UNO-Friedensmissionen in der Krise: Massiver Einbruch bei Geld und Einsatzkräften
Die Finanzierungskrise internationaler Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit sowie geopolitische Spannungen setzen Friedensmissionen weltweit unter Druck. Ein am Freitag veröffentlichter Bericht des Friedensforschungsinstituts SIPRI zeigt, dass verringerte Ausgaben für Friedenssicherung zu einem teils drastischen Einbruch in der Anzahl von Friedensmissionen und Einsatzkräften führen. Besonders besorgniserregend ist der Rückgang von Missionen der Vereinten Nationen.
Im vergangenen Jahr waren laut Bericht des Stockholmer Instituts insgesamt 58 multilaterale Friedensmissionen in 34 Ländern und Territorien im Einsatz. Das ist ein Rückgang von drei Missionen im Vergleich zum Vorjahr. Damit setzte sich der Abwärtstrend seit 2016 fort. Die meisten Friedensmissionen - je 18 - waren in Subsahara-Afrika und Europa im Einsatz, in der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) 14, in den Amerikas fünf und in Asien und Ozeanien drei.
Einbruch bei Zahl der Einsatzkräfte
Dass die internationalen Friedensmissionen aber enorm unter Druck stehen, bezeugt der drastische Einbruch bei der Anzahl der Einsatzkräfte. Im vergangenen Jahr waren knapp 79.000 Einsatzkräfte in Friedensmissionen aktiv - das ist ein Rückgang von 50 Prozent gegenüber 2016 und die niedrigste Anzahl seit mindestens 25 Jahren. Der Globale Süden stellte dabei die meisten Einsatzkräfte - mit Uganda als Spitzenreiter (4.657 Einsatzkräfte), gefolgt von Nepal (4.299 Einsatzkräfte) und Bangladesch (4.275 Einsatzkräfte). Über zwei Drittel der Einsatzkräfte waren in Subsahara-Afrika stationiert gewesen, gleichzeitig verzeichnete die Region auch die größten Personalrückgänge der Einsatzkräfte.
Im vergangenen Jahr waren die Vereinten Nationen (UNO) laut Bericht weiterhin die Organisation, die die meisten internationalen Friedenssicherungsmissionen durchführte (insgesamt 18) und ein Drittel aller Einsatzkräfte stellte. Doch auch bei der UNO verzeichnet der SIPRI-Bericht einen Rückgang der Friedensmissionen und entsendeten Einsatzkräften. Regionale Organisationen führen zwar insgesamt mehr Friedensmissionen als die UNO durch, sind aber nicht in der Lage, die Lücke zu schließen, die die UNO hinterlässt.
Finanzierungskrise der UNO
Diese Lücke sei direkt auf die Finanzierungskrise innerhalb der UNO zurückzuführen, so der Bericht. Weil Mitgliedstaaten ihre festgesetzten Beiträge an die UNO nicht oder verspätet zahlten, hätten die Ausgaben für Friedensoperationen um 15 Prozent reduziert werden müssen. Im Juli 2025 hatten die UN-Friedensmissionen ein Finanzierungsdefizit von zwei Milliarden US-Dollar (1,72 Mrd. Euro) - mehr als 35 Prozent ihres Gesamtbudgets von 5,6 Milliarden US-Dollar für 2024-25. In Folge mussten etwa ein Viertel der Einsatzkräfte abgebaut werden. Ende Jänner 2026 warnte UN-Generalsekretär António Guterres vor einem "finanziellem Zusammenbruch" der UNO, sollten die Mitgliedstaaten ihre Beiträge nicht umgehend bezahlen. Für die Finanzierungsphase 2025-26 wurde von der UN-Generalversammlung das niedrigste Budget für Friedensmissionen seit zehn Jahren beschlossen.
Doch nicht nur die schwierige finanzielle Lage ist der Grund für den verzeichneten Rückgang. Auch die geopolitischen Spannungen und transaktionale Politik vieler Staaten würden laut SIPRI-Bericht dazu beitragen. Im UN-Sicherheitsrat erschwerten demnach unnachgiebige Forderungen und Vetodrohungen seitens der ständigen Mitglieder die Entscheidungen über die Verlängerung von Mandaten für Einsätze. Beispielsweise forderten die USA trotz häufiger Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen von 2024 zwischen Israel und dem Libanon die Auflösung der UNIFIL (Interimstruppe der Vereinten Nationen im Libanon). In einem Kompromissbeschluss stimmte der UN-Sicherheitsrat für eine finale Verlängerung der Mission im Libanon bis Dezember 2026.
Größte Friedensmissionen in Afrika
Ähnlich wie die UNO hatten auch regionale Organisationen - insbesondere in Afrika - Schwierigkeiten, ihre Friedensmissionen aufrechtzuerhalten oder auszubauen. Dieser Trend wurde außerdem beschleunigt durch den Rückgang von finanziellen Mitteln für Friedensmissionen von der Europäischen Union. Unter den zehn größten Friedensmissionen weltweit waren 2025 sechs in Afrika, drei in Europa (Kosovo, Moldawien, Bosnien und Herzegowina) und eine in Nahost (Libanon).
"Wenn es so weitergeht, könnte es zu einer dramatischen Schwächung der multilateralen Konfliktbewältigung und zu einer fast vollständigen Marginalisierung von Institutionen wie den Vereinten Nationen kommen, bedingt durch das Zusammenspiel von finanziellen, politischen und geopolitischen Faktoren", warnt Dr. Jaïr van der Lijn, Direktor des SIPRI-Programms für Peace Operations and Conflict Management "Die Folge dürften mehr Konflikte sein, und diese Konflikte werden wahrscheinlich noch schwerwiegendere Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung haben, da Staaten seit langem etablierte Normen aufgeben."
Bedarf nach Friedensmissionen bleibt
Demnach warnt der Bericht angesichts der aktuellen Trends vor der Kürzung oder frühzeitigen Beendigung von Friedensmissionen in Regionen, wo Konflikte noch nicht beigelegt sind oder sogar wieder aufflammen. Beispiele dafür sind die Demokratische Republik Kongo, der Südsudan oder Libanon. Gleichzeitig konnten aufgrund der Finanzierungskrise Friedensmissionen nicht umgesetzt werden in Regionen, die sie dringend bräuchten - wie Syrien, der Ukraine oder dem Jemen. Denn der Bedarf nach Friedenssicherungseinsätzen würde nicht sinken, so der Bericht. Waffenstillstands- und Friedensabkommen bräuchten deren Einsätze vor Ort für eine nachhaltige Friedenslösung.
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