Der US-Entertainer Ryan Driscoll war bis Mitte Mai auf einem Schiff vor Barbados gefangen – mittlerweile durfte er an Land.

© APA/AFP/RYAN DRISCOLL

Politik Ausland
06/01/2020

Seeleute sitzen auf Kreuzfahrtschiffen fest: "Wir fühlen uns wie Geiseln"

Auf Corona-Odyssee: Seit Mitte März dürfen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr anlaufen, Reedereien ließen weltweit aber rund 100.000 Mitarbeiter an Bord - ohne Geld und Perspektive. Die Folge: Hungerstreiks und Suizide.

"Ich bin so froh, dass ich es nach Hause geschafft habe. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, in der Kabine gefangen zu sein.“

Die junge Deutsche, die dem KURIER anonym ihre Geschichte erzählt, ist eine der wenigen Kreuzfahrtschiff-Mitarbeiter, die es vor dem Lockdown noch von Bord geschafft haben. Ihre Reederei brachte sie im März von Australien per Charterflug nach Hause, da es Covid-19-Fälle auf dem Schiff gegeben hatte. Die Kollegen aus Ländern, deren Flughäfen geschlossen waren, fuhr man per Schiff dorthin.

50 Tage ohne Land

Das ist allerdings die Ausnahme. Die meisten Reedereien ließen ihre Crews nach den weltweiten Lockdowns nämlich einfach an Bord – in der Hoffnung, die Lage würde sich beruhigen. Bis zu 100.000 Seeleute sitzen darum seit 13. März auf ihren Schiffen fest, schätzen Experten – oft in sehr kleinen Kabinen, oft ohne Fenster und physischen Kontakt zu anderen.

Eine Perspektive zum Landgang haben viele nicht. Auf vielen Schiffen grassiert das Virus nach wie vor, weshalb die meisten Häfen die Schiffe nicht anlaufen lassen. Die USA haben die Sperre bis Ende Juli ausgedehnt, Australien gar bis Mitte September.

Die Coronakrise hat die Kreuzfahrt-Mitarbeiter quasi zu Gefangenen gemacht. „Wir fühlen uns wie Geiseln“, sagt ein Crewmitglied der Navigator of the Seas, die vor Miami feststeckt, dem Miami Herald. Der Rumäne und 13 seiner Kollegen traten Mitte Mai in Hungerstreik. Die Zeitung enthüllte, dass viele große Reedereien die Bezhalung ihrer – ohnehin schlecht entlohnten – Mitarbeiter eingestellt haben. Selbst zu Suiziden sei es gekommen, bestätigt der in Miami tätige Seefahrts-Jurist Jim Walker: „Seit Anfang Mai haben sich zumindest sechs Menschen das Leben genommen“, schreibt er in seinem Blog.

Walker, der derzeit 100 auf den Schiffen gefangene Crewmitglieder vertritt, gibt die Schuld an der Misere den Reedereien. Denn die könnten die Angestellten durchaus in ihre Heimatländer bringen, es sei ihnen nur zu teuer. Laut der US-Gesundheitsbehörde CDC etwa müssen die Firmen Charterflüge und Privattransporte buchen, um die möglicherweise kranken Seeleute abgeschottet nach Hause zu bringen – ein enormer logistischer und finanzieller Aufwand. Die deutsche TUI etwa parkt ihr „Mein Schiff 3“, das seit Ende April vor Cuxhaven liegt, in der Nordsee, mitsamt den verbliebenen 1000 Angestellten. Für sie werde eine Rückflugmöglichkeit gesucht, heißt es – gelingt das nicht, sollen sie bis zu einem Wiederbeginn der Kreuzfahrten an Bord bleiben.

 

Genau das ist für Anwalt Walker höchst problematisch – die Reedereien hätten die Verpflichtung, ihre Crews heimzubringen, argumentiert er. Zumal die Crewmitglieder ohnehin wenig Rechte hätten: Auf internationalen Gewässern könnten kaum Arbeitnehmerrechte durchgesetzt werden, auch Gewerkschaften hätten die Crewmitglieder keine, so der Anwalt in einem Interview mit ABC News. „Viele Unternehmen haben sogar Klauseln in den Verträgen, die den Mitarbeitern untersagen, eine Klage anzustrengen.“

Kaum wer will reden

Auch die junge Deutsche spricht davon, dass die Crews Schweigevereinbarungen unterzeichnen mussten – mit ein Grund, warum sie anonym bleiben will und viele Kollegen auf Anfrage nichts sagen wollten. Sie wurde übrigens nach ihrer Heimkehr krank – Coronavirus. „Wenigstens konnte ich mich zu Hause auskurieren“, sagt sie.

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