Stocker will Volksbefragung zum Grundwehrdienst: Das sagen die Umfragen
Die Wehrpflicht ist in Österreich seit 2013 politisch abgesegnet – doch jetzt geht es um die zweite, für die Politik wohl unangenehme Frage: Wie viel Übungspflicht braucht ein Milizheer, damit es im Ernstfall auch funktioniert? Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) kündigte am Freitag in seiner Rede zum Neujahrsauftakt an, über eine Reform von Grundwehrdienst und Zivildienst per Volksbefragung entscheiden zu lassen. "Neutralität verpflichtet uns, unsere Sicherheit zu schützen“, sagte Stocker.
Bundesheer nach Milizsystem auszurichten
Für ihn sei klar: "Ein Milizsystem ohne verpflichtende Milizübung kann den Anforderungen nicht gerecht werden.“ Eine so tiefgreifende Änderung solle nicht „über die Köpfe“ der Bevölkerung hinweg beschlossen werden; politisch, so Stocker, sei das Ergebnis bindend. Grundsätzlich ist das Bundesheer laut Verfassung nach einem Milizsystem auszurichten - das ist seit Aussetzung der verpflichtenden Milizübungen in der Praxis nicht mehr der Fall.
"Die Notwendigkeit einer Reform des Wehrdienstes ist - quer über alle politischen Lager hinweg - unumstritten. Die Vorschläge liegen am Tisch, jetzt sollen die Menschen darüber entscheiden können", sagte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) zum Vorschlag Stockers.
FPÖ-Wehrsprecher Volker Reifenberger ortet auf KURIER-Nachfrage ein "Zeichen der Entscheidungsschwäche des Kanzlers", spricht sich aber klar für eine Verlängerung des Grundwehrdienstes sowie verpflichtende Milizübungen aus. "Mit der Volksbefragung geht Österreich wertvolle Zeit verloren", sagt er.
Damit rückt ein Instrument in den Mittelpunkt, das Österreich auf Bundesebene erst einmal genutzt hat: die Volksbefragung 2013 über Wehrpflicht oder Berufsheer. Damals stimmten 59,7 Prozent für die Beibehaltung von Wehrpflicht und Zivildienst, die Beteiligung lag bei 52,4 Prozent.
Warum die Regierung sich des Themas annimmt, zeigen die Zahlen der Miliz. In einer großen Krise müsste das Bundesheer nach jetzigem Plan 55.000 Soldatinnen und Soldaten aufbieten. 36.000 davon wären Miliz – doch nur rund 60 Prozent (etwa 21.000) trainieren regelmäßig. 14.000 gelten als „befristet beordert“ und würden bis zur Einberufung praktisch nichts mit dem Heer zu tun haben. Freiwilligkeit allein füllt die Lücke nicht.
Wehrdienstkommission mit klarem Ergebnis
In einer Welt im Umbruch ein riskantes Spiel. Genau hier setzt eine von der Regierung gebildete Wehrdienstkommission an. Dreh- und Angelpunkt der am 20. Jänner präsentierten Ergebnisse: verpflichtende Milizübungen nach dem Grundwehrdienst für alle – und ein Zivildienst, der stärker als Reserve der zivilen Landesverteidigung gedacht und auf zwölf Monate verlängert wird. Fünf Modelle liegen am Tisch: drei Varianten, die relativ rasch umsetzbar wären, sowie zwei „Entwicklungs“-Modelle, die frühestens Mitte der 2030er-Jahre schlagend werden könnten.
Und die Stimmung im Land?
In einer OGM-Umfrage für den KURIER (April 2025) wollten 42 Prozent die sechs Monate belassen, 35 Prozent wären für neun Monate; 23 Prozent hatten keine Meinung. In einer Online-Umfrage von Peter Hajek für ATV/JOYN (19.–22. Jänner 2026, n=500) sind 35 Prozent gegen eine Verlängerung, 51 Prozent dafür (35 Prozent +2 Monate, 16 Prozent +4); 14 Prozent sind unentschlossen.
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