Politik | Ausland
05.12.2011

Tripolis: Wasser und Essen gehen aus

Dramatische Tage in der befreiten libyschen Hauptstadt: Wasser- und Stromversorgung sind zusammengebrochen, Lebensmittel werden knapp.

Als Rebellen Abu Salim, den letzten, noch umkämpften Stadtteil von Tripolis befreiten, mussten sie eine grausige Entdeckung machen: Im Spital des Viertels lagen an die zweihundert bereits verwesende Leichen, darunter auch Frauen und Kinder. Retter hatten während der Kämpfe Verletzte ins Spital gebracht, doch das Personal war schon vor Tagen in Panik geflohen. Die Verwundeten starben, einer nach dem anderen, hilflos und allein gelassen.

Exekutionen

Schreckensgeschichten berichten auch Libyer, die von Gaddafi-Truppen in den letzten Tagen vor dem Sturm auf die Stadt festgenommen und in Gaddafis Residenz Bab al-Aziziyah verschleppt worden waren. Während von draußen schon die Schüsse der anstürmenden Rebellen zu hören waren, trieben die Gaddafi-Truppen Dutzende ihrer Gefangenen ins Freie, ließen sie in einer Reihe aufstellen und mähten sie mit Maschinengewehrsalven nieder.

Die Rebellen haben mittlerweile die Kontrolle über die ganze Hauptstadt, doch Ruhe ist noch längst keine eingekehrt. Scharfschützen in den Reihen der Gaddafi-Anhänger terrorisieren immer noch einzelne Straßenzüge, aus Angst wagen sich die meisten Bewohner von Tripolis nicht auf die Straßen.

Versorgung

Die Versorgungslage hat sich dramatisch verschlechtert: Seit Freitag Abend hat die Stadt kein frisches Wasser mehr, auch die Stromversorgung ist zusammengebrochen. Lebensmittelvorräte, Medikamente und Benzin werden knapp.

Angesichts des wachsenden Chaos und der Unsicherheit in der Stadt drängen der Nationale Übergangsrat, aber auch die UNO auf möglichst rasche Wiederherstellung von Ordnung und Stabilität. Alle Rebellengruppen in Tripolis sollen so schnell wie möglich unter ein gemeinsames Kommando gestellt werden, kündigte ein Rebellensprecher an. Zudem will die neue Führung des Landes nahezu alle Soldaten der Gaddafi-Armee und Sondertruppen behalten und in die Streitkräfte des neuen Libyen integrieren. "Nur die, die Blut an ihren Händen haben, werden wir vor Gericht stellen", versprach ein Regierungssprecher. So sollen Fehler wie jene im Irak vermieden werden, wo alle Soldaten und Polizisten des Saddam-Regimes zunächst entlassen worden waren und die öffentliche Ordnung daraufhin vollends zusammengebrochen war.

Sicherheitskräfte versuchen indessen, in der Stadt Zigtausende Handfeuerwaffen und Maschinengewehre einzusammeln. Das gesamte Arsenal an chemischen Waffen, über das das Gaddafi-Regime verfügte, ist mittlerweile gesichert. Amerikanische Agenten der CIA
hatten den Auftrag, die fast 10 Tonnen Senfgas zu orten und vor Missbrauch zu schützen.
Den Machtkampf hat Diktator Gaddafi verloren, doch in mehreren Widerstandsnestern seiner Anhänger wird weiter erbittert gekämpft. Die Rebellen rücken nun gegen die Geburtsstadt Gaddafis, Sirte, vor. Und auch in der Wüstenstadt Sabha, 650 Kilometer südlich von Tripolis, wehren sich die Gaddafi-Loyalisten mit allen Kräften gegen die anrückenden Aufständischen. Gerüchte, wonach sich der Diktator in einem Konvoi Richtung Algerien abgesetzt haben soll, konnten gestern nicht bestätigt werden.

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