Sir Nicholas Soames

© AP/Alberto Pezzali

Politik Ausland
09/04/2019

Warum Johnson Churchills Enkel rauswirft und was ihm das bringt

21 Tories müssen gehen, weil sie dem britischen Premier in den Rücken gefallen sind. Ein Abgang schmerzt Johnson wohl besonders.

von Marie North

Der britische Premier hat seine Drohung wahrgemacht und hat jene 21 Tory-Abgeordnete, die Dienstagnacht gegen ihn gestimmt haben, aus der Partei geworfen. Unter den Rebellen sind auch acht frühere Minister, einige waren noch vor wenigen Wochen im Amt und einer ist ein prominenter Enkelsohn. Der Rauswurf könnte aber Johnson bei möglichen Neuwahlen durchaus von Nutzen sein.

Entscheidung "zwischen Karriere und Prinzipien"

Der britische Guardian schrieb noch Dienstagnacht, dass einige der abtrünnigen Tories sich nach der Abstimmung "befreit" gefühlt haben sollen. Die vorangegangenen Drohungen Johnsons in ihre Richtung hätten sie bei ihrer Entscheidung, sich zu widersetzen, geradezu beflügelt.

Ein Abgeordneter erklärte gegenüber dem Guardian seine Beweggründe: "Wenn man die Regierung in dieser Situation unterstützt, dann stellt man defacto seine Karriere über seine Prinzipien."

Nun-Ex-Tory-Abgeordneter Sam Gyimah sagte zum Guardian: "Downing Street stellte Abgeordnete wie mich vor die Frage: Sage ich, was ich denke oder behalte ich meinen Job."

Rory Stewart, ehemaliger Entwicklungsminister unter Theresa May, twitterte seine Beweggründe. Er bezeichnet Johnsons Verhandlungen mit der EU als einen "Schwindel".

Enkel seines Idols fällt Johnson in den Rücken

Noch kurz vor der Abstimmung versuchte die Regierungsspitze, mehrere Abtrünnige umzustimmen. Doch umsonst.

Dienstagvormittag gab es ein Treffen der Regierungsspitze, unter anderem mit dem früheren Finanzminister unter Theresa May, Philip Hammond und David Gauke, Justizminister unter May, in der Downing Street. Beide sind nun aus der Partei ausgeschieden.

Womöglich schmerzt ein Abgang Boris Johnson aber ganz besonders. Auch Sir Nicholas Soames war unter den Rebellen. Der Tory-Veteran ist der Enkelsohn von Sir Winston Churchill, dem ehemaligen britischen Premier. Soames sagte zum Guardian, er würde "schweren Herzens" rebellieren weil er keine Chance auf ein Abkommen bis Oktober sehe.

Churchill soll Johnsons großes Idol sein.

Abgeordnete treten nicht bei nächsten Wahlen an

Mehrere Rebellen haben außerdem angekündigt, nicht bei der nächsten Wahl, die womöglich schon ziemlich bald sein wird, antreten zu wollen. Unter ihnen die ehemalige Bildungsministerin unter Thersa May, Justine Greening, sowie Alistair Burt und auch Soames.

Der frühere Justizminister Phillip Lee dagegen ist Dienstagnachmittag vor laufender Kamera auf die Oppositionsbank gewechselt.

Aber was gewinnt Johnson durch den Rauswurf der Abtrünnigen?

Laut Großbritannien-Expertin Melanie Sully strebt Johnson eine Neupositionierung der konservativen Partei an. Die Partei sei bislang in zwei Flügel gespalten gewesen, den pro-europäischen und den anti-europäischen. Johnson habe sich nun entschieden, sagt Sully im Gespräch mit dem KURIER: "Er hat damit das Dilemma der konservativen Partei gelöst."

May habe versucht, beide Flügel zu bedienen. Johnson hat sich für den anti-europäischen Flügel entschieden, unter anderem weil Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei im Mai bei den EU-Wahlen so gut abgeschnitten hat, sagt Sully.

Johnson versucht sich in "eher englisch orientiertem Konservatismus" und verzichtet dafür auf ein Segment der Wählerschaft, das er wohl eh nicht mehr gewinnen würde, sagt Sully.

Eine ähnliche Strategie verfolgte demnach auch Margaret Thatcher in den 80er Jahren, als sie die Gewerkschaften entmachtete.

Das Problem der zwei Flügel habe aber nicht nur die konservative Partei. Auch Labour hat pro- und anti-europäische Kräfte in ihren Reihen. Außerdem fehle vielen Abgeordneten eine klare Vision für Europa. Bei Neuwahlen könnte das zum Problem für Labour-Chef Jeremy Corbyn werden.

Johnson sitzt jetzt jedenfalls nicht mehr zwischen den Stühlen.

Eine hat zwar nicht rebelliert, hatte aber vielleicht ihre Freude damit. So mancher Kommentator unterstellte Theresa May Deinstagabend Schadenfreude.