Trumps Spiel auf Zeit: Warum verlängerte er das Iran-Ultimatum?

Der US-Präsident gab dem Iran 48 Stunden, dann würden die USA die Infrastruktur im Land angreifen. Nun gilt die Frist doch bis Freitag, angeblich wegen „guter Gespräche“ – doch fanden die überhaupt statt?
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Das Ultimatum ist ein erpresserisches Instrument, das seine Wirkung am besten entfaltet, wenn das Gegenüber glaubt, dass die gesetzte Frist unverhandelbar ist. Verhängt Donald Trump jedoch eine seiner berüchtigten „Deadlines“, so ist inzwischen fast sicher, dass er sie kurz vor Ablauf ohnehin verschieben wird. 

Als der US-Präsident der iranischen Führung am Samstagabend genau 48 Stunden Zeit gab, ihre Blockade der Straße von Hormus aufzugeben – ansonsten würde das US-Militär die iranische Energieinfrastruktur großflächig bombardieren – ahnten die Herren in Teheran, dass er bluffen würde.

Noch am Sonntag hatten die Revolutionsgarden mitgeteilt, im selben Ausmaß gegen die Nachbarstaaten zurückzuschlagen, sollten die USA ihre Angriffe starten: „Wenn ihr unsere Stromversorgung angreift, greifen wir ihre Stromversorgung an“, dasselbe gelte für Entsalzungsanlagen. 

Sollte Trump ernst machen und wie angedroht die Infrastruktur auf der Insel Kharg angreifen, von wo aus rund 90 Prozent des iranischen Öls exportiert werden, hätte der Iran nichts mehr zu verschiffen – und würde, so die Drohung, den gesamten Persischen Golf großflächig verminen.

Trump rudert zurück, iranische Sender spotten

Das Spiel ging auf. Noch am Montag ruderte der US-Präsident zurück. Auf seiner Plattform Truth Social behauptete Trump, die USA und der Iran hätten seit Samstag „produktive, tiefgründige und konstruktive Gespräche über eine vollständige Beilegung unserer Feindseligkeiten“ geführt. Weil diese Gespräche in den nächsten Tagen fortgeführt würden, entschied er, die gesetzte Frist um fünf Tage zu verschieben. Das neue Ultimatum läuft somit am Samstag um 01:44 Uhr mitteleuropäischer Zeit ab.

Nur: Trump lieferte keine Belege für die angeblich stattfindenden Verhandlungen, über die selbst hochrangige US-Beamte laut US-Medien keinerlei Kenntnis hatten – sie wären eine Sensation. Die iranische Führung dementierte: Es habe keinerlei Austausch mit der US-Regierung stattgefunden, auch nicht über Vermittlerstaaten. Der staatliche TV-Sender IRIB spottete, Trump habe „aus Angst vor der Reaktion des Iran“ nachgegeben.

Kurzfristig sinkt der Ölpreis, die Golfstaaten gewinnen Zeit

Möglich also, dass Trump kurzfristig den Druck auf die verbündeten Staaten in der Region und die Weltmärkte lösen wollte. Der zwischenzeitlich auf ein Rekordniveau gestiegene Ölpreis sank nach Trumps Auftritt direkt wieder um zehn Prozent.

Kurier-Grafik

Nach iranischen Angriffen auf Infrastruktur-Cluster gerieten die Golfstaaten in der Vorwoche stark unter Druck: Drohnen trafen unter anderem den Hafen von Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie den Hafen von Yanbu an der Westküste Saudi-Arabiens. Beide sind wegen der Blockade im Persischen Golf essenzielle Ölexport-Standorte in ihren Staaten. 

Noch folgenreicher waren iranische Drohnenangriffe auf die katarische Industriezone Ras Laffan am vergangenen Mittwoch. Die Kapazität der dortigen größten Flüssiggas-Raffinerie der Welt sei um 17 Prozent eingeschränkt worden, teilte das Energieministerium Katars mit. Es dürfte Monate bis Jahre dauern, bis die Schäden repariert sind.

Das zeigt, dass der Iran mit seiner Vielzahl an Drohnen weiter in der Lage ist, die Abwehrsysteme der USA und ihrer Verbündeten zu überlasten – die Abwehr ist schließlich deutlich teurer als die Drohnen selbst. Auch wenn US-Militärs weiter beteuern, der Iran verfüge kaum noch über Raketenstellungen und sei wohl nicht in der Lage, den Persischen Golf tatsächlich zu verminen: Ein Ende der Gegenschläge ist nicht in Sicht.

Marschieren die USA bald auf der Insel Kharg ein?

Trump könnte also auch auf Zeit spielen, um den Konflikt dann zum Ende der Woche erneut eskalieren zu lassen. Berichten zufolge berät der US-Präsident laufend mit dem britischen Premierminister Keir Starmer, wie sich die iranische Blockade der Straße von Hormus gemeinsam lösen ließe. 

FILE PHOTO: U.S. President Donald Trump visits Scotland

Der britische Premierminister Keir Starmer (links) zeigt Bereitschaft, die USA mit der britischen Marine bei der Öffnung der Straße von Hormus zu unterstützen.

Anonyme Pentagon-Offizielle spekulierten im US-Medium Axios über folgendes Szenario: Die USA könnten mit Bodentruppen zumindest die Insel Kharg mitsamt ihrer Ölinfrastruktur besetzen und von dort aus die Straße von Hormus mit ihrer Marine offenhalten.

Ein US-Einmarsch auf Kharg träfe auch die iranische Bevölkerung direkt. Die häufigen Stromausfälle würden zunehmen. Unklar ist, ob ein solcher Druck das Regime destabilisieren würde – oder ob es im Gegenteil die Kontrolle über die Bevölkerung verschärfen könnte.

Läuft Trumps neuerliches Ultimatum am Samstag aus, werden sich die Möglichkeiten des US-Militärs jedenfalls erweitert haben: Dann wären schon rund 2.500 weitere US-Soldaten vor Ort verlegt. Das ist zu teuer – und zu riskant – um ein reiner Bluff zu sein.

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