Politik | Ausland
12.12.2011

Tunesien: Ex-Dissident als Präsident

Der Menschenrechlter Moncef Marzouki wurde zum ersten Präsidenten des freien Tunesien gewählt. Premier wird der Islamist Hamadi Jebali.

Ungeduldig und rastlos saß Moncef Marzouki in seinem Zufluchtsort Paris, als sich in seiner Heimat Tunesien vor genau einem Jahr die ersten Stürme der Revolution erhoben. Seit Montag ist der 66-jährige frühere Dissident und Menschenrechtsaktivist der erste demokratisch gewählte Präsident nach dem Sturz der Ben-Ali-Diktatur.

Die verfassungsgebende Nationalversammlung, die vor sieben Wochen bei den ersten freien Wahlen des Landes gekürt worden war, bestimmte Marzouki Montagnachmittag zum Staatsoberhaupt. Der wiederum ernannte wie vorgesehen den Chef der siegreichen Islamistenpartei Ennahda zum neuen Premier des nordafrikanischen Landes.

Für seine Annäherung an die Islamisten hat der bekennende Linke Marzouki zuletzt viele Sympathien bei seinen Anhängern eingebüßt. Doch der studierte Mediziner, ein Mann der leisen, aber beharrlichen Töne, ließ sich nicht beirren. „Islamist zu sein, bedeutet nicht automatisch, Terrorist zu sein“, verwahrte sich der frühere Menschenrechtskämpfer gegen Anfeindungen: „In Tunesien ist der Islamismus eine konservative Rechtsbewegung mit religiösem Hintergrund.“

Marzouki selbst will seinen säkularen Prinzipien treu bleiben, wie er auch während der Ben-Ali-Diktatur trotz aller Angriffe gegen ihn standhaft blieb. Ein Jahr lang musste der dreifache, geschiedene Vater ins Gefängnis, ehe ihm 2001 nur noch die Flucht ins Ausland blieb. Während der vergangenen zehn Jahre im französischen Exil hielt der höfliche Professor für Medizin stets engsten Kontakt zur Heimat. Als Allererster der prominentesten Dissidenten des Landes wagte er die Rückkehr, als noch die Schergen Ben Alis die Straßen verunsicherten.

Die Macht im befreiten Tunesien aber liegt weniger in Händen des säkularen Staatschefs als in jenen des neuen islamistischen Premiers Hamadi Jebali. Dieser verfügt mit seiner Ennahda-Partei über 98 der insgesamt 217 Sitze im neuen Parlament und damit über eine klare Mehrheit. Marzoukis linker „Kongress für die Republik“ hält 29 Sitze.