Wie Andy Burnham seine Heimatstadt Manchester spaltet
„Andy Burnham? Wer soll das nochmal sein?“
Die 21-jährige Mia Patterson, die an diesem Sommerabend auf den Stufen vor dem People’s History Museum im Stadtzentrum von Manchester sitzt, dreht sich ungläubig zu ihrer Freundin um: „Seriously? Das ist unser Bürgermeister. Der wird jetzt Premierminister!“
Ihre Freundin zuckt mit den Schultern: „Nie gehört.“ Mia schüttelt den Kopf.
Mia Patterson (li.) und Freundin auf den Stufen des People`s History Museum.
Es ist aber auch ein Satz, mit dem die Britin in der Minderheit ist. Kaum ein Politiker ist derzeit so sehr Gesprächsthema im Land, hat der 56-Jährige doch einen eindrucksvollen Aufstieg hingelegt. Erst vor drei Wochen hielt er im Museum, vor dessen Stufen die Freundinnen sitzen, eine Brandrede für eine neue Labour-Bewegung.
Fünf Tage später zog er als Abgeordneter für Makerfield ins Parlament ein. Vergangenen Freitag wurde er dann zum Labour-Chef gekürt und am morgigen Montag wird er in die Nummer 10 Downing Street einziehen.
König des Nordens
Für seine Grundsatzrede war das People’s History Museum am Manchester Leftbank – ein Ort, der Demokratie und Arbeiterrechte feiert – nicht zufällig gewählt. Erfolgreich haben ihn seine Unterstützer in seiner Zeit als Bürgermeister von Manchester als Mann des Volkes und König des Nordens positioniert.
Gemeindemitarbeiter Ben ist skeptisch, ob sich Burnham als Premier bewähren kann.
Doch beim KURIER-Lokalaugenschein zeigen sich die Meinungen zu seinen Errungenschaften durchwachsen. „Ja, die Stadt hat sich in den letzten Jahren stark gemausert,“ sagt Gemeindemitarbeiter Ben, der am St. Peter’s Square auf einer Parkbank sitzt. Weg sei das Image der düsteren Industriestadt. Stattdessen stechen gläserne Hochhäuser in den Himmel. Doch die Obdachloseninitiative, für die sich Burnham vor einigen Jahren so stark gemacht hatte, habe er dann ganz plötzlich wieder fallen gelassen.
„Das Öffi-Angebot ist schon super“, findet wiederum der 25-jährige Sam Fields. Statt deregulierter Bussysteme gebe es mit dem honiggelben Bee-Network nun ein einheitliches Netz. Dafür sieht Sam die vielen neuen Hochhäuser kritisch: „Darunter hat der soziale Wohnbau stark gelitten.“
Bewohner schätzen das effektive Öffi-Netz in Manchester.
Jedenfalls, räumt Sams Freundin ein, sei die Stadt sicher: „Ich arbeite in einer Bar und wenn ich nachts alleine nach Hause gehe, muss ich mich nie fürchten. Das ist nicht selbstverständlich.“
Teil des Wandels
Und doch ist der Wandel Manchesters nicht allein Burnham zuzuschreiben, erinnert Politikprofessor Patrick Diamond von der Londoner Queen Mary University: „Andy Burnham wurde vor zehn Jahren Bürgermeister, aber die Wiederbelebung von Manchester ist das Ergebnis eines dreißigjährigen Prozesses. Eine Zeit, die von einer stabilen politischen Führung und nachhaltigen Investitionen geprägt war. “
Content Creator Kav schätzt, dass Burnham den Jungen zuhörte.
Und was sagen die Mancunians zu Andy Burnham als Person? „Er ist einer der einzigen Politiker, der den Jungen wirklich zuhört“, sagt Content Creator Kav. „Das schätze ich sehr.“
„Zuhören?“ Dem muss die 68-jährige Tracy Mitchell stark widersprechen. „Bei den Grooming-Gangs (Männerbanden, die in den 1990er-Jahren Mädchen vergewaltigt haben und deren Fälle nun erst aufgearbeitet werden, Anm.) hat er uns komplett im Stich gelassen.“
Auch Isabel Smith schüttelt bei dem Namen den Kopf: „Dass er nach dem letzten verlorenen Führungswettkampf einfach das Handtuch geworfen und sich für zehn Jahre hier in Manchester versteckt hat, finde ich nicht beeindruckend.“
Reform Paroli bieten
Traurig, dass sie Burnham als Bürgermeister von Manchester verlieren, ist jedenfalls keiner der Befragten – auch nicht jene, die ihn schätzen: „Es war klar, dass er einmal weiterziehen wird“, meint Content Creator Kav.
Doch kann, was im Bürgermeisteramt großteils gut ankam, auf nationaler und internationaler Ebene funktionieren? Bis zu einem gewissen Grad, meint Professor Diamond: „Das Modell, öffentlichen und privaten Sektor zusammenzubringen, um Herausforderungen zu bewältigen, ist gut.“ Auch vom Plan, mehr lokale Führungskräfte zu schaffen und weiter zu dezentralisieren, dürfte das Land profitieren.
Politikprofessor Patrick Diamond erinnert, dass nicht aller Wandel in Manchester nur Burnham zugerechnet werden kann.
Doch steht bei vielen Befragten vor allem die vorsichtige Hoffnung im Vordergrund, dass Burnham mit seinem Charisma der aufstrebenden rechtspopulistischen Reform-UK-Partei Paroli bieten kann.
„Er ist mir dafür definitiv lieber als Starmer“, sagen sowohl Mia Patterson als auch Sam Fields und Isabel Smith. Schwester Rachel ergänzt: „Er kann gut reden. Er kommt gut an. Das können wir gut brauchen.“
Eine große Sorge hat die 21-jährige Mia doch: dass Burnham in Manchester eine „Nummer 10 des Nordens“ einrichten möchte. „Ich hoffe, das rückt Manchester nicht zu sehr in den Fokus. Ich liebe Manchester – eben weil es nicht London ist.“
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