auf den Kanaren ankamen, hat sich die Lage auf den vor Westafrika liegenden spanischen Inseln radikal gewandelt. Heuer landeten bisher nur 220 Bootsflüchtlinge. Ihre Chancen auf Asyl stehen nahezu bei Null.

Auch über die Meerenge von Gibraltar, die Marokko und Spanien verbindet, kamen heuer nur rund 8000 Menschen auf der iberischen Halbinsel an. Eine im Vergleich winzige Zahl zu den riesigen Flüchtlingsströmen, die sich derzeit von der Türkei nach Griechenland bewegen: Dort wurden laut EU-Grenzschutzagentur FRONTEX allein im Oktober 210.000 Menschen gezählt.

Rückführungsabkommen

Was also kann Spanien, was den anderen EU-Staaten nicht gelingt – nämlich die Flüchtlingsströme einzudämmen? "Spanien hat jahrelange Erfahrung auf diesem Bereich, die kein anderes EU-Land hat", führt Migrationsexpertin Carmen Gonzalez gegenüber dem economist aus: So wurde etwa bereits vor 23 Jahren ein Rückführungsabkommen mit Marokko geschlossen. Darin verpflichtet sich das maghrebinische Land, nicht nur abgeschobene Marokkaner zurückzunehmen, sondern auch Menschen aus anderen afrikanischen Ländern. Zudem hat Marokko – gegen großzügige finanzielle und logistische Unterstützung aus Madrid – die Rolle des strengen Polizisten am Tor zu Europa übernommen. Marokko sichert die Grenzen zu den beiden Enklaven Ceuta und Melilla.

Festung Europa

Nirgendwo ist die Festung Europa sichtbarer als hier, hinter sechs Meter hohen Zäunen, versehen mit rasiermesserscharfem NATO-Stacheldraht. Immer wieder kommt es in Ceuta oder Melilla zu dramatischen Szenen, wenn Flüchtlinge versuchen, gegen die letzten Grenzen vor Europa anzurennen. Doch wer sich hier im Zaun verfängt, wird immer zurückgeschickt.

Bilaterale Abkommen hat Spanien auch mit Senegal, Mauretanien, Guinea und Gambia abgeschlossen. Illegale Migranten werden ausnahmslos zurückgeführt, mit spanischem Geld werden die lokalen Behörden ausgebildet und angehalten, die Küsten zu bewachen. Polizisten sollen dabei so viel Geld verdienen, dass sie Schmiergelder von Menschenhändlern ablehnen können. Ziel ist es, die Boote abzufangen, ehe sie überhaupt in See stechen.

Eines sieht man aber auch in Spanien klar: Von den Erfahrungen Madrids, von seiner engen Kooperation mit den Anrainerstaaten im Mittelmeer kann die EU lernen. Doch Migranten in bitterarme, obgleich friedliche afrikanische Staaten zurückzuschicken, ist grundsätzlich möglich – anders als die Zwangsheimführung von syrischen Flüchtlingen, die um ihr Leben gelaufen sind.