Politik | Ausland
01.05.2015

Wie ein Ehepaar Tausende Menschen rettete

Mit ihrem Schiff "Phoenix" gehen die privaten Helfer von "Moas" am Sonntag wieder auf Rettungsmission.

Die Willkommenspakete sind geschnürt: Samuel und Saleh packen Wasserflaschen, Lebensmittel, Handtücher und Kleidung in Plastiksackerln. Die lebensnotwendigen Utensilien werden die Flüchtlinge erhalten, die es an Bord des Rettungsschiffes "My Phoenix" schaffen. Vor zwei Jahren riskierten die beiden Männer selbst ihr Leben bei der Überfahrt von Libyen über das Mittelmeer in seeuntauglichen Booten.

Die Vorbereitungen auf der "Phoenix" im Hafen der Kleinstadt Marsa auf der Insel Malta liefen auf Hochtouren. Hunderte Rettungswesten wurden an Deck verstaut. Morgen, Samstag, bricht das 40 Meter lange Schiff der privaten Rettungsinitiative "Moas" zu seiner Mission auf. Bis Oktober wird es auf einer der gefährlichsten Fluchtrouten der Welt Menschen aus Seenot retten.

Regina Catambrone, die mit ihrem Mann Christopher die Initiative ins Leben gerufen hat, hält ihre Emotion nicht zurück: "Wir kämpfen gegen die Zeit. Heuer wird unsere Mission noch wichtiger, nachdem ,Mare Nostrum‘ der italienischen Marine eingestellt wurde." Erstmals wird ein fünfköpfiges Team von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) mit an Bord sein. Ein Krankenraum wurde eingerichtet. "MSF sind eine wichtige Ressource für uns", freut sich Catambrone im Gespräch mit KURIER.

Das italienisch-amerikanische Unternehmerpaar, das 2006 ein Versicherungsunternehmen gründete, lebt seit sieben Jahren auf Malta. Nach der Flüchtlingskatastrophe von 2013, als mehr als 350 Menschen ertranken, beschlossen die beiden, ihre Mission zu starten. Der Appell von Papst Franziskus ("Reißt die Mauer der Gleichgültigkeit nieder") gab den Ausschlag, ihr Privatvermögen zu investieren.

Das Schiff ist mit zwei Schlauchbooten und zwei ferngesteuerten Hubschraubern ausgestattet. Dank der Helikopter-Drohnen können Flüchtlingsboote auch bei Nacht, selbst bei starkem Seegang und in großer Entfernung aufgespürt werden. Die Mission kostet monatlich 400.000 Euro. Spenden, darunter eine großzügige Summe des deutschen Unternehmers Jürgen Wagentrotz, ermöglichen Rettungsfahrten bis Oktober. Im Vorjahr hat "Moas" 3000 Personen gerettet. Berührende Erlebnisse gab es viele, erzählt Catambrone: "Ich erinnere mich an das kleine Mädchen Honey aus Eritrea, das wir mit 40 Fieber aus dem Meer zogen. Zwei Tage später begannen die Medikamente zu wirken, sie begann wieder zu essen und zu spielen. Das war eine der schönste Erfahrungen meines Lebens." Spendenan Moas unter: http://moas.eu

„Wir warnen vor einer Serie von Tragödien“

Der Vorsitzende von „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) in Italien, Loris De Filippi, ruft die EU auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

KURIER: Ärzte ohne Grenzen unterstützt die private Flüchtlingsrettungsorganisation „Moas“ auf Malta. Ein MSF-Team wird mit an Bord sein.
De Filippi:
Wir haben das gemeinsame Ziel, Flüchtlinge zu retten. Wir stellen das gesamte medizinische Material – vom Pflaster bis zur Notfallversorgung – zur Verfügung. Ab 7. Mai starten wir eine zweite Mission, die allein von MSF getragen wird. Wir operieren eigenfinanziert.

Sie haben Italien kritisiert, es würde seine Verantwortung bei Erstversorgung und Aufnahme von Flüchtlingen nur unzureichend erfüllen, obwohl das Land EU-Gelder dafür erhält.
Seit 2002 kritisiert MSF die katastrophale Lage in Aufnahmelagern. Erst vor ein paar Tagen wurden die verheerenden Zustände in einem Flüchtlingslager in Kalabrien publik. Jahrelang verfolgte Italien eine Politik mit der fälschlichen Annahme: je schlechter die Aufnahme, desto weniger Leute werden kommen. Italien ist mit dem Ansturm überfordert. Die Verantwortung muss auf alle EU-Länder verteilt werden. Es kann nicht sein, dass ein reiches Land wie Norwegen nur 1000 Flüchtlinge aufnimmt, während Schweden europaweit die meisten Flüchtlinge aufnimmt.

Sie warnen vor einer Verschärfung der Situation?
Wir warnen vor einer Serie von Tragödien. Man muss sich vorstellen, dass ein Land wie der Libanon mit 4,5 Millionen Einwohnern bereits 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Und die EU schafft es nicht, 150.000 Flüchtlinge unterzubringen?

Mit welchen Notfällen sind die Ärzte bei den Flüchtlingen am häufigsten konfrontiert?
Im Sommer sind die Leute oft stark dehydriert, Leute kollabieren durch starke Sonneneinstrahlung oder leiden an Verbrennungen. Aber auch Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten sind häufig.