Politik | Ausland
05.12.2018

Werben für Merz: Schäubles letzter Akt?

Wolfgang Schäuble war schon vieles, aber nie die Nummer eins – jetzt soll es ein anderer werden: sein Freund Friedrich Merz

Es war Ansage und Angriff zugleich: „Wir kommen nicht umhin, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen“, schrieb CDU-Generalsekretärin Angela Merkel 1999 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit Blick auf CDU-Chef Helmut Kohl. Die Geschichte, die folgte, ist bekannt: Eine Frau, die als Außenseiterin galt, stieg zur Parteichefin und Kanzlerin auf. Und blieb es länger, als sich mancher erhofft hatte.

Was Merkel diesen Dienstag in der FAZ lesen musste, dürfte ihr bekannt vorkommen. „Wie es auch schon bei Helmut Kohl war, so werden selbst erfolgreiche Kanzlerschaften nach langer Zeit irgendwann zäh“, sagte Wolfgang Schäuble im Interview. Und: „Es wäre das Beste für das Land, wenn Friedrich Merz eine Mehrheit auf dem Parteitag erhielte.“

Der ewige Zweite

Drei Tage vor der Neuwahl der Parteispitze wirbt das CDU-Urgestein für seinen Freund, Ex-Fraktionschef und früheren Merkel-Rivalen - ein bisschen nach dem Motto: Wenn nicht ich, dann er. Zwar hatte keiner so viele Top-Jobs inne wie der dienstälteste Abgeordnete im Bundestag - Innenminister, CDU-Vorsitzender, Finanzminister und jetzt Bundestagspräsident - doch zum Kanzler hat es nie gereicht. Auch wenn Schäuble Spekulationen gerne selbst befeuerte.

So oft die Endzeit der Kanzlerin ausgerufen wurde, so oft fiel sein Name. 1997, bevor sie nach dem Amt griff, sagte Schäuble schon dem Stern: „Wahrscheinlich würde ich der Versuchung nicht widerstehen.“ Und 2015, als Merkel wegen der Flüchtlingskrise in der Kritik stand, ließ er wissen: „Adenauer war bei Amtsantritt 73 Jahre.“

Dass hinter solchen Kommentaren mehr steckte, offenbarte Friedrich Merz zuletzt in einer Fernseh-Doku. Er und Schäuble hätten 2015/16 über Merkels Ablöse gesprochen. „Wir haben uns natürlich auch hin und wieder über die Frage unterhalten. Es stand ja die Frage im Raum, ob er möglicherweise die Kanzlerschaft übernimmt“, plauderte Wirtschaftsmann Merz freimütig aus. Schäuble hätte ihm damals gesagt, wenn es soweit käme, müsse er sich auf ihn verlassen können. Dass Merz nun knapp drei Jahre später um Merkels Nachfolge antritt, soll Schäuble mitbefördert haben. Beide verbindet nicht nur das Gefühl, die CDU müsse ihr Profil wieder schärfen, sondern auch ein Schicksal: Sie fühlen sich als führende Kräfte an der CDU-Spitze, wurden aber verhindert. Merz musste einst den Fraktionschefposten an Angela Merkel abgeben und zog sich in die Wirtschaft zurück. Bei Schäuble begann es bereits mit Helmut Kohl.

Kohls Kronprinz

Als dessen Kanzleramtschef bastelte er 1990 den Vertrag zur deutschen Einheit. Belohnt wurde er dafür nicht, nur intern als Kronprinz verspottet und vertröstet - bis Kohl 1998 die Wahl verlor. Dazu kam ein weiterer Schicksalsschlag: Noch im Jahr der Wiedervereinigung wurde der damals 48-Jährige Opfer eines Attentats. Zwei Kugeln trafen ihn jeweils in Rücken und Hals. Seine Tochter fragte er damals, „warum habt Ihr mich nicht sterben lassen?“, erinnerte sich Schäuble später in Interviews.

Diszipliniert kämpfte er sich aus der Reha zurück in die Politik. Wenige Monate nach dem Attentat, nahm er im Rollstuhl seine Amtsgeschäfte wieder auf, fiel aber über den CDU-Spendenskandal. Unter Merkel, die ihn ins Kabinett holte, wollte er zwei Mal als Bundespräsidentschaftskandidat antreten. Doch sie ließ ihn abblitzen. Groll hegte er angeblich keinen, dafür vielleicht Hoffnung, einmal ihren Platz einnehmen zu können.

Mal loyal, dann listig

Das Verhältnis zwischen Schäuble und Merkel ist komplex. Er verhielt sich mal loyal, dann listig – verglich sie in der Flüchtlingskrise mit einer unvorsichtigen Skifahrerin, die eine Lawine auslösen würde. Beim EU-Türkei-Deal unterstützte er sie. Ein doppeltes Spiel wurde ihm im Unionsstreit nachgesagt. Im Tagesspiegel sagte er, Merkel habe kraft ihres Amtes keine andere Wahl als Seehofer zu entlassen, sollte er über ihren Kopf hinweg entscheiden. Damit setzte er sie unter Druck, wissend, dass dies zum Ende der Koalition und Kanzlerschaft führen könnte. Gleichzeitig ging das Gerücht um, er könnte dann Übergangskanzler werden.

Zweideutig verhält sich der 76-Jährige nun auch beim Rennen um den CDU-Vorsitz. Er lobt zwar Merkels Verdienste bei jeder Gelegenheit, grenzt sich durch die Festlegung auf Merz aber deutlich von ihr ab. Ob die Konstellation Parteichef Merz und Kanzlerin Merkel gut gehen würde, ist fraglich. Ebenso, was bei einem Konflikt passieren könnte: Rücktritt? Neuwahlen? Doch ein Übergangskanzler? Gefragt nach Merkels Zukunft, meinte er vor Auslandsjournalisten, er rechne damit, dass sie für die Legislaturperiode bleibe; und schob dann noch nach: „Man weiß nie, was morgen ist.“