Jaber Al-Bakr

© APA/AFP/Landeskriminalamt Sachsen/HO

Deutschland
10/13/2016

Selbstmord: Terrorverdächtiger Al-Bakr tot aufgefunden

Der 22-jähriger Syrer stand wegen akuter Suizidgefahr unter ständiger Beobachtung. Pflichtverteidiger spricht von "Justizskandal". Innenminister fordert umfassende Aufklärung.

Wenige Tage nach seiner Festnahme wegen mutmaßlicher Anschlagspläne hat sich der Syrer Jaber al-Bakr im Gefängnis das Leben genommen. Der 22-Jährige habe am Mittwochabend in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Leipzig Suizid begangen, teilte das sächsische Justizministerium mit. Al-Bakrs Pflichtverteidiger sprach von einem "Justizskandal". Auch Politiker reagierten entsetzt.

Unter welchen Umständen es dem offenbar streng bewachten und als selbstmordgefährdet eingestuften al-Bakr gelingen konnte, sich das Leben zu nehmen, teilten die Behörden zunächst nicht mit. Das sächsische Justizministerium bestätigte lediglich den Suizid und verwies auf eine für Donnerstag um 11.00 Uhr in Dresden angesetzte Pressekonferenz. Die deutsche Bundesanwaltschaft wollte sich zunächst nicht äußern.

Al-Bakr saß unter Terrorverdacht im Gefängnis. Nach Hinweisen des Verfassungsschutzes waren bei ihm 1,5 Kilogramm hochexplosiven Sprengstoffs gefunden worden. In der Nacht zum Montag war er von der Polizei festgenommen worden, nachdem ihn Syrer in einer Leipziger Wohnung festgehalten hatten.

De Maiziere fordert umfassende Aufklärung

Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere hat eine schnelle Aufklärung durch die sächsische Justiz gefordert. "Das, was da gestern Nacht passiert ist, verlangt nun wirklich nach schneller und umfassender Aufklärung der örtlichen Justizbehörden", sagte de Maiziere am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin.

Der Tod des Syrers erschwere natürlich die Ermittlungen nach den möglichen sonstigen Beteiligten und Hintermännern der Anschlagspläne, fügte de Maiziere hinzu.

Gleichzeitig warnte der deutsche Innenminister vor Spekulationen. Er finde, nun solle der Generalbundesanwalt zu dem Fall ermitteln können. Eine "Durchstecherei von einzelnen Aussagen" sei da nicht hilfreich.

Verteidiger fassungslos

Pflichtverteidiger Alexander Hübner äußerte am Mittwochabend scharfe Kritik an der sächsischen Justiz: "Ich bin wahnsinnig schockiert und absolut fassungslos, dass so etwas passieren kann", sagte der Rechtsanwalt Focus. Er sprach von einem "Justizskandal". Hübner sagte, den Verantwortlichen der Justizvollzugsanstalt sei das Suizid-Risiko des Beschuldigten bekannt gewesen und auch im Protokoll vermerkt worden.

"Er hatte bereits Lampen zerschlagen und an Steckdosen manipuliert", sagte Hübner laut dem Magazin. Doch noch am Mittwochnachmittag habe ihm der stellvertretende JVA-Leiter telefonisch versichert, dass der in Einzelhaft sitzende al-Bakr "ständig beobachtet" werde. Hübner sagte weiter, dass der Terrorverdächtige sich seit seiner Festnahme im Hungerstreik befand. Er habe seit Sonntag nichts gegessen und getrunken.

Die Bild-Zeitung schrieb dagegen, seine Zelle sei offenbar nur einmal pro Stunde kontrolliert worden.

Deutsche Politiker äußerten sich im Kurzbotschaftendienst Twitter schockiert. "Was ist das los?" schrieb SPD-Familienministerin Manuela Schwesig. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck twitterte: "Wie konnte das geschehen?" Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt schrieb: "Wenn man nur noch denkt", gefolgt von dem Hashtag "nicht schon wieder Sachsen".

Von Landsleuten überwältigt

Der junge Syrer war am Samstag bei einem Polizeieinsatz in seiner Wohnung in Chemnitz knapp dem Zugriff der Beamten entkommen. In der Wohnung wurden 1,5 Kilogramm hochexplosiver Sprengstoff gefunden. Drei Syrer, bei denen al-Bakr dann in Leipzig um einen Platz zum Übernachten gebeten hatte, überwältigten und fesselten den 22-Jährigen. Sie verständigten die Polizei, die den Verdächtigen schließlich festnahm.

Nach Informationen des Senders MDR Sachsen beschuldigte al-Bakr seine drei Landsmänner im Verhör als Mitwisser. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. Sein Verteidiger Hübner wollte sich laut der Süddeutschen Zeitung dazu nicht äußern: "Das kann ich weder bestätigen noch dementieren."

Die Bundesanwaltschaft übernahm nach der Festnahme die Ermittlungen und bezeichnete al-Bakr als "dringend verdächtig", einen "islamistisch motivierten Anschlag mit hochexplosivem Sprengstoff in Deutschland geplant und bereits konkret vorbereitet zu haben". Nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz hatte der Verdächtige Züge in Deutschland und Flughäfen in Berlin im Visier. Die Ermittler gehen davon aus, dass al-Bakr Verbindungen zur Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte.

Verdächtiger 2015 überprüft

Laut Innenminister de Maizière wurde Al-Bakr 2015 von den Sicherheitsbehörden überprüft. "Allerdings ohne Treffer. Es steht ja auch noch gar nicht fest, wann es dort zu einer Radikalisierung gekommen ist", sagte er noch am Mittwoch in Berlin.

Nach der Festnahme hatte es viel Lob für das Verhalten der drei Syrer gegeben, die den Terrorverdächtigen der Polizei ausgeliefert hatten. Aus der Regierungskoalition wurden Forderungen nach einem Orden für die drei Flüchtlinge laut. Innenminister de Maizière wurde vorgeworfen, den Männern nicht ausdrücklich gedankt zu haben. Am Mittwoch sprach de Maizière "Menschen, die den Behörden helfen", "Lob und Anerkennung" aus.

Forderungen nach einer Vorzugsbehandlung für die drei syrischen Flüchtlinge beantwortete de Maizière mit dem Hinweis, die drei Männer hätten bereits Flüchtlingsschutz. Die Verfahren seien "positiv abgeschlossen". Über eine etwaige Ordensverleihung müsse Bundespräsident Joachim Gauck entscheiden.

Der Terrorverdächtige Jaber al-Bakr

Jaber al-Bakr wurde am 10. Jänner 1994 südlich von Damaskus geboren. Der Syrer kam am 19. Februar 2015 als Flüchtling nach Deutschland, wurde in München registriert und in die Erstaufnahme nach Chemnitz weitergeleitet. Im Oktober 2015 erhielt er eine befristete Anerkennung für drei Jahre. Ab 10. März 2016 war er in Eilenburg nordöstlich von Leipzig gemeldet und zunächst nicht auffällig.

Zwischenzeitlich war er wieder in Syrien. Das habe die Familie mitgeteilt, berichtete der MDR am Mittwoch. Demnach reiste er im Herbst 2015 zwei Mal in die Türkei und hielt sich auch einige Zeit in der syrischen Stadt Idlib auf.

Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz hatte er einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen geplant und bereits weitestgehend vorbereitet. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Syrer Kontakt zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hatte.

Demnach hat Al-Bakr zur Herstellung von Sprengsätzen im Internet recherchiert und die Grundstoffe dafür beschafft. Die Ermittler fanden in der Chemnitzer Wohnung, in der sich der 22-Jährige zuletzt aufhielt, "rund 1,5 Kilogramm extrem gefährlicher Sprengstoff".

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