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Politik Ausland
01/10/2021

Vom Folterkeller an die Eliteuni - eine Geschichte vom Überleben

Omar Alshogre erzählt im Gespräch mit dem KURIER vom Albtraum der Gefangenschaft in Syrien, seiner Flucht und seiner Zukunft.

von Ulrike Botzenhart

Überleben – das ist das Wort, das Omar Alshogre im Gespräch mit dem KURIER am häufigsten ausspricht. Sein Wille und der Kampf um sein Leben ließen ihn als Teenager drei Jahre in syrischen Gefängnissen des Assad-Regimes überleben. Heute arbeitet der 25-Jährige, der in Schweden Asyl erhielt, im Rahmen der Organisation Syrian Emergency Task Force für die Freilassung aller politischen Gefangenen in Syrien. Er hält Vorträge und ist in sozialen Medien präsent.

Für ihn selbst geht bald ein Traum in Erfüllung: Er steht unmittelbar vor dem Sprung von Stockholm nach Washington, wo er an der renommierten Georgetown University Internationale Beziehungen studieren darf.

Seine Geschichte beginnt Omar Alshogre im Frühjahr 2011 mit dem Ausbruch der Revolution in Syrien. "Ich war 15, als ich das erste Mal in meiner Stadt Baniyas an einer Demonstration teilnahm. Ich habe nicht wirklich verstanden, was da passiert, aber alle waren auf der Straße, es war cool, dabei zu sein", erzählt Omar.

Als Sohn eines pensionierten Armeeoffiziers sah er damals Menschen in Uniform nicht als Feinde an. "Wenn ich einen Polizisten sah, fühlte ich mich sicher – so wie Kinder in Österreich."

Aber das änderte sich schlagartig, als auf die Menge geschossen wurde. "Ich wurde verhaftet, eingesperrt, geschlagen. Sie fragten mich, ob ich Freiheit wollte. Als ich ja sagte, rissen sie mir Fingernägel heraus."

Der Auslöser für die Proteste, betont Omar, war keine Ideologie, sondern die Gewalt des Regimes: "Kinder, 14 Jahre alt, wurden geschlagen. Eines haben sie ermordet."

Kein Leben in Angst

Omar kam wieder frei – und ging wieder demonstrieren. Hatte er denn keine Angst, wieder im Gefängnis zu landen, wieder geschlagen, gefoltert zu werden – ein Bursche mit gerade 15 Jahren? "Oh doch. Ich hatte mehr Angst, als du dir vorstellen kannst. Aber ich war draußen und habe Freiheit erstmals verstanden. Und die wollte ich wirklich", sagt Omar. "Ich habe verstanden, wie brutal dieses Regime ist und dass wir uns dagegen auflehnen müssen, um nicht unser ganzes Leben in Angst zu verbringen."

Deshalb ging er mit Freunden, Brüdern, Cousins demonstrieren. Unter Lebensgefahr, wenn die Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten. "Ich rannte um mein Leben, versteckte mich so gut es ging, landete aber immer wieder im Gefängnis." Warum ließen sie ihn ein ums andere Mal überhaupt wieder frei? "Mein Vater hatte beste Kontakte und genügend Geld. Er hat es immer geschafft, mich rauszuholen."

Massaker

Das funktionierte sechs Mal, beim siebenten Mal nicht mehr. "Mein Vater war tot. Ermordet wie auch zwei meiner Brüder bei einem Massaker in meiner Stadt", erzählt er mit leiserer Stimme. "Ich habe überlebt, weil ich im Gefängnis war. Das hat mein Leben gerettet."

Für den damals 17-Jährigen begann zugleich in Haft der beinharte Kampf ums Überleben. Er verbrachte drei Jahre in verschiedenen Gefängnissen, zuletzt im berüchtigten Militärgefängnis Saydnaya bei Damaskus, eine Hölle auf Erden vor allem für politische Gefangene. Ein früherer Beamter von Saydnaya formulierte das gegenüber Amnesty International 2016 so: "Die Leute in Saydnaya sind Doktoren, Ingenieure, Demonstranten; ihre beste Beschreibung aber ist ,Revolutionäre’. Saydnaya ist der Ort, um mit den Revolutionären fertig zu werden. Es ist das Ende für sie."

Nie aufgeben

Der Tod hatte in Saydnaya System. Wer nicht am Galgen hingerichtet wurde, der verhungerte, verdurstete oder ging an der Folter zugrunde. "Um mich herum sind ständig Menschen gestorben. Jeden Tag an die fünfzig", erzählt Omar. "Auch zwei meiner Cousins – einer davon in meinen Armen", sagt er leise und setzt laut fort: "Aber ich habe weiter gekämpft. Du darfst nie aufgeben, sonst hast du keine Chance."

Das habe ihn die "Universität des Flüsterns" gelehrt. "Du konntest im Gefängnis mit den anderen nur flüstern, sonst setzte es Schläge. Also flüsterten wir. Die Gefangenen rund um mich waren sehr gebildet. Ärzte, Lehrer, Psychologen, Anwälte – ich habe von ihnen sehr viel gelernt. Sie waren meine Schule, meine Universität, meine Freunde. Ohne Freunde hast du keine Chance. Sie gaben mir von ihrem Essen, ihrem Wasser, obwohl sie selbst kaum was hatten. Sie wussten, sie würden sterben. Aber sie wollten, dass ich überlebe."

Er schaffte es – auch dank seiner Mutter. Sie hatte in die Türkei flüchten können. Drei Mal, erzählt Omar, hätten Männer seiner Mutter versprochen, ihren Sohn zu retten, wenn sie ihnen das geforderte Geld gab.

Unerschütterliche Hoffnung

Drei Mal ging sie darauf ein, doch keinen der Männer sah sie wieder. Trotzdem vertraute sie auch einem vierten Mann, der ihr Omar heil bringen wollte, und trieb insgesamt 20.000 Dollar auf. Dieser Mann hielt Wort. Er organisierte Omars Scheinhinrichtung und schmuggelte ihn lebend raus. Abgemagert auf 34 Kilogramm, Blut spuckend und mit Tuberkulose erreichte Omar die Türkei.

Ohne Freund verloren

Aus Sorge um sein Leben drängte ihn die Mutter, sich auf den Weg in die EU zu machen, wo er geheilt werden könnte. Also kämpfte Omar weiter. Mit seinem zehnjährigen Bruder zog er los, erst übers Meer nach Griechenland, dann die Balkanroute entlang bis nach Österreich. "Dort wurde ich das erste Mal in ein Spital gebracht – das erste Mal", sagt er dankbar.

Doch danach zog er dennoch weiter mit jenen, die ihn bis dahin geschleppt und gestützt hatten. "Ohne Freund bist du verloren, das habe ich schon im Gefängnis gelernt. Diese Menschen waren meine Freunde, meine Rettung. Und sie wollten weiter, also ging ich mit."

Er habe ohnehin keine Ahnung von Europa gehabt. "Für mich war alles einerlei. Ich sprach damals weder Deutsch, noch Englisch oder Schwedisch", erzählt Omar heute in bestem Englisch.

Am 1. Dezember 2015 erreichte er Schweden. Im Spital freundete er sich mit einer Familie an, die ihn aufnahm. Er wurde gesund, lernte mehrere Sprachen, machte Matura und holte seine Mutter nach. Um die 20.000 Dollar zurückzahlen zu können, machte Omar alle möglichen Jobs – vom Eisverkäufer bis zum Sprachlehrer für Flüchtlinge.

 

Vorträge als Therapie

"Ich hatte so viel Glück! Ich bin gesund, genieße mein Leben und bald darf ich an die Georgetown University! Ein Traum", kann er es noch immer nicht fassen. Das Gefängnis habe ihn zu dem gemacht, der er ist.

Und Trauma hat er keines? "Ich war einmal bei einer Psychologin, aber sie meinte, ich brauche derzeit keine Therapie, weil ich ohnehin ständig darüber rede – ich halte Vorträge, war im US-Kongress und spreche mit Medien. Ich habe ein Ziel: Die Menschen sollen wissen, was in Syrien passiert, und ich setzte mich dafür ein, dass alle politischen Gefangenen in Syrien freikommen." Wie hoch schätzt er die Chancen? "Die stehen gut, ich glaube fest daran."

Omar Alshogre ist auf verschiedenen Social-Media-Plattformen aktiv:

Twitter: @omarAlshogre

Youtube: youtube.com/c/OmarAlshogre-II

Facebook: facebook.com/omar.alshogre

Instagram: @omaralshogre

 

Arabischer Frühling
Im März 2011 springt der Funke des Arabischen Frühlings auf Syrien über. Die immer größeren Proteste lässt Präsident Baschar al-Assad  niederschlagen, Hunderte Menschen werden getötet. Ein Flächenbrand entsteht, Soldaten desertieren, die "Freie Syrische Armee" nimmt den Kampf auf, aber auch viele Milizen, darunter ultra-fundamentalistische Gruppen. Sie kämpfen teils gegen das Regime, teils gegeneinander.

Leidtragende sind die Zivilisten: Bis heute kamen mehr als 500.000 Menschen im syrischen Bürgerkrieg ums Leben. Elf Millionen Menschen, fast die Hälfte der Bevölkerung, mussten fliehen.

"Islamischer Staat"
Teile Syriens werden jahrelang vom IS terrorisiert, Russland schaltet sich auf Seiten Assads in den Krieg ein. Gegen Ende 2017 gilt der IS als besiegt.  

Andauernde Kämpfe
Assad hat wieder weitgehend Oberhand, doch die Kämpfe gehen weiter.

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