Botschafter Hasan Gögüs ist für eine Pufferzone in Nordsyrien.

© /Türkische Botschaft

IS-Terror
11/06/2014

Gögüs: "Bei Moskito-Plage Sumpf trocken legen"

Der türkische Botschafter sprach mit dem KURIER über IS in Syrien.

von Walter Friedl

Alle unsere Warnungen, die wir seit drei Jahren aussprechen, erfüllten sich leider", sagt der türkische Botschafter in Österreich zum KURIER, "hätte man von Anfang an die moderaten Kräfte gegen den syrischen Machthaber Assad politisch und militärisch unterstützt, wären wir jetzt nicht in dieser Krise", so Hasan Gögüs. In Syrien seien "terroristische Gruppen" aktiv, zu denen der Diplomat auch die türkische Kurden-Guerilla PKK zählt, die mit den nordsyrischen Verteidigern von Kobane kooperierten, sowie die Extremisten des "Islamischen Staates" (IS).

"Machtvakuum"

Letztere seien aber nur ein Symptom der Krise und nicht deren Ursache. "Gestern war es El Kaida, heute ist es der IS. Groß werden konnten beide nur deshalb, weil ein Machtvakuum entstanden ist", betont Gögüs. Gefüllt werden könne dieses nur dann, wenn es in Damaskus eine neue Führung gebe, die wieder die Kontrolle über den Staat übernehmen könne. "Bei einer Moskito-Plage ist es auch unmöglich, jedes Insekt einzeln zu erschlagen, man muss den Sumpf trockenlegen, wo die Brut entsteht", zieht der Botschafter einen Vergleich.Vorwürfe, wonach Ankara den IS zumindest dahingehend unterstütze, dass verwundete Dschihadisten in türkischen Spitälern behandelt würden, wischt der Diplomat vom Tisch: "Wir haben auch schon 800 Kurden aus Kobane bei uns verarztet.Wer Hilfe benötigt, erhält sie. Und es steht ja bei niemandem auf dem Kopf, wer er ist." Außerdem habe die Türkei den IS, damals noch ISIS, schon 2013 als terroristische Organisation definiert, "damals wusste die Welt noch gar nicht, was ISIS überhaupt ist".

Als ersten Schritt zur Befriedung der Region erläutert Gögüs den türkischen Standpunkt: "Wir wollen in Syrien eine Ausbildung der Kämpfer der Freien Syrischen Armee, eine Flugverbotszone sowie einen Sicherheitsstreifen (sprich eine Pufferzone)." Die Kurden in Nordsyrien sind strikt gegen den letzten Punkt, sie fürchten um ihre Selbstverwaltung. Der Botschafter dazu: "Egal, was wir machen, wir werden immer kritisiert. Schreiten wir militärisch ein, heißt es, wir verletzen die Souveränität eines Nachbarstaates. Tun wir das nicht, heißt es, wir lassen die Menschen in Kobane gegen den IS im Stich."

In diesem Umfeld sei der seit zwei Jahren laufende Friedensprozess mit der PKK zwar nicht einfacher geworden, das Ziel sei aber dennoch, diesen fortzuführen. Denn "bricht er zusammen, verlieren alle Seiten", warnt Gögüs.

1,5 Mio. Flüchtlinge

In der Flüchtlingsfrage erwartet er sich deutlich mehr Unterstützung durch die EU – in finanzieller Hinsicht und auch bei der Aufnahme von syrischen Vertriebenen. "Wir haben schon 1,5 Millionen bei uns in 22 Camps. Allein in drei Tagen sind einmal 187.000 Menschen über die Grenze gekommen. Das ist mehr als die gesamte EU in drei Jahren hineingelassen hat", sagt der studierte Politologe. Seine Regierung habe die Flüchtlingswelle schon mehr als vier Milliarden US-Dollar gekostet. Und ein Ende sei nicht absehbar.

Jetzt befürchtet Ankara einen weiteren Ansturm. Assads Regierungstruppen, so warnt der türkische Premier Ahmet Davutoglu eindringlich, würden derzeit den Druck auf Aleppo massiv erhöhen. Zwar stehe die bevölkerungsreichste Stadt Syriens noch nicht unmittelbar vor dem Fall. Doch gelänge es Damaskus sie tatsächlich zurückzuerobern, würde ein neuer Flüchtlingsstrom einsetzen. Aleppo wird je zur Hälfte von Rebellen und Regierungssoldaten kontrolliert.

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