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08.11.2016

Europäische Pressestimmen zur US-Präsidentschaftswahl

Die französische "Liberation" sieht die US-Wahl als "Referendum über die Globalisierung". "The Times" ist überzeugt: Der Trumpismus wird weiterleben. Slowakische "Dennik N": US-Demokratie hält auch einen Trump aus

Die US-Präsidentschaftswahl war auch am Dienstag Inhalt zahlreicher internationaler Pressekommentare:

"Liberation" ( Paris):

"Die Präsidentschaftswahl in den USA gleicht einem Referendum über die Globalisierung. Selbst wenn die Vereinigten Staaten nicht mehr die Supermacht sind, die noch vor zehn Jahren den Ton angab, ist die Abstimmung bedeutsam für den Planeten. Setzt sich mit Donald Trump der dumpfe Nationalismus durch? Oder siegen mit Hillary Clinton die Kräfte der Öffnung? Diese Volksabstimmung ist nicht die erste, die beunruhigend ist. Überall machen sich identitäre Strömungen breit: In Großbritannien mit dem Brexit, in Ungarn mit Viktor Orban, in Deutschland mit Pegida und in Frankreich mit der Front National."

" El Pais" ( Madrid):

" Hillary Clinton verdient es schon allein wegen ihrer eigenen Verdienste, heute zur neuen Präsidentin der USA gewählt zu werden. Die demokratische Kandidatin hat nicht nur eine solide politische Vergangenheit, sondern verkörpert zudem eine Vision für ihr Land und für die Welt, die auf einem realistischen Optimismus und auf einer Weisheit basiert, die aus der Erfahrung geboren wird. Diese beiden Umstände allein machen die Ex-Senatorin und Ex-Außenministerin schon zu einer Kandidatin, mit der es kaum jemand aufnehmen kann, ganz unabhängig davon, wer der Rivale ist. (...) Hillary Clinton hat in ihrer politischen Karriere Jahrzehnten voller Kämpfe gegen Verschwörungen, Konspirationen und alle mögliche Kritik ihre hartnäckige, aufopfernde und effiziente Arbeit entgegengesetzt. Die Wähler in Amerika wissen das - jetzt müssen sie es nur noch an den Urnen bestätigen."

" Aftenposten" ( Oslo):

"Am Mittwoch wissen wir höchstwahrscheinlich, wer der nächste Präsident (oder die nächste Präsidentin) der USA wird. Hoffentlich Hillary Clinton. Sie ist nicht nur unendlich viel besser für den Job qualifiziert als Donald Trump. Clinton hat auch eine Politik, die zusammenhängt und versteht, vor welchen Herausforderungen die USA innen- und außenpolitisch stehen."

"Dagens Nyheter" ( Stockholm):

"Ein nüchterner Vergleich zwischen den beiden Kandidaten kann nur zu einem Schluss führen. Trump ist eine gefährliche Person, die nichts in der Nähe eines Präsidentenpostens zu suchen hat. Clinton hat breite Erfahrung und Wissen. Sie wird keinen Weltkrieg beginnen, weil jemand sie auf Twitter ärgert. Wahrscheinlich wäre sie besser als Präsidentin als als Wahllokomotive. (...) Vieles spricht für Clinton, aber das haben Beobachter die ganze Zeit gedacht. Es wird auf jeden Fall eng."

"Jyllands-Posten" ( Aarhus):

"Aus internationaler Sicht ist es am beschämendsten, dass Hillary Clinton unter vielen Demokraten sehr unbeliebt ist, während viele Republikaner einen ähnlich großen Abstand zu Donald Trump wahren. Von den 165 Millionen Amerikanern, die sich als Präsidenschaftskandidaten hätten aufstellen lassen können, ist es ganz einfach unfassbar, dass wir mit zweien dastehen, auf die die meisten lieber verzichten würden. (...) Eine Wahl sollte in jeder Demokratie ein Festtag sein, aber niemand sollte die Amerikaner um die Wahl beneiden, die sie heute treffen müssen."

"Politiken" ( Kopenhagen):

"Sie ist Berufspolitikerin, elitär, überlegen, distanziert, unecht und korruptionsverdächtig. Wir kennen die Argumente gegen Hillary Clinton, aber trotzdem ist sie die richtige Frau, um das Weiße Haus zu übernehmen. Und das nicht nur, weil die Alternative - Donald Trump - zu gleichen Teilen abstoßend und beunruhigend ist. Hillary Clinton kann den USA eine hervorragende und visionäre Präsidentin sein, und selten war der Bedarf dafür größer als jetzt."

"Times" ( London):

"Sollte Donald Trump gewinnen, wird der Himmel nicht einstürzen. Er mag rücksichtslos wirken, aber wahrscheinlich wird er pragmatischer auftreten, wenn er an der Macht ist und von vielen seiner unbedachten Wahlkampfäußerungen Abstand nehmen. In jedem Fall ist das System, das diese beiden Kandidaten hervorbrachte, größer als jeder von ihnen. (...)

Wer immer gewinnt, der Trumpismus wird weiterleben. Seine lautstärksten Anhänger sind ältere weiße Männer, die sich überrollt fühlen von den schnellen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die Amerika verändern. Der nächste US-Präsident kann es sich nicht leisten, ihre Sorgen auszublenden, denn sie werden mit neuer Schlagkraft zurückkehren."

"Moskowski Komsomolez" ( Moskau):

"So eine Präsidentenwahl wie in diesem Jahr haben die USA noch nicht erlebt und werden sie vermutlich auch lange nicht mehr erleben. Niemals mussten die Amerikaner zwischen zwei so unbeliebten Kandidaten für das höchste Staatsamt wählen (wie Hillary Clinton und Donald Trump). Die meisten Experten sind überzeugt: Wer auch immer der 45. Präsident der Vereinigten Staaten wird, er wird nur für eine Amtszeit der Chef im Weißen Haus sein."

"Dennik N" ( Bratislava):

"Zwar hat der US-Präsident große Vollmachten und lenkt die Außenpolitik, er ist aber kein Autokrat, sondern eingebettet in ein effektives demokratisches Rechtssystem, das schon manche Krise überstanden hat. Die Macht des Präsidenten wird aufgewogen von den beiden Kammern des Kongresses, einer unabhängigen Justiz und gut funktionierenden Medien.

Hinter Trump stehen auch nicht viele Abgeordnete der eigenen republikanischen Partei, so dass er schnell auf Widerstand stößt, sobald er wie erwartet irgendwelchen Unfug durchsetzen will. Und dann gibt es auch noch eine intakte Zivilgesellschaft engagierter Bürger. Die Macht des US-Präsidenten ist also beschränkter, als es auf den ersten Blick scheint."

"Gazeta Wyborcza" ( Warschau):

"Ein Sieg Trumps wird Amerikas Position in der Welt nicht nur schwächen und der Welt damit schaden, sondern für viele Amerikaner auch eine große Schande sein. Sie könnten sich von der Politik abwenden. Bei einem Sieg Clintons wird ein Großteil der Welt aufatmen. Doch einige Amerikaner könnten es als Signal für einen Aufstand verstehen. Politische Kommentatoren warnen sogar vor Unruhen. Der Zorn, den Trump anstachelt, wird nicht einfach verschwinden."

"Lidove noviny" ( Prag):

"Die US-Amerikaner wählen nicht nur einen neuen Präsidenten, einen Menschen, den sie in vier Jahren wieder auswechseln können. Sie bestimmen auch über die Zukunft ihres Werte-, Rechts- und Politiksystems - und das auf Jahrzehnte hinaus. Denn das neue Oberhaupt der Vereinigten Staaten wird einen entscheidenden Teil der Richter des Obersten Gerichtshofs ernennen können. Dabei geht es keineswegs um Kleinigkeiten, sondern um das Recht auf Abtreibung, um gleichgeschlechtliche Ehen oder das Recht, überall Waffen zu tragen. Es steht viel auf dem Spiel. Das Gericht entscheidet auch darüber, ob Firmen Wahlkampagnen weiter unbegrenzt finanzieren können, oder ob Bundesstaaten bestimmte Wählergruppen diskriminieren dürfen."

"Magyar Idök" ( Budapest):

"Was für ein Präsident Donald Trump wäre - ein nüchterner, bedachtsamer Führer, der auf seine Berater hört, oder, wie wir ihn im Wahlkampf sehen konnten, ein unsteuerbarer Torpedo -, wissen wir nicht. Hillary Clinton, die Repräsentantin der hemmungslosen Washingtoner politischen Elite, kennen wir gut, doch im Fall ihrer Wahl würden wir uns auch nicht viel sicherer fühlen. Amerika blickt (...) einer schicksalsentscheidenden Wahl entgegen. Die Welt wiederum einer ungewissen Zukunft."