Politik | Ausland
08.03.2013

Blauhelme zwischen den Fronten

Die Entführung von 21 Blauhelmen am Golan dokumentiert, dass das Assad-Regime die Kontrolle über die Truppentrennungszone verloren hat.

Die 371 österreichischen UN-Soldaten am Golan haben sich eingebunkert. Sie müssen damit rechnen, dass es binnen weniger Tage oder sogar Stunden auch bei ihnen kracht.

Die Entführung von 21 philippinischen UN-Soldaten durch Aufständische am Golan dokumentiert, dass das Assad-Regime zunehmend auch die Kontrolle über die hochsensible Truppentrennungszone am Golan verliert (siehe Bericht rechts).

Abzug

Die Truppentrennungszone teilt sich in den nördlichen Abschnitt der Österreicher (AUSBATT) und den südlichen Abschnitt der Philippinen (PHILBATT). Integriert in das 1100 Mann starke UN-Bataillon sind auch andere Nationen. Doch die ziehen zusehends wegen der Gefährdungslage ab.

Es begann mit angeblich fehlgeleiteten Artilleriegranaten, die in der Nähe von UN-Positionen explodierten. Ende November wurde ein mit 88 Österreichern besetzter Fahrzeugkonvoi beim Flughafen Damaskus unter Feuer genommen, vier Soldaten wurden verletzt. Ein unbewaffneter Österreicher der Beobachtermission UNTSO wurde kurzfristig entführt und nahe der jordanischen Grenze freigelassen. Die UNTSO-Beobachter stellten daraufhin ihre Mission ein. Vor wenigen Tagen verschwand schließlich ein kanadischer Offizier, der eine Privatreise nach Damaskus unternehmen wollte.

Bei den Truppenstellern steigt das Unbehagen. Die Blauhelme sind zwar zur Selbstverteidigung bewaffnet, aber nicht für einen Bürgerkrieg ausgerüstet. In Syrien sind derzeit rund 80 verschiedene Rebellengruppen aktiv, die sich untereinander nicht koordinieren. Die Palette der Akteure reicht vom lokalen Bürgerkriegshäuptling bis zum libysch-stämmigen Berufsterroristen.

Die ersten, die ihre Blauhelme ablegten, waren die Japaner. Der Abgang des kleinen japanischen Kontingents fiel nicht sonderlich auf, denn diese Soldaten leisteten nur Nachschubtätigkeiten.

Als wesentlich schmerzhafter wird aber der bevorstehende Rückzug der Kroaten empfunden. Ihr 89 Mann starkes Kontingent ist bei den Österreichern integriert. Sie überwachen den Mittelabschnitt des österreichischen Bereichs. Nachdem aber Aufständische einer kroatischen Patrouille die Sturmgewehre abgenommen hatten, entschied sich die Regierung in Zagreb zum Rückzug. Auch die Kanadier, die Logistikarbeiten leisteten, ziehen ab.

Taskforce

Die Österreicher werden bleiben, erklärt Oberst Michael Bauer vom Verteidigungsministerium. Es sei Aufgabe der UN, Ersatz für die abziehenden Truppenteile zu finden. Außerdem sei im Verteidigungsministerium vergangene Woche eine Taskforce gegründet worden, die jede Lageänderung in Syrien sehr genau beobachte.

Eine der wesentlichsten Fragen für die Taskforce ist die künftige Rolle des sogenannten „Bravo Gate“. Das ist jener Checkpoint auf Höhe Qunaitra, wo UN-Personal die Demarkationslinie nach Israel überschreiten kann. Nachdem die Straße zum 60 Kilometer entfernten Flughafen Damaskus zu gefährlich geworden ist, läuft nun der Großteil des Nachschubes über den „Bravo Gate“. Auch die eventuelle Evakuierung des Bataillons müsste über diesen Weg verlaufen. Die Evakuierungspläne wurden erst kürzlich modifiziert. Denn bedingt durch den Bürgerkrieg müssten die Österreicher den Raum über Israel verlassen.

Der Checkpoint wird durch drei Kontrollposten gesichert. Einen besetzen die Israelis, einen die UN, und einen weiteren die syrische Militärpolizei. Die entscheidende Frage lautet nun: Was passiert, wenn die syrischen Militärpolizisten von den Aufständischen zum Abzug gezwungen werden? Besetzen die Rebellen den Checkpoint, ist dann auch dieser Weg verbaut?

Rebell über die Entführer: „Sie gehören nicht zu uns“

Einen von den Entführern der bislang unbekannten Yarmuk-Märtyrer-Brigade geforderten, vollständigen Rückzug aller syrischen Regierungstruppen aus der Region Dara'a kann die UN nicht durchsetzen. Das Ultimatum galt bis Freitag: „Bis dahin sind die UN-Kräfte unsere Gäste“, so ein Entführer, „danach behandeln wir sie als Kriegsgefangene“.

Die 30 Entführer, die am Mittwoch den UN-Konvoi neben dem Dorf Dschamla in ihre Gewalt brachten, sehen wie syrische Dschihadisten aus. Vermutet werden Verbindungen zur Syrischen Volksfront Dschabhat Al-Nusra. Sie steht der Al-Kaida ideologisch nahe, ohne dass direkte Beziehungen bekannt sind. General Salim Idris, der höchstrangige Rebellenführer, verurteilte die Entführer am Donnerstag allerdings: „Sie gehören nicht zu uns, dienen nicht unseren Zielen, sondern Diktator Assad.“

Es könnte sich bei den Entführern auch um eine der vielen kriminellen Gruppen handeln, die das Chaos im Bürgerkriegsland nützen. Ein vor einigen Wochen entführter UN-Berater wird in ihrem Gewahrsam vermutet.

Der philippinische Botschafter in Israel, Generoso Calonge, betonte die Zuständigkeit der UN für die Geiselbefreiung. „In ihrem Namen hielten sie sich dort auf.“ Israel bat er um alle vorliegenden Informationen zur Entführung, aber auch um Zurückhaltung: „Jede direkte Einmischung kann die Geiseln gefährden.“

Ein UN-Sonderstab zur Vermittlung einer Freilassung hatte am Donnerstagmorgen noch keinen Kontakt mit den Entführern. Als Vermittler sollen Diplomaten der Golf-Emirate helfen.

Am Tag der Entführung überquerte erneut eine kleine Gruppe verwundeter syrischer Rebellen den Sicherheitszaun nach Israel. Ein israelischer Armeesprecher: „Humanitäre Hilfe können wir nicht ausschlagen.“

Was in der Armeeführung umstritten ist. Jeder Anschein, Israel unterstütze eine der beiden Seiten, müsse vermieden werden, so die Kritiker. Lautet doch eine der Anschuldigungen der Entführer, „die UN arbeitet zusammen mit Israel, den USA und Diktator Assad“.

Provokation

Israelische Beobachter gehen davon aus, dass nicht alle Granaten, die in den letzten Wochen auf israelisch kontrolliertem Gebiet einschlugen, fehlgelenkt waren. Beide Seiten könnten ein Interesse haben, direkte israelische Einmischung zu provozieren. Was ein allfälliger Abzug der UN-Beobachter vom Golan erleichtern würde.

Ohne Regeln sind sie nur Kanonenfutter

Krieg ist immer schrecklich, folgt aber – theoretisch – gewissen Regeln. Ein Bürgerkrieg ist noch einmal anders. Nirgendwo ist das deutlicher als in Syrien. Dort war der Arabische Frühling von Beginn weg ein mörderischer Sturm zwischen syrischer Armee und wild zersplitterten Rebellengruppen. 70.000 Menschen sind tot, eine Million sind auf der Flucht. Und geostrategische Interessen verhindern ein internationales Vorgehen, nicht aber verdeckte militärische Unterstützung für das Regime da und die Rebellen dort.

Jetzt hat eine Splittergruppe auf dem Golan 21 philippinische Blauhelme als Geiseln genommen. Und die Sorge um die 371 Österreicher dort wird nicht kleiner durch die Nachricht des Verteidigungsministeriums, dass sie jetzt ständig Kugelschutzweste und Helm tragen müssen und 30 Kilometer vom Geschehen weg sind.

Und schnell kommt die Frage: Was tun sie dort in Bürgerkriegszeiten eigentlich?

In Wahrheit zeigt die Geiselnahme eines der Dilemmata vieler UNO-Einsätze: Sie funktionieren in der Regel dann, wenn die Konfliktparteien gewillt sind, Regeln einzuhalten. Seit 1974 haben rund 26.000 österreichische Soldaten den Waffenstillstand zwischen Syrien und Israel überwacht – und hätte ihn eine der beiden Seiten massiv brechen oder den Gegner überrollen wollen, wären sie hilflos zwischen den Fronten gestanden. Im Bürgerkrieg sind sie allenfalls Kanonenfutter.

Mit der Geiselnahme haben sich die Rebellen aber einen Bärendienst erwiesen. Die internationale Gemeinschaft, die sich ohnehin vor entscheidenden Schritten gegen das zerfallende Assad-Regime drückt, wird angesichts der Aktion und unterschiedlicher Ziele radikal-islamistischer und anderer Gruppen noch zögerlicher agieren. Ihre Grenzen sind nicht nur auf dem Golan selten deutlicher aufgezeigt worden.