Deal der USA: IS-Kämpfer durften aus Raqqa fliehen

FILE PHOTO: A fighter of the Syrian Democratic For
Foto: REUTERS/RODI SAID Kämpfer der SDF im befreiten Raqqa.

Ende Oktober erklärten die von den USA unterstüzten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) die Befreiung Raqqas. Kurz zuvor verließ ein kilometerlanger Konvoi die Stadt. Wer dort genau flüchtete, war lange unklar.

Es sei der "entscheidende Sieg im Kampf gegen den IS", ließ US-Außenminister Rex Tillerson am 20. Oktober verlauten. Nach vier Monaten heftiger Kämpfe hatten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit Hilfe der US Air Force gerade die letzte Großstadt unter der Kontrolle des IS für befreit erklärt.

Was bisher kaum bekannt war: Wenige Tage zuvor hatte ein Konvoi aus rund 150 Bussen und Lkw Raqqa verlassen. Der Deal war von örtlichen Offiziellen, der kurdisch-arabischen Allianz SDF und der US-geführten Anti-IS-Koalition ausverhandelt worden. Um Zivilisten zu schützen und weitere Kämpfe zu vermeiden, wie es hieß. Wer genau sich im Konvoi befand, war lange Zeit unklar. Details wurden nicht bekannt gegeben. Nur ausländische Kämpfer, so die offizielle Version, sollte die Flucht aus Raqqa nicht gestattet werden.

This Thursday, Oct. 19, 2017 frame grab made from … Foto: AP/Gabriel Chaim Bild: Raqqa nach vier Monaten harter Kämpfe

"Raqqas schmutziges Geheimnis"

In einer aufwendigen Recherche, die nun unter dem Titel "Raqqas schmutziges Geheimnis" veröffentlicht wurde, hat die BBC nun die genauen Umstände dieses einmaligen Konvois aufgeklärt: Demnach handelte es sich dabei um Hunderte mitunter hochrangige IS-Kämpfer und Tausende ihrer Angehörige, die die Stadt im Norden Syriens unbehelligt verlassen konnten. Und: Auch Staatsbürger anderer Länder als Syrien und Irak, sogenannte "Foreign Fighters", sollen sich unter den Flüchtenden befunden haben. Die meisten sind nun über ganz Syrien zerstreut, einige kamen sogar bis in die Türkei, an deren Grenze aktuell vermehrt Schleppertätigkeiten festgestellt werden. Dass viele kampferprobte "Foreign Fighters" nun versuchen könnten, wieder in ihre alten Heimatländer zurückzukehren, ist naheliegend. 

Die Abmachung war so geheim, dass nicht einmal die angeheuerten LKW- und Busfahrer über die genauen Hintergründe ihres Auftrags informiert waren, berichtet die BBC. Man hätte ihm gesagt, der Auftrag würde lediglich sechs Stunden dauern, wird Abu Fawzi, einer der Fahrer des Konvois im BBC-Bericht zitiert. Stattdessen sei er drei Tage lang durch die Wüste gefahren, mit bis auf die Zähne bewaffnete IS-Kämpfern als Fracht. Ein anderer Fahrer erklärt, der Konvoi sei bis zu sechs Kilometer lang gewesen, darunter 50 Lkw, 13 Busse und mehr als 100 Fahrzeuge des IS selbst. Die IS-Kämpfer hätten dabei nicht nur ihre persönlichen Waffen mitgenommen, ganze Trucks seien mit Munition und Sprengstoff beladen worden. Insgesamt, so die BBC, wurden rund 4000 Personen aus Raqqa gebracht.

Der ehemalige Geheimdienstchef des IS, der inzwischen in Haft sitzt, bestätigte der BBC, dass darunter auch zahlreiche "Foreign Fighters" waren. Von mehreren Dutzend ist die Rede.

Der Bericht der BBC wurde inzwischen von einem US-Regierungssprecher bestätigt. Washington war demnach über die Vereinbarung informiert, betont allerdings, der Deal sei von den lokalen Verbündeten der USA ausgehandelt worden. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu zitierte laut Tagesspiegel einen Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums mit den Worten, der Deal sei „eine lokale Lösung für ein lokales Problem“ gewesen.

SDF fighters ride atop military vehicles as they c Foto: REUTERS/ERIK DE CASTRO Bild: Unter den kurdischen Kämpfern der SDF sind auch viele Frauen.

Gefährliche Befreiung

Die IS-Kämpfer hatten Raqqa im Jänner 2014 erobert und später zur inoffiziellen Hauptstadt ihres selbsternannten "Kalifats" gemacht. Die französische Verteidigungsministerin Florence Parlny hatte Mitte Oktober angesichts der Kämpfe um Raqqa noch gesagt, dort müsse "ein Maximum an Dschihadisten neutralisiert" werden. "Wenn Dschihadisten in diesen Kämpfen umkommen, umso besser", hatte sie hinzugefügt.

"Unsere Arbeit ist nicht getan", meinte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg noch zum Auftakt eines Treffens der Anti-IS-Koalition vergangenen Donnerstag in Brüssel und warnte: "Während der IS Gebiet verliert, könnte er versuchen, seine Bedeutung zu beweisen, in dem er Terrorangriffe in der Region und darüber hinaus verstärkt, auch hier in Europa."

Auch US-Verteidigungsminister James Mattis warnte die Verbündeten: "Trotz der Erfolge ist unser Kampf nicht vorbei. Auch ohne physisches Kalifat bleibt der IS eine Bedrohung zur Stabilität der befreiten Gebiete und in unserer Heimat." Das werde ein langer Kampf. Ob der nun aufgedeckte Deal dieser Strategie widerspricht, wollte im US-Verteidigungsministerium bis dato noch niemand kommentieren.

IS verlor 96 Prozent seines Gebiets

Ausgehend von Raqqa, wo vor dem Konflikt rund 200.000 Menschen lebten, plante der IS zudem Anschläge in der ganzen Welt. Dass die jahrtausendealten Stadt im Euphrat-Tal nun unter Kontrolle des SDF ist, ist zwar auch dem Deal zu verdanken. Andererseits konnten sich so Hunderte Kämpfer in IS-kontrolliertes Gebiet zurückziehen. Vor dem Anrücken der Anti-IS-Koalition hatten der IS die Stadt noch mit Sprengfallen vermint. Nach der Rückeroberung der ehemaligen IS-Hochburg am 17. Oktober hatten die Sicherheitskräfte die Stadt vollständig abgeriegelt, um in den Häusern platzierte Bomben und Minen des IS zu entschärfen.

Nach Angaben der von den USA angeführten Koalition haben die Islamisten inzwischen 96 Prozent ihres ehemaligen Herrschaftsgebietes in Syrien und im Irak verloren. Zuletzt wurde in Syrien die im Euphrat-Tal gelegene Stadt Albu Kamal an der Grenze zum Irak von syrischen Truppen eingenommen.

(KURIER / kob) Erstellt am
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