Politik | Ausland
13.11.2018

Wie die Migration aus Afrika nach Europa einzudämmen ist

Experte vor Ort: Der Chef der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ in Äthiopien fordert: Jobs, Jobs, Jobs.

„Viele sehen nur eine einzige Chance: Raus aus dem Land, egal wie. Selbst der mögliche Tod schreckt da nicht ab“, sagt Berhanu Negussie über den starken Migrationsdrang seiner äthiopischen Landsleute. Es gebe viel zu wenig Jobs, selbst Uni-Absolventen fänden keine Arbeitsmöglichkeiten. „Also machen sie sich Richtung Europa auf, in der Hoffnung auf ein besseres Leben“, so der 63-jährige Landesrepräsentant der von Karlheinz Böhm gegründeten Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ (MfM) bei einem Wien-Besuch im KURIER-Gespräch.

"Positives Bild" von Österreich

Nicht zuletzt durch das starke österreichische Engagement in dem ostafrikanischen Staat mit seinen gut 100 Millionen Einwohnern hätten viele Menschen ein „positives Bild“ der Alpenrepublik – als „schönes, reiches und neutrales Land im Herzen Europas“. Allerdings sei nicht alles Gold, was scheinbar so glänzt. „Rückkehrer berichten, dass es in Österreich schwieriger als in anderen europäischen Ländern sei, einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Und dass man hier den Wohlstand nicht so teilen wolle“, schildert Berhanu Negussie.

Der Praktiker sieht bloß zwei Möglichkeiten, den Exodus, von dem freilich auch zahlreiche andere afrikanische Staaten betroffen seien, einzudämmen: „Der eine Weg ist die Schaffung von Rahmenbedingungen für legale Migration. In dieser Hinsicht hat meine Regierung bereits eine Übereinkunft mit Saudi-Arabien getroffen (dort sind viele äthiopische Haushaltshilfen, Bauarbeiter oder Landwirtschaftshelfer tätig – nach illegalen Schleppungen). Und der zweite, viel wichtigere Ansatz ist die Schaffung von Jobs, Jobs und nochmals Jobs.“

Hilfe vor Ort ist nötig

Auch MfM engagiert sich in dieser Hinsicht. „Wir haben mit Dorfbewohnern eine Öl-Produktion hochgezogen. Dabei wird aus den Samen einer Pflanze Öl extrahiert. 400 junge Menschen, und das ist unsere Zielgruppe, können jetzt davon leben – und auch ihre Familien unterstützen“, beschreibt Berhanu Negussie, der schon 1981 einer der ersten Mitarbeiter von Karlheinz Böhm war, nur eines von vielen Projekten. Diese beinhalten auch Sektoren wie Bildung und Gesundheit.

Marshall-Plan

Zugleich aber bedauert der Entwicklungsexperte den Rückgang der Gelder. „Es ist doch viel besser und auch günstiger, uns hier zu unterstützen, als dann die Migranten in Europa versorgen zu müssen.“ Einem vielfach geforderten „Marshall-Plan“ für Afrika kann der 63-Jährige einiges abgewinnen, „allerdings nur in Verbindung mit guter Regierungsführung, sonst kann das nicht funktionieren“.

Auf die Frage, was die Geldgeber generell nach mehr als einem halben Jahrhundert Entwicklungsförderung besser machen könnten, fällt dem Äthiopier zuallererst Karlheinz Böhm ein. „Der kam nicht mit einem fertigen Konzept her und sagte: ,Ich weiß eh, was ihr braucht’. Er ging zu den Menschen, hörte zu, wo der Schuh drückt und welche Hilfe sinnvoll ist, nämlich die Hilfe zur Selbsthilfe – jenseits von ethnischen, kulturellen oder religiösen Aspekten.“