Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie

© dapd

Türkei
01/24/2017

Türkei streicht Darwins Evolutionstheorie aus Schulbüchern

"Atheismus als Krankheit". Charles Darwins Evolutionstheorie soll aus türkischen Lehrplänen fliegen.

"Säkularismus", "Wiedergeburt" und "Atheismus" sollen in Religionsbüchern als "problematische Überzeugungen" und als "Krankheiten" eingestuft werden. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin muss aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden. Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll immer mehr aus den Unterrichtsinhalten verschwinden.

Diese Neuerungen in den türkischen Lehrplänen kündigte nun Bildungsminister Ismet Yilmaz an. Zwar handelt es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits ab Februar in Kraft treten.

Religiöse Inhalte statt wissenschafliche Erkenntnisse

Damit würde dann umgesetzt werden, was Säkularisten in der Türkei schon seit langer Zeit fürchten: Die islamisch-konservative AKP-Regierung stärkt Schritt für Schritt die religiösen Inhalte in Bildungsanstalten, indem sie etwa die Theorie des Kreationismus unterstützt. Der Kreationismus lehnt die Evolutionstheorie ab und geht davon aus, dass alle Arten von Gott geschaffen wurden. "Die Beseitigung der Evolutionstheorie aus den türkischen Schulen scheint die jüngste Runde im Jahrhunderte alten Kulturkrieg zu sein", kommentierte der regierungskritische Journalist Mustafa Akyol den jüngsten Vorstoß im Internetmagazin "Al-Monitor".

Statt der Evolutionstheorie soll demnächst das Ersatzkapitel mit dem Titel "Lebewesen und die Umwelt" in den Schulbüchern zu finden sein. Zudem sollen alle Hinweise auf Darwin'sche oder "neo-darwinistische" Theorien entfernt werden. "Mit anderen Worten, ein türkischer High-School-Absolvent wird nichts über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Theorien lernen", konstatiert der Journalist Akyol. Mit solch einem Vorgehen würden die religiös Konservativen glauben, sie würden das Bildungssystem "reinigen".

Die Türkei ist das einzige muslimische Land der Welt, das ein laizistisches Selbstverständnis hat. Laut Verfassung dürfen "heilige religiöse Gefühle" nicht "mit den Angelegenheiten und der Politik des Staates" vermischt werden. Ein Grundsatz, an den sich eigentlich auch der offen religiöse Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu halten hat. Tatsächlich aber hält sich Erdogan oft nicht an diese Vorgabe. So hat er bei Wahlkämpfen gelegentlich einen Koran in der Hand gehalten, was als Tabubruch gilt in der Türkei.

Re-Islamisierung

Tatsächlich erlebt die Türkei seit seinem Amtsantritt 2003 als Regierungschef eine Re-Islamisierung. So wurde etwa das Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen weitgehend gelockert. Die Möglichkeiten des Alkoholkonsums an öffentlichen Orten wurden eingeschränkt. Auch Gewinnspiele dürfen keinen Alkohol mehr als Preis ausloben. Erdogan forderte 2014, türkische Schüler sollen Osmanisch lernen, die Vorgängersprache des modernen Türkisch - ohne lateinische Buchstaben. Politiker der kemalistischen Oppositionspartei CHP und der prokurdischen HDP warnen regelmäßig vor einer "religiösen Diktatur" durch die AKP.

Nicht der erste Streit um Darwin

Um die Evolutionstheorie gab es immer wieder Ärger in der Türkei. 2009 etwa wurde auf Anordnung des staatlichen Wissenschaftsrates in der Fachzeitschrift "Bilim ve Teknik" - zu deutsch: "Wissenschaft und Technik" - die Veröffentlichung eines Artikels über Darwin gestoppt. Die Herausgeberin wurde entlassen, nachdem sie das Titelblatt der März-Ausgabe der vor 150 Jahren veröffentlichten Evolutionstheorie Darwins gewidmet hatte.

Evolutionstheorie: Darwins Erbe im Umbau

Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie? Diese Frage stellte sich zuletzt eine Reihe von Wissenschaftlern bei einem Treffen der Royal Society in London. Darunter auch Gerd Müller, theoretischer Biologe an der Uni Wien und Präsident des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung. Er wäre verblüfft, wenn sich Darwins Theorie nicht ändern würde.

Aber alles der Reihe nach. Vor zirka 70 Jahren setzten sich Zoologen, Botaniker, Paläontologen mit Mathematikern und Genetikern an einen Tisch. Sie brachten Daten und Modelle aus zuvor meist eigenständig vor sich hin wurstelnden Fachgebieten unter einen Hut. Dieser gemeinsame Hut, die Moderne Synthese, war die Fortsetzung von Darwins große Idee, dem Konzept der graduellen Evolution durch erbliche Variation und natürliche Selektion. Der damals erzielte fächerübergreifende Konsens wurde die Grundlage für die weitere Forschung im evolutionsbiologischen Mainstream.

Kein Naturgesetz

Seither hat sich viel verändert. Neue Fachgebiete und Forschungszweige wie Genomik und Epigenetik sind entstanden. Deren Vertreter saßen vor 70 Jahren noch nicht mit am Tisch. Für Gerd Müller ist es „völlig normal“, dass sich eine Theorie erweitert. Immerhin ist die Evolutionstheorie kein ewig geltendes Naturgesetz, sondern „eine komplexe Idee, die aus vielen Komponenten entsteht, die sich im Lichte neuer Erkenntnisse verändern können.“ Laut Müller ist es dafür höchste Zeit. „Die Voraussetzungen und experimentiellen Befunde der Evolutionsbiologie haben sich weiterentwickelt: Die DNA wurde entdeckt, die molekulare Charakterisierung von Genen, sowie die Entwicklungs- und Systembiologie kamen dazu, wie auch neue Erkenntnisse zur Vererbung und Nischenkonstruktion.“

Befürworter einer neuen, erweiterten Theorie werfen traditionelleren Evolutionsbiologen vor, zu sehr in den Methoden und Konzepten von damals stecken geblieben zu sein. Im Kern geht es um die Populationsgenetik. „Evolution ist die Änderung von Genfrequenzen in Populationen“ lautet ein Mantra der Verfechter der traditionellen Theorie. Kritiker sagen: Die Verengung der Evolutionstheorie auf „Gene in Populationen“ wird den Erkenntnissen der neuen Forschungsgebiete nicht gerecht.
Die Debatte ist nicht neu. Bereits vor acht Jahren diskutierten Revolutionäre über neue Ansätze. Seither befassen sich Forscher mit einem weiter gefassten Rahmenwerk, genannt „Erweiterte Synthese der Evolutionstheorie“ (extended evolutionary synthesis). Darin wollen sie „Evolutions-Driver“ einarbeiten, die nicht nur auf Genvariationen zurückzuführen sind. Denn Lebewesen entwickeln sich nicht so, dass sie in eine vorgefertigte Umgebung passen. Vielmehr tun sie es zusammen mit ihrer Umgebung, in einem Prozess, der auch die Struktur ganzer Ökosysteme beeinflusst.

Biologe Gerd Müller ist jedenfalls überzeugt, dass die neuen Ansätze künftig mehr Gewicht haben werden. Egal, ob man dafür oder dagegen ist – „wird dies automatisch passieren“. Und die Tagung in London war sicher nicht die Letzte zu diesem Thema.