Politik | Ausland
17.01.2018

Wachsender Frust und brennende Kirchen

Papst in Chile. Der Heilige Vater hat bei seinem Besuch mit Protesten und Misstrauen zu kämpfen.

Am zweiten Tag seiner Chile-Reise prangerte Papst Franziskus die Unterdrückung und Ausgrenzung der indigenen Mapuche an: "Wir müssen die Denkweise ablegen, dass es höhere und niedere Kulturen gibt", sagte er am Mittwoch bei einer Messe vor rund 200.000 Menschen bei der Stadt Temuco. Ursprünglich wurde eine halbe Million Teilnehmer auf dem alten Flugplatz erwartet. Diesen Ort wählte er bewusst – zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die damalige Regierung das Gebiet den Mapuche genommen, unter Diktator Pinochet wurde das Gelände als Haftlager genutzt.

"Die Einheit der Gesellschaft entsteht nicht und wird nicht daraus entstehen, die Unterschiede zu neutralisieren oder verstummen zu lassen, sie ist nicht ein Trugbild erzwungener Integration oder angleichender Ausgrenzung", sagte Franziskus.

Einheit sei nicht mit Einförmigkeit zu verwechseln, die für gewöhnlich aus der Vorherrschaft und der Macht des Stärkeren hervorgehe. An der Messe nahmen 23 Vertreter von Mapuche-Gemeinden teil.

Kirchen angezündet

Zuvor hatten Unbekannte drei Hubschrauber in Brand gesetzt, bei den Wracks wurden Flugblätter der Mapuche gefunden, auf denen die Freilassung inhaftierter Mapuche-Mitglieder gefordert wird.

Bereits in der Nacht auf Mittwoch hatten Täter eine Schule und eine Kirche angezündet – es war die zehnte Kirche innerhalb einer Woche. Der Stamm verlangt seit Jahrzehnten die Rückgabe alter Ländereien, während des Rechtsstreits mit Chile haben sich militante Gruppen gebildet.

Ein größeres Problem für Papst Franziskus ist der immer deutlichere Machtverlust der katholischen Kirche in Chile, der vor allem mit Missbrauchsskandalen zusammenhängt: "Ich kann nicht umhin, den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich angesichts des nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern von Geistlichen der Kirche zugefügt worden ist", sagte er bei einem Treffen mit Missbrauchsopfern durch kirchliche Würdenträger.

Religiosität nimmt ab

Die Stimmung in dem traditionell katholischen Land hat sich gewandelt: Sahen sich vor 16 Jahren noch 70 Prozent der Gesamtbevölkerung als katholisch an, sind es heutzutage nur noch 45 Prozent. Mehr als ein Drittel der Chilenen gibt an, sich gar nicht für Religion zu interessieren.

Das hängt unter anderem mit dem Missbrauchskandal des Priesterausbildners Fernando Karadima zusammen: Der charismatische Geistliche war 2011 von einem vatikanischen Gericht wegen Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen worden – viele Chilenen wandten sich aus Enttäuschung von der Kirche ab.