Migrants are seen after being intercepted by Libya's GNA interior ministry before attempting a journey to Europe at a security checkpoint in the city of Khoms

© REUTERS / AYMAN AL-SAHILI

Politik Ausland
04/07/2021

"Viele sagen mir, sie wollten nie Asyl"

Europa müsse in der Flüchtlingsdebatte endlich zwischen Flucht und Wirtschaftsmigration unterscheiden, sagt die Expertin Melita Šunjić.

von Karoline Krause-Sandner

Von extremen Standpunkten halte sie nichts, sagt Melita Šunjić. Die Migrationsexpertin will sich auf Fakten stützen in einer Debatte, die vor allem von Emotionen lebt. Das Thema Flucht begleitet die 65-Jährige bereits ihr ganzes Leben lang. Einst ist sie als Flüchtlingskind aus Jugoslawien nach Österreich gekommen, lange war sie Sprecherin beim UNHCR, mittlerweile ist sie Beraterin in Migrationsfragen.

In ihrem Buch ("Die von Europa träumen") hat Šunjić ihre Erfahrungen aus Tausenden Begegnungen mit Flüchtlingen und Migranten niedergeschrieben. Den Anfang machen neun Geschichten von Betroffenen, in welchen die typischen Fluchterfahrungen und Beweggründe geschildert werden.

Sind die Geschichten in Ihrem Buch wirklich alle wahr?

Wenn man viele Interviews führt, dann ergeben sich so typische Muster. Ich wollte diese typischen Geschichten herausfassen. Alle Details sind wirklich von Menschen erlebt worden. Ich habe es nur fiktionalisiert, weil ich den Leuten immer versprochen habe, Vertraulichkeit zu wahren. Das heißt, die Geschichten sind soweit modifiziert, dass sie keinen Rückschluss auf den eigentlichen Erzähler zulassen. Aber sie sind keineswegs frei erfunden, noch sind sie übertrieben. Das sind Geschichten, die sich Asylbehörden und und NGOs praktisch tagtäglich anhören.  

Sie beschreiben etwa auch die "klassische" Reise von Afghanistan nach Europa. Wie läuft die ab? Und wer ist der Reisende?

Direkt aus Afghanistan kommen sehr oft ganz, ganz junge Burschen. In dieser sehr patriarchalischen, archaischen Gesellschaft sagt dann der pater familias, der Vater, der Großvater, „jetzt ist Zeit für dich, nach Europa zu gehen“. Aus zwei Gründen. Das eine ist, dass junge Burschen - oft halbe Kinder - tatsächlich von den Taliban und anderen islamistischen Gruppen zwangsrekrutiert werden, um zu kämpfen. Davor wollen sie das Kind schützen. Das andere ist die Hoffnung auf eine ökonomische Unterstützung.

Die Schleppernetzwerke in Afghanistan existieren seit Jahrzehnten – sie sind wie Reisebüros. Man bucht eine Reise aus einer großen Stadt in Afghanistan bis zu einer bestimmten Stadt, oder Land in Europa. Die Burschen reisen in kleinen Gruppen. Die bekommen einen Führer zur Seite gestellt, den sie Onkel nennen. Das ist eine Respektsbezeichnung, wie man sie früher auch bei uns am Land benutzt hat. Die Schlepper sind sehr angesehene Leute. Sie betreiben ein übernationales Netzwerk.

Das klingt jetzt alles einfach, wie so eine All inclusive Reise. In Wirklichkeit werden diese Kinder großen Gefahren ausgesetzt. Sie können erschossen werden an der iranischen Grenze. Sie werden in Verstecke gepfercht, wo sie unter Umständen ersticken. Es gibt Berichte von sexuellem Missbrauch durch die Schlepper.

Das Tragische an dem Ganzen ist, dass es so eine Kultur gibt in Afghanistan, dass man nicht jammert. Der Vater oder der Großvater hat gesagt ich muss nach Europa, also mach ich das. Und wenn sie dann zu Hause anrufen, sagen sie „alles gut“. Sie erzählen nichts von diesem furchtbaren, jahrelangen Leid, das sie haben. Wir sehen auch viele Selbstmorde von jungen Afghanen in Europa. Aber das wird kaum thematisiert.

Gibt es Migrationsmythen, die wir mittlerweile als wahr annehmen? Die sogenannten Pull-Faktoren (Anreize in ein bestimmtes Land zu wandern, Anm.) werden oft als solche bezeichnet.

Natürlich gibt es auch Pull-Faktoren, aber zuerst kommen die Push-Faktoren. Die Leute gehen ja nicht weg, weil Europa so schön ist, sondern weil sie einen großen Druck zu Hause verspüren. Sei es ökonomischer Druck – dann ist es Wirtschaftsmigration. Oder Krieg und Menschenrechtsverletzungen – dann ist es die Flucht. Dann erst setzen Pull-Faktoren ein. Etwa, dass man in Europa gut lebt.

Und natürlich ist es nicht sinnvoll, alle Leute, die nach Griechenland kommen, sofort in Europa zu verteilen. Weil die Schlepper das nutzen werden. Aber unter menschenwürdigen Bedingungen ein schnelles Asylverfahren durchzuführen – ein klares Ja oder Nein - würde in diesem Fall helfen.

Dass es Pullfaktoren gibt, steht außer Frage. Wir können ja auch nicht Europa als einen Kontinent des Elends darstellen. Natürlich lebt man hier gut. Andererseits nutzen die Schlepper das gezielt. Sie lassen Ankommende Werbung bei Wartenden machen. Ich habe das vor eineinhalb Jahren in Bosnien beobachtet.

Deshalb müsste Europa in seiner Migrationspolitik ja viel früher ansetzen. Man müsste analysieren, was mit den Menschen passiert, lange bevor sie an der europäischen Grenze sitzen.

Gibt es für diese Menschen überhaupt noch ein Zurück?

Viele haben alles verkauft, Schulden gemacht, unglaublich viel auf sich genommen, um nach Europa zu kommen. Gingen sie jetzt zurück, sind sie um ein Vielfaches ärmer als davor. Das Problem ist, dass die Asylverfahren so lange dauern. In der Zwischenzeit haben die Menschen längst den Kontakt zu ihrer Heimat verloren. Wenn ein Mensch schnell zurückgeführt wird, hat das einen didaktischen Effekt im Herkunftsland. Wenn es aber Jahre dauert, wird dort angenommen, er habe etwas angestellt oder versagt.

Wird Österreich von Schleppern als Zielland kommuniziert?

Wirkliche "Zielländer" gibt es vor allem bei afghanischen Schleppern. Die meisten afrikanischen Interviewpartner haben mir gesagt, sie wollen nach "l'Europe". Wenn Sie einen durchschnittlichen Österreicher fragen, wo Gambia liegt, weiß er das nicht. Umgekehrt ist es mit Europa ähnlich. Gegoogelt wird am häufigsten nach Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien.

Die meisten Leute, mit denen ich in Österreich geredet habe, sagen "ich bin hängengeblieben", weil sie ihre Fingerabdrücke abgegeben haben und daher nicht weiterdurften. Eigentlich wollten sie nach Deutschland oder Skandinavien. Ganz wenige wollten gezielt nach Österreich, weil sie hier schon Verwandte oder Bekannte haben und hoffen, dass sie hier ein kleines Auffangnetz haben.

Was ist der grundlegendste Fehler, den wir in der Migrationsdebatte machen?

Dass man die Migration erst wahrnimmt, wenn sie direkt Kerneuropa betrifft. Damit bekämpft man Symptome, anstatt zu ermitteln, wo der Migrationsdruck entsteht.  Der politische Reflex in der EU-Migrationspolitik ist: Abwehr! Das ist Kesselflickerpolitik. Wenn ich eine Grenze zumache, werden die Leute eine andere finden, wenn ich nicht an den Ursachen arbeite.

Trennen wir „Flucht“ nicht genügend von "Migration"?

Wir sehen heute eine vermischte Migration. Alle versuchen über dieselben Wege zu kommen. Zum einen Flüchtlinge, die Anspruch auf Asyl haben, zum anderen Leute, die sich mehr oder weniger freiwillig aufgemacht haben, auf der Suche nach einem besseren Leben. Alle werden in einen Topf geworfen.

Viele, mit denen ich gesprochen habe, sagen mir, sie wollten nie Asyl. Sie wollten hier ein paar Jahre arbeiten, was dazulernen, sich was ansparen und dann heimgehen und eine Existenz gründen. Sie alle landen im Asylverfahren. Das ist teuer für den Staat. Es zermürbt die Betroffenen und oft auch die Aufnahmegesellschaften.

Eine frühe Trennung wäre sinnvoll. Und die Einrichtung einer legalen Wirtschaftsmigration. Wir brauchen die Arbeitskräfte, ein vernünftiges Gastarbeiter-Programm 2.0 statt des dümmlichen Reflexes "Grenzen zu".

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