Politik | Ausland
04.12.2017

In Großbritannien machen sich die Pro-Europäer wieder bemerkbar

Die verzwickten Brexit-Gespräche rufen die Zweifel vieler am EU-Austritt wach.

"Wenn sich die Fakten ändern, haben die Menschen auch das Recht, ihre Meinung zu ändern", erklärte Tony Blair am Sonntag im britischen Radio – allerdings zu einem Thema, wo er es selbst immer schon besser gewusst hat: Der Brexit, den es immer noch zu verhindern gelte. "Wenn die Wahl darin besteht, dem eigenen Land schweren Schaden zuzufügen, oder nach Verlassen der EU deren Vorzüge in einer neuen Beziehung nachzuahmen, werden sich viele Leute fragen: Wo liegt da der Sinn?"

Auch ohne den umstrittenen Ex-Premier schafft der sich abzeichnende nationale Notfall Brexit mittlerweile unerwartete Bündnisse. So bot etwa Blairs ehemaliger Pressesprecher Alastair Campbell dem parteiinternen alten Erzfeind Jeremy Corbyn über eine Kolumne der Anti-Brexit-Wochenschrift The New European seine Hilfe an: In Abwandlung eines alten Wahlslogans der Neunziger zum Thema Recht und Ordnung solle der euroskeptisch linke Labour-Chef sich als "hart gegen den Brexit und hart gegen die Gründe des Brexit" positionieren. Er meinte damit die wachsende Armut in weiten Teilen Großbritanniens, die viele Protestwähler dazu bewegte, für den EU-Austritt zu stimmen.

Während man sich also bei Labour auf das soziale Thema als Grundlage einer gemeinsamen Anti-Brexit-Linie einigt, regen sich auch unter den Konservativen langsam die Stimmen der so lange von den Hardlinern zum Schweigen gebrachten Pro-Europäer. Man munkelt gar schon über eine – vor wenigen Wochen noch undenkbare – Rückkehr David Camerons, um im Falle eines Scheitern des Brexit Labour nicht das ganz Feld zu überlassen.

Dahinter steht eine aktuelle Umfrage. Der zufolge führt nicht nur Corbyns Labour Party mit acht Punkten Vorsprung, sondern auch erstmals tritt eine absolute Mehrheit der Bevölkerung für ein zweites EU-Referendum ein – also eine Abstimmung über das Ergebnis der Verhandlungen. Die große Mehrzahl der Briten befindet nämlich, dass Theresa Mays Team die Verhandlungen in Brüssel vergeigt.

Irland-Frage vor Lösung

Da ändern die jüngsten Erfolgsmeldungen am Montag von Mays Gesprächen mit Kommissionspräsident Juncker wenig. Auch wenn man in der derzeit heikelsten Frage – wie hält man die Grenze zwischen Irland und Nordirland offen? – anscheinend vor einer Einigung steht.

Briten benachteiligt

Nur 16 Prozent sehen die britische Seite im Vorteil. Statt des einst von der Austritts-Kampagne versprochenen Geldregens von rund 400 Millionen Euro pro Woche für das Gesundheitssystem, rechnen die Briten nun mehrheitlich mit einem wirtschaftlichen Schaden.

Die Minderheit von 38 Prozent für einen harten Brexit ist zwar nach wie vor beträchtlich, umgekehrt wollen aber knapp zwei Drittel lieber im EU-Binnenmarkt oder gleich innerhalb der EU verbleiben. Und wenn man schon geht, so meinen 65 Prozent der Befragten dann kostengünstig: Großbritannien sollte der EU seine Ausstände von rund 57 Milliarden Euro maximal zur Hälfte bezahlen. Die populäre britische Idee, seinen Kuchen gleichzeitig behalten und essen zu wollen, lässt sich nicht so leicht abschütteln.