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US-Wahlkampf
02/28/2016

Trump als Präsident? "Ein Albtraum!"

Der streitbare Baumagnat, der unbedingt ins Weiße Haus will, scheint nicht zu stoppen zu sein.Er leistet sich alle erdenklichen Frechheiten und führt doch in den Umfragen. Könnte er auch Hillary Clinton schlagen? Seine Gegner, und das sind viele, fürchten einen politischen Super-GAU.

von Ingrid Steiner-Gashi

Jeronimo Cortina muss nicht lange überlegen. Was erwartet die USA und die Welt, wenn Donald Trump tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt würde? "Ein Albtraum", bricht es aus Cortina heraus. "Stellen Sie sich das Desaster vor, wenn Trump zu Kanzlerin Merkel sagt: ,Nein, das mach ich jetzt nicht‘, auf den Tisch donnert und geht. Oder wenn er den UN-Generalsekretär anpflaumt: ,Du bist ein Loser‘ ..."

Unzählige Beispiele fallen Cortina, Politikprofessor an der Universität Houston ein, wie ein Präsident Trump mit seinem Brachialstil anecken und internationale Krisen auslösen würde: "Die Beziehungen zur UNO, zum Währungsfonds, zur EU – wie soll das gehen? Und ich bin mir auch nicht sicher, ob er von der Komplexität des Nahen Osten eine Ahnung hat."

Überhaupt machten alle bisherige Wahlkampfaussagen des Baulöwen mit Hinblick auf seine Außenpolitik wenig Sinn, bilanziert der Politologe: "Wer würde sich da als Trumps Außenminister hergeben?" Alles in allem, sagt Cortina zum KURIER, "könnte sich die Absurdität des Ganzen nicht einmal Franz Kafka ausdenken".

Programm für Satiriker

Dennoch kann nicht ganz ausgeschlossen werden, womit sich bisher bestenfalls Satiriker beschäftigt haben: Donald Trump, selbstherrlicher, unbeherrschter, grober, zum Größenwahn neigender Multimilliardär, könnte im November zum neuen Herren des Weißen Hauses gekürt werden.

Einen der größten Schritte dorthin müssen die Präsidentschaftskandidaten übermorgen setzen – am "Supertuesday". Es gilt, in den 14 Bundesstaaten, wo Vorwahlen abgehalten werden, möglichst viele Delegiertenstimmen zu sammeln. "Do or die" – jetzt oder nie, heißt es vor allem für Trumps konservative Herausforderer Marco Rubio und Ted Cruz. Trump geht mit einem beachtlichen Umfragevorsprung in den Supertuesday. Schneidet er gut ab, ist ihm die Nominierung zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner fast nicht mehr zu nehmen.

Samantha Harke versteht die politische Welt nicht mehr: "Ich kann nicht glauben, was da los ist. Der diesjährige Wahlkampf ist wie ein riesiges Zirkusprogramm", schimpft die in Texas lebende PR-Beraterin gegenüber dem KURIER. Ihre ganze Familie stammt aus einem streng republikanischen Umfeld. Aber Trump wählen? "Nie und nimmer. Dann besser gar nicht wählen", sagt die dreifache Mutter.

Trump wählen? – Nie!

Fast ein Drittel aller republikanischen Wähler in den USA würden es laut Umfragen Samantha gleichtun und bei den Präsidentenwahlen daheim bleiben, wenn der republikanische Kandidat Donald Trump hieße. Aber kann man Wahlen überhaupt gewinnen, wenn ein Drittel der eigenen Klientel verweigert?

"Nein", sagt Politologe Cortina, "und das ist das Beruhigende daran." Beunruhigend hingegen ist der Stil, der mit dem Großmaul Trump Einzug in die US-Politik genommen hat. "Trump kann sagen, was er will: Er kann Leute beleidigen, er will Muslime nicht mehr einreisen lassen, alle Latinos vor den Kopf stoßen ... und dann stellt er sich hin und sagt: Na und?", wundert sich Cortina.

Doch gerade Trumps Frechheiten, seine Beleidigungen und seine oft rassistischen Attacken scheinen seine Anhänger zu lieben. "Wir wählen mit dem Mittelfinger", brachte es jüngst ein Trump-Fan stolz vor laufenden Kameras auf den Punkt. Die Wut auf den wirtschaftlichen Niedergang der unteren amerikanischen Mittelklasse; der Ärger über den Zuzug von Millionen Einwanderern und der Zorn auf die konventionellen Politiker – all das vereint der unkonventionellste Kandidat, den die USA je gesehen haben, in sich: "Ich bin kein Politiker, ich bin Geschäftsmann, ich kann sagen, was ich will", donnert der Baumagnat ins Mikrofon – und die Menge jubelt.

Dass seine vollmundigen Versprechen keine Substanz haben, scheint dabei niemanden zu stören. Eine gigantische Grenzmauer entlang der gesamten Grenze zu Mexiko will der 69-Jährige bauen lassen. "Und Mexiko wird sie bezahlen", wiederholt Trump bei jeder Gelegenheit. Wie er das durchsetzen will? Fragen zu beantworten steht nicht auf dem Programm des Multimilliardärs. Noch lauter schreit er, schon dunkelrot im Gesicht: "Sie werden sie bezahlen."

Die Wunderwaffe

Der Bau einer Mauer aber wäre tatsächlich noch das Einfachste, das ein Präsident Trump umsetzen könnte. Alle anderen Versprechen – etwa Einreiseverbote für Muslime, die Abschiebung von elf Millionen illegalen Immigranten oder radikal veränderte Wirtschaftsbeziehungen zu China – sie alle würden entweder an der herrschenden Gesetzeslage oder dem Widerstand des Kongresses scheitern.

Im eigenen, konservativen Lager des US-Parlaments hat der Politiker-Beschimpfer Trump nicht viele Freunde. Das könnte sich nun aber ändern, zumal mehr und mehr republikanische Amtsträger "The Donald" als einzig wirksame Waffe gegen die potenzielle demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sehen. Sogar Trumps bisheriger Konkurrent Chris Christie stellt sich hinter den Tycoon. Weitere werden folgen. Ihr Ziel: Das Weiße Haus muss endlich wieder republikanisch werden. Dafür heiligt der Zweck die Mittel – notfalls auch mit einem unbeherrschten und unbeherrschbaren Donald Trump.

Outsider-Kandidaten gab es immer

KURIER: Wie erleben Sie Ihren ersten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf außerhalb der USA?

Während ich hier in Österreich bin, erlebe ich ein Publikum, das sehr gut informiert und sehr interessiert ist an den US-Wahlen. Ich finde es faszinierend, wie anders der Wahlprozess in Österreich verläuft. Und ich freue mich auch, während der österreichischen Präsidentenwahlen hier zu sein. Interessant ist, wie viel kürzer der Wahlprozess hier dauert. Dagegen fühlt es sich in den USA an, als ob er immer länger würde und immer teurer, aber die USA sind auch ein riesiges Land.

Verläuft der US-Wahlkampf bisher für Sie überraschend?

Wir sind sehr früh im Prozess. Dinge ändern sich die ganze Zeit, es ist ein Von-Tag-zu-Tag-Rennen, und die einzelnen Bundesstaaten sind so verschieden.

Warum wählen nicht mehr Bundesstaaten am Supertuesday? Dann wäre der Wahlprozess kürzer.

Die politischen Parteien der jeweiligen Bundesstaates entscheiden, wann sie wählen wollen. Am Supertuesday werden mehr Delegiertenstimmen vergeben als an jedem anderen Tag des Vorwahlprozesses. Dieses Mal wählen 14 Staaten. Bei den Republikanern werden 25 Prozent der Delegiertenstimmen (von insgesamt 2472) vergeben. Bei den Demokraten sind es 20 Prozent (von insgesamt 4764 Stimmen). Jeder Kandidat, der im Rennen um das Weiße Haus ganz vorne dabei sein will, muss am Supertuesday gut abschneiden.

Wird der ultra-konservative Senator Ted Cruz in seinem Heimatstaat Texas siegen, wo am Supertuesday auch gewählt wird und wo es besonders viele Stimmen zu holen gibt?

Ich kann nicht sagen, wo wer gewinnen wird. Es ist aber nicht unbedingt notwendig für einen Kandidaten, in seinem Heimatstaat zu siegen, um die Parteinominierung zu gewinnen.

Wird das Vorwahl-Ergebnis im konservativen Texas am Supertuesday eine entscheidende Rolle spielen?

Texas ist einer der republikanischsten Bundesstaaten, die Republikaner kontrollieren alle Staatsämter. Das war nicht immer so, und es könnte in der Zukunft ein umkämpfter "Swing State" werden. So stellt etwa die nicht-hispanische weiße Bevölkerung nicht länger die Mehrheit. Latinos bilden derzeit 38 Prozent der Bevölkerung in Texas, sie werden 2030 die Mehrheit sein. Aber sie bilden derzeit nur 18 bis 20 Prozent des Wähleraufkommens. Bei den Wahlen 2012 haben sie zu 70 Prozent Obama, also demokratisch, gewählt. Vier Jahre zuvor waren es 63 Prozent. Das ist eine sehr interessante Dynamik.

Warum gibt es heuer so viele Anti-Establishment-Kandidaten wie Trump oder Sanders?

Man muss Anti-Establishment einmal definieren: Bernie Sanders – er ist im Senat. Marco Rubio – er ist im Senat. Sind sie also Anti-Establishment? Das ist fraglich. Outsider-Kandidaten gab es immer, jede Präsidentschaftskampagne hatte bisher welche, etwa mit Ralph Nader oder Ross Perot. Die Frage ist: Legen die Leute mehr Wert auf neue Ideen oder politische Erfahrung? Die neueste Umfrage besagt, dass 55 Prozent neue Ideen gegenüber Erfahrung bevorzugen. Vor sechs Monaten wollten dagegen noch 50 Prozent lieber einen Kandidaten mit Erfahrung. Das hat sich also gedreht: Heute wollen nur 37 Prozent einen Kandidaten mit Erfahrung. Aber die Frage ist auch: Beeinflussen die Kandidaten die öffentliche Meinung oder beeinflusst die öffentliche Meinung die Kandidaten – das wird man noch sehen.

Warum wählen Menschen einen Kandidaten wie Trump, der ständig jemanden beleidigt?

Ich kann zu keinem aktuellen Kandidaten Stellung nehmen. Der Prozess ist lang, wichtig ist nur, dass die Wähler zuhören und in ihrem besten Interesse wählen. Das ist eine Demokratie. Am Ende werden die Wähler sagen, was für sie wichtig ist.

Haben Sie jemals bei einer Wahlkampagne mitgearbeitet?

Ich habe 2008 in Iowa für Obama Kampagne gemacht, bin mit meiner Familie dorthin gegangen und brachte auch Freunde als Freiwillige mit. Wir haben an Türen geklopft, es war kalt, und um vier Uhr am Nachmittag schon dunkel. Die Leute bitten dich herein, bieten dir was zum Trinken an. Sie fragen dich nach deinem Kandidaten. Die Menschen sind interessiert, sie hören zu, sie diskutieren. Es war für mich faszinierend, Teil dieses Entscheidungsprozesses zu sein.

Ist dieses Von-Tür-zu-Tür-Gehen wichtiger als die Medienkampagnen?

Man braucht beides. Über Medien erreicht man Leute, zu denen man sonst keinen Zugang hat. Dafür bedarf es aber einer sehr gut geölten Medienmaschine. Kann man Wahlen ohne die Hilfe der freiwilligen Mitarbeiter gewinnen? Vielleicht. Aber die Geschichte hat bewiesen, dass viele Freiwillige helfen, die Botschaft des Kandidaten unter die Leute zu bringen. 2012 waren 2,2 Millionen Freiwillige bei der Obama-Kampagne. Das zeigt, wie involviert die Amerikaner in diese Kampagnen sind.

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