Politik | Ausland
29.09.2018

Warum ein toter Student das Hauptthema vor den Wahlen ist

David Dragičević starb im März in der Republika Srpska. Jeden Tag demonstrieren Hunderte für die Aufklärung des Todesfalls

18 Uhr. Hauptplatz von Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteils von Bosnien. Auf dem Platz steht eine eineinhalb Meter große Faust aus Holz, davor Kerzen, Blumen, Fotos. Auf den Bildern ist das Gesicht David Dragičevićs zu sehen, einem 21-jährigen Studenten aus Banja Luka. Auch an diesem Tag sind ein paar Dutzend Menschen gekommen. Manche tragen T-Shirts und Ketten mit Davids Gesicht. Manche haben Poster in der Hand, auf denen „Pravda za Davida“ steht. Gerechtigkeit für David.

David Dragičević war an einem Samstagabend im März mit seinen Freunden unterwegs. Von der Tour durch Bars von Banja Luka ist er nie zurückgekehrt. Tagelang suchten seine Angehörigen nach dem jungen Mann – bis sechs Tage später seine Leiche in einem Fluss gefunden wurde. Die Ermittler gaben als Todesursache einen Unfall an, er sei in dem Abwasser ertrunken. Davor soll er Marihuana und LSD konsumiert und außerdem einen Einbruch verübt haben.

Lügen

Nichts davon sei wahr, sagen die geschiedenen Eltern von David. Der Vater geht seither jeden Tag auf den Hauptplatz von Banja Luka, um für die Aufklärung des – er ist sicher – Mordes an seinem Sohn zu demonstrieren. Die Mutter ließ  in Wien eine Haaranalyse von David machen – LSD wurde nicht gefunden. Ein unabhängiger Gerichtsmediziner will zudem auf den Fotos des Toten Folterspuren erkannt haben. Was tatsächlich passiert ist, wurde bisher noch nicht geklärt. Glaubt man dem Vater, Davor Dragičević, dann sind es möglicherweise Polizisten selbst, die für Davids Tod verantwortlich sind. Doch zumindest - so der allgemeine Tenor - wird hier gewaltig etwas vertuscht, etwa Schlamperei der Ermittler.

Das Fazit der Familie und der Demonstranten in Banja Luka: Die Polizei, die Behörden, die Politik – sie alle lügen.

Wut und Lethargie

In dieser Grundstimmung gehen die Bosnier nächstes Wochenende wählen. „Eine Farce“, sagen die meisten. Durch das komplizierte Verfassungskonstrukt, das aus dem Daytoner Friedensvertrag von 1995 entstanden ist – Bosnien hat drei Präsidenten und eine aufgeblähte Verwaltung – ist das Land seit Jahren gelähmt. Gleichzeitig öffnet das politische System Tür und Tor für Korruption.

Das wurde sichtbar am Fall David Dragocevic, dessen Name längst zum Symbol einer wachsenden Gruppe von Bosniern wurde, die seine politische Elite, die Willkür von Polizei und Justiz satt hat. Die täglichen Proteste des wütenden trauernden Vaters sind längst zu politischen Versammlungen geworden, bei denen manchmal Dutzende, manchmal Tausende ihrem Ärger über die Institutionen Luft machen.

Suche nach dem Mörder

Für andere bleibt es schmerzhaft simpel. Davids Mutter hofft, dass durch den Druck der Straße vor den Wahlen der Tod ihres Sohnes doch noch aufgeklärt werden kann. "Ich will wissen, warum sie behaupten, dass David drogensüchtig und ein Dieb war", sagte sie dem ARD. Dem Vater trauen die Bosnier zu noch jahrelang auf den Hauptplatz von Banja Luka zu kommen, bis der Tod geklärt ist. Sein Protest hat immerhin dazu geführt, dass 100 Tage nach dem ersten Tag auf dem Hauptplatz endlich Ermittlungen wegen Mordes eingeleitet wurden.