Soldaten der russischen „Arktis-Armee“ beim Schießtraining.

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Verteilungskampf
01/05/2017

Russland rüstet in Arktis massiv auf

Militärische Präsenz wie in Zeiten der UdSSR soll Ansprüche auf Bodenschätze untermauern.

von Elke Windisch

Als die USA Ende Oktober erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges wieder Soldaten in Norwegen stationierten, klingelten in Moskau Alarmglocken. Zwar handelt es sich bisher nur um ein Bataillon, das zudem in Mittelnorwegen, tausend Kilometer von der russischen Grenze entfernt, Quartier bezog. Doch in dem Labyrinth aus natürlichen Höhlen finden im Ernstfall bis zu 15.000 Soldaten Platz. Der Voraustrupp besteht aus Marineinfanteristen, die eine Spezialausbildung für Diversionsakte im Hinterland des Gegners durchlaufen haben.

Auch planen Pentagon und das Verteidigungsministerium in Oslo regelmäßige Übungen in Grenznähe. Dabei sollen die Verbesserung der ständigen Gefechtsbereitbereitschaft und die Verkürzung der Wege im Krisenfall geübt werden. Si vis pacem para bellum: Willst du Frieden, bereite den Krieg vor. Auch im Dunkel der Polarnacht im Packeis.

Menschenfeindlich

Im russischen Arktis-Quartier sind die Zimmer einfach, aber geschmackvoll möbliert. Vier Betten, Spinde, ein Tisch, Stühle. Es gibt sogar ein Fernsehgerät. Erster Eindruck: einfacher Landgasthof. Nur die penibel auf Kante zusammengelegten Decken und die akkurat ausgerichteten Schuhe der Bewohner lassen auf Kommiss schließen.

Es ist in der Tat eine Kaserne. Eine der nördlichsten weltweit. Sie steht auf Kotelny, der Südlichsten der Neusibirischen Inseln, die zwischen 73 und 77 Grad nördlicher Breite aus dem Eismeer ragen. Eine menschenfeindliche Mondlandschaft, über der im Winter die Sonne drei Monate lang nicht aufgeht. Doch seit Herbst 2015 machen Scheinwerfer die Polarnacht zum Tage und blaue Positionslichter flankieren erneut die frisch betonierte Start- und Landebahn. Hier auf dem Militärflugplatz Temp, den die Sowjetunion in der Götterdämmerung der Perestroika wegen Ebbe in den Kassen aufgeben musste, begann im Oktober 2013 Moskaus Reconquista der russischen Arktis.

Für immer bleiben

"Wir sind gekommen oder besser gesagt zurückgekehrt, und zwar für immer und ewig", sagte Vizeverteidigungsminister Arkadi Bachin damals. Er war mit an Bord des Schiffes, das erste Bautrupps und schwere Technik auf Kotelny absetzte. 250 russische Soldaten sind dort inzwischen ständig stationiert: In gut einem Jahr entstand eine Wohnsiedlung mit über 14.000 Quadratmetern namens "Nordklee". Innovative energieeffiziente Technologien und neue wärmedämmende Baustoffe kamen zum Einsatz, alle Gebäude sind miteinander verbunden. Das schützt die Soldaten vor dem Extremklima und spart Energie.

Südlich der Inselgruppe führt der kürzeste Weg von Nordeuropa nach Asien und der ist durch den Klimawandel zunehmend eisfrei. Wagten sich 2010 vier Handelsschiffe in die Gewässer vor Sibirien, waren es 2014 bereits 372. Sie schaffen die 6500 km inzwischen statt in 48 in 35 Tagen. 2021 sollen über diesen Seeweg mehr als fünfzehn Millionen Tonnen Fracht transportiert werden. Zwar freut Moskau sich über die anfallenden Durchfahrtsgebühren. Der Klimawandel bringt aber auch die Verteilungskämpfe um riesige Öl- und Gasvorkommen im Eismeer auf Touren. Die meisten lagern jenseits der 200-Meilen-Wirtschaftszone, die Russland Richtung Norden verschieben will. Bisher beigebrachte Beweise, wonach zwei Unterseegebirge in Polnähe Fortsetzung der sibirischen Landmasse sind, schmetterte die UN-Seerechtskommission als unzureichend ab. Um den Ansprüchen auf die Ressourcen Nachdruck zu verleihen, will Moskau in der Arktis erneut jene militärische Präsenz herstellen, wie sie die UdSSR auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besaß. Die Spannungen im russisch-amerikanischen Verhältnis sind laut Experten ähnlich wie damals. Syrien und die Ukraine seien nur die Spitze des Eisbergs.

Seit der Landung auf Kotelny 2013 baute Russland daher schon 1500 Militärobjekte in der Arktis. In Kürze wird der weltweit nördlichste Flugplatz wieder in Betrieb genommen. Er liegt auf der zu Franz-Josef-Land gehörenden Graham-Bell-Insel. Zu Sowjetzeiten waren dort strategische Langstreckenbomber mit Kernsprengköpfen stationiert. Seit den letzten Manövern Ende der Achtzigerjahre war er verwaist. Der Bau eines zweiten begann im Oktober 2015 auf der ebenfalls zu Franz-Josef-Land gehörenden Insel Alexandraland. Dort entsteht ein Wohnkomplex für die Nordmeerflotte. 150 Menschen könnten dort anderthalb Jahre ohne Nachschub an Energie und Proviant ausharren.

Überlebenstraining

Bis 2020 sollen sechs weitere Garnisonen in der Arktis fertig sein. Darunter auf Nowaja Semlja, wo die UdSSR einst ihre Kernwaffen testete, bei Kap Schmidt auf der Tschuktschen-Halbinsel und auf der ihr vorgelagerten Wrangelinsel. Sie zählt zum Weltnaturerbe. Künftig sollen dort, im äußersten Nordosten Russlands, Scharfschützen für den Nahkampf im Packeis gedrillt werden. Derzeit üben einschlägige Spezialeinheiten auf der Kola-Halbinsel an den Küsten der Barentssee. Auf dem Programm stehen auch Bergsteigen und Überlebenstraining unter Extrembedingungen.

Zusammen mit Zoll und Küstenschutz sollen die Sondereinheiten 2020 in die im Vorjahr geschaffene Arktis-Armee integriert werden. Ihr gehören auch Einheiten von Luftwaffe und Luftabwehr der Nordmeerflotte an, die mit den ersten in Serie gefertigten Raketenabwehrsystemen des Typs S-400 ausgestattet sind. Diese können aus 400 Kilometern Entfernung gleichzeitig mit 72 Raketen bis zu 36 Ziele vernichten.

Als neue Wunderwaffe gilt auch Panzyr-S1: Kurzstreckensysteme, deren Raketen eine Geschwindigkeit von bis zu 1300 Metern pro Sekunde entwickeln und Ziele in bis zu 15.000 Metern Höhe treffen können. Potenzielle Angreifer Russlands, so Kremlchef Wladimir Putin, müssten schon über dem Eismeer abgeschossen werden. Der Hintergrund: Seit 2014 stocken die USA ihre militärische Präsenz in der Barentssee massiv auf. Von dort abgefeuerte Raketen mit Kernsprengköpfen brauchen maximal 16 Minuten zum Ziele in Moskau zu treffen.

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