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Politik Ausland
10/01/2020

Trumps ultrarechte Fans: Wer sind die "Proud Boys" – und wie gefährlich sind sie?

US-Präsident Donald Trump hat in der TV-Debatte eine rechtsextreme Gruppe adressiert, nur um sich danach wieder davon zu distanzieren. Wieso macht er das? Und wen spricht er damit an?

von Evelyn Peternel

Wer ein "Proud Boy" sein will, muss vor allem eines sein: ein Mann. Dazu gerne frauenverachtend, chauvinistisch und Linken-feindlich, das sieht das Aufnahmeritual so vor.

Was anfänglich wie ein rechts angehauchtes Spaßprojekt wirkte, ist mittlerweile mitten in der politischen Realität angekommen: Die "Proud Boys" haben seit dem TV-Duell zwischen Joe Biden und Donald Trump ein heftiges mediales Echo ausgelöst. Der amtierende Präsident adressierte sie nämlich direkt – indem er sagte, sie sollen sich "zurückhalten und sich bereithalten".

Ist das ein Aufruf zur Gewalt? Und wer sind diese "Proud Boys" eigentlich?

Mit Hipsterbart und Karohemd

Gegründet hat die Gruppe, die offiziell nicht mehr als ein paar hundert Mitglieder zählt, Gavin McInnes. Den kennt man wiederum als Mitbegründer von Vice, jenem US-Medium, das sich gerade in Anfangszeiten mit Guerilla-Reportagen und höchst ungewöhnlichen journalistischen Zugängen bekannt wurde. Ähnlich unkonventionell war McInnes‘ Zugang, als er 2016 die "Proud Boys" gründete: Eine Gruppe "westlicher Chauvinisten, die sich weigern, für die Erschaffung der modernen Welt verantwortlich zu sein" seien sie, sagte er. Ein rechtes Projekt mit Augenzwinkern also.

Auf Youtube und Facebook konnte man McInnes dann dabei zusehen, wie er sich über Feministinnen mit Sprachfehler lustig machte, die Antifa auslachte und abgedroschene Frauenwitze machte. Freilich immer mit dem Nachsatz: "Das ist es, was uns die Linken verbieten wollen." Dazu kam Ideologisches wie: "Frauen verdienen weniger, weil sie weniger arbeiten wollen". Das sagte unter anderem live im TV auf Fox News - und zog so nicht nur den Hass von Feministinnen auf sich, sondern erzeugte auch effektvoll Aufmerksamkeit.

Alles ein wenig rückwärtsgewandt und harmlos? Vor allem, wenn es von einem Hipster mit Bart und Karohemd kommt, oder?

Nicht ganz. Zwar bezeichnet sich McInnes selbst als Komiker, und viele seiner Auftritte wirken tatsächlich so, als wolle er nur Agent Provocateur sein. Tatsächlich aber sehen viele Experten in der Gruppe weit mehr als eine Spaßbewegung, die sich über die Antifa und angeblich verhärmte Feministinnen lustig macht. Sie nennen die "Proud Boys" eine "Hate Group" und offen rechtsextrem – weil viele der "Proud Boys" McInnes' Ideen radikal umsetzen und auch vor Gewalt nicht zurückschrecken.

Anhänger werden radikaler

Sehen konnte man das mehrfach: In vielen US-Städten sind seit Langem Straßenkämpfe der "Proud Boys" mit linken Aktivisten dokumentiert, Verletzte gab es dabei ebenso wie Verhaftete in den reihen der "Proud Boys". In Portland marschierten kürzlich einige Hunderte "stolze Jungs" mit Waffen und höchst befremdlichen Outfits auf. Vier wurden verhaftet, Schusswaffen wurden beschlagnahmt. "Die Gruppen bewaffnen sich mehr und mehr", sagt Amy Cooter, eine Nationalismus-Forscherin an der Vanderbilt-University, gegenüber USA Today.

Das Southern Poverty Law Center (SPLC), eine der renommiertesten Bürgerrechts-Institutionen der USA, unterstellt McInnes sogar eine bewusste Tarnungs- und Täuschungs-Politik. Dass er die Gruppe "westliche Chauvinisten" nenne, sei nur eine PR-Taktik, um im Mainstream akzeptiert zu werden. "McInnes spielt ein doppeltes rhetorisches Spiel: Er weist weißen Nationalismus und Alt-Right von sich, während er die Grundsätze dieser Lehren propagiert", so die Experten vom SPLC.

In dem populären rechtsextremen Podcast The Daily Shoah wurde das auch öffentlich gesagt: "Wenn man den Proud Boys auf die Zehen stiege, würden wohl 90 Prozent etwas sagen wie 'Hitler hatte recht. Vergast die Juden'."

Von Social Media verbannt

Irritierend dabei ist lediglich, dass der derzeitige Chef der "Proud Boys", Enrique Tarrio, nicht ganz in das Schema weißer Ultrarassisten passt. Er ist Exil-Kubaner und damit selbst Latino. Wie das geht? Erklärbar sei das, so Experten, wohl mit dem anti-schwarzen Rassismus, der auch unter Latinos verbreitet sei – eine der Besonderheiten der US-amerikanischen Kultur.

Dass an der Beschreibung "Hate Group" etwas dran ist, sieht man jedenfalls auch an der Reaktion der Social-Media-Giganten vor einiger Zeit. Youtube und Facebook haben alle offiziellen Accounts der "Proud Boys" schon seit 2018 gesperrt, eben weil sie dort Hassreden verbreiteten. Das brachte McInness und Konsorten einen derben Rückschlag in der Reichweite ein.  

Dementsprechend glücklich schätzten sich die "Proud Boys" über Trumps netten Reichweiten-Boost beim TV-Duell. Enrique Tarrio wurde am Mittwochmorgen von Vans diverser TV-Stationen in seinem Haus belagert, die ihn interviewen wollten; auf Twitter trendete der Hashtag #WhiteSupremacy lange. Und viele Sympathisanten nutzten das für Eigenwerbung: Sie boten kurzerhand "Proud Boys stand by"-Shirts zum Kauf an.

Politik mit der Hundepfeife

Freilich, Trump wollte seine Sätze am Tag nach der Debatte nicht so gelesen wissen. Er distanzierte sich umgehend davon, mit den Worten, er "kenne die Proud Boys gar nicht".

Sätze wie diese kennt man von Trump, ebenso wie seine Taktik, nach einem Ausritt wieder zurückzurudern. "Dog Whistle Politics" nennt man das in der Fachsprache, also das subtile Manipulieren mit Botschaften, die nicht jeder gleich versteht. Eben wie bei der Hundepfeife: Nur Hunde hören die hochfrequenten Töne. Ebenso ist es bei den Botschaften der "Dog Whistler" wie Trump oder auch McInnes, die auch nur bei jenen ankommen, die für sie empfänglich sind.

Diesmal dürfte Trump aber ein wenig zu laut gewesen sein. Er habe "Dog Whistle durch ein Megaphon" betrieben, wetterte Kamala Harris, Joe Bidens Vize-Präsidentschaftskandidatin, nach dem Duell.

"Ich kontrolliere die 'Proud Boys'"!

Seinen Anhängern aus der "Proud Boys"-Welt dürfte das allerdings herzlich egal sein. Viele interpretierten Trumps Aussage eindeutig als Aufruf, im Falle einer Wahlniederlage "bereit zu stehen", wofür auch immer.

McInnes selbst, der die Debatte live kommentierte, verschluckte sich sogar an seinem Bier, als Trump die "Proud Boys" erwähnte. "Hat er wirklich 'Proud Boys gesagt?", fragte er da lachend. Und: "Ich kontrolliere die 'Proud Boys', Donald! Wir halten uns nicht zurück, wir bleiben nicht auf Distanz!"

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