Politik | Ausland
25.05.2017

"Es waren nur Kids, verdammt nochmal"

Manchester: Die Trauerzone hat sich auf die ganze Stadt ausgeweitet - dennoch wollen sich die Menschen vom Terror nicht auseinander dividieren lassen.

Der St. Ann’s Square ist kein großer Platz, er liegt etwas abseits der breiten Hauptstraßen von Manchester. In dessen Mitte steht eine Statue von Richard Cobden, ein britischer Intellektueller, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts für Abrüstung und gegen Krieg argumentierte. Weil es ein Platz ist, der nahe bei der Manchester Arena ist, liegen dort am Mittwoch Abend Blumensträuße. Jemand hat mit Kreide auf den Gehweg geschrieben: "Manchester wird stark bleiben." Das Wort "stark" ist rot geschrieben. Immer wieder bleiben Menschen stehen, legen noch mehr Blumen dazu.

Neben dem Platz auf einer Bank sitzen Karen Orchard und ihre Tochter Amelie. Die 15-Jährige schaut auf den Boden, so dass man nur ihre rot gefärbten Haare von ihr erkennt. "Ich war beim Konzert", sagt die Schülerin und weiß danach nicht so recht, wo sie anfangen soll zu erzählen. Ihre Mutter hilft ihr: "Ich warte normalerweise immer am oberen Ende ein der Treppe am Foyer der Arena auf sie, nur dieses Mal hatte ich einen langen Tag und wollte keine Stufen steigen." Dann hörte sie den lauten Knall. "Ich wusste sofort, das war eine Bombe, das wars, es sind alle tot dort drin." Sie wischt sich Tränen zu Seite und sagt, dass sie sonst nie weine. "Dabei hatte ich Glück, Amelie tippte mich zwei Minuten nach dem Knall auf die Schulter, sie hatten einen anderen Ausgang genommen, als den, den wir vereinbart hatten. Zum Glück."

Zwei Tage nach dem Anschlag nach einem Konzert von Ariana Grande ist es in Manchester noch immer ruhig auf den Straßen der sonst belebten 500.000-Einwohner-Stadt. Mindestens 22 Menschen hat das Attentat ihr Leben gekostet, zwölf von ihnen waren unter 16 Jahren alt, rund 120 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Bombe explodierte im Foyer und richtete ein Massaker an, dass Ärzte mit einem Kriegsgebiet vergleichen. Es war das schwerste Terrorattentat in Großbritannien seit den Bomben in London in 2005. In Manchester erinnerte es viele an das IRA-Attentat von 1996, bei dem über 200 Menschen verletzt wurden, aber niemand getötet. Damals hieß es, die Stadt werde niemals sein wie zuvor.

"Unseren Gemeinschaftsgeist können sie nicht treffen."

Annmarie Strothardy hat jetzt beide Attentate erlebt, sie wurde vor 41 Jahren hier geboren und und sie sagt: "Unseren Gemeinschaftsgeist können sie nicht treffen." Doch dann beginnt auch sie zu weinen. Sie hat erst am Mittwochmorgen erfahren, dass die Schwester einer guten Freundin eines der 22 Todesopfer ist. "Ich kannte Alison, es wäre heute ihr 45. Geburtstag gewesen, wir waren verabredet." Dann atmet sie tief durch. "Meine Tochter war gestern Abend trotzdem bei einem Konzert der Courteeners. Wir lassen uns doch nicht verbieten, auf Konzerte zu gehen." Sie war besorgt, ja, aber wir können uns doch nicht verstecken. Sie hat ebenfalls gerade Blumen abgelegt, mit einem kleinen Brief für ihre Freundin Alison, aber nicht am St. Ann’s Square, sondern am einige 100 Meter entfernten Alberts Square, der Platz vor dem imposanten Rathaus.

Dort fand am Dienstagabend davor die Gedenkveranstaltung statt. Tausende Menschen kamen dort zusammen und zeigten, wie Manchester zusammenhält. Als eine kleine Gruppe der Sikhs singend auf den Platz marschierte, klatschten alle Beifall. Muslimische Gemeinden verteilten Wasser und Süßigkeiten, Christengemeinden hatten Kaffee und Sandwiches organisiert — und noch am Mittwoch laufen dort kleinere Gruppen Freiwilliger herum und verteilen Schokoriegel an "Polizisten und Obdachlose". Beide Gruppen waren durch ihren Einsatz für die Opfer bekannt geworden. Ein Obdachloser sagte der Zeitung „Times“, eine ältere Frau sei in seinen Armen gestorben. Jeder der konnte, setzte sich für andere in der Terrornacht für andere ein. Bewohner rund um die Arena öffneten ihre Wohnung mit dem Hashtag #roomformanchester, nach dem Vorbild ähnlicher Aktionen in Paris und Berlin. Selbst die Mutter der Künstlerin Ariana Grande, Joan Grande, kümmerte sich nach dem Attentat um betroffene Konzertbesucher, bis der Rettungsdienst eintraf.

Das Unerklärliche erklären

Wieder einige hundert Meter entfernt vom Albert Square, sitzt David Few, vor einem Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Zwischen zwei Obelisken liegen auch hier Kerzen, Blumen und Zettel mit roten Herzen und der Abkürzung "MCR" für Manchester. Die Trauerzonen haben sich auf die ganze Stadt ausgeweitet. Der 31-Jährige ist Religionslehrer, sein Großvater starb durch die IRA. David Few sagt, er musste seinen Schülern "das Unerklärliche erklären". Fünf von ihnen waren im Konzert, eine Schülerin hatte noch eine Narbe am Kopf. "Aber sie hatte Glück", sagt er. Dann: "Es sind nur Kids, verdammt noch mal!"

Doch seine Schüler wollten auch wissen, was einen22 Jahre alten Manndazu treibt, sich zwischen Kids in die Luft zu sprengen. "Ich konnte ihnen nur sagen, dass wir uns im Krieg befinden." Das werde jetzt sichtbarer, in den kommenden Tagen, wenn 5000 Soldaten in den Straßen von Manchester und London die Polizei dabei unterstützen, für Sicherheit zu sorgen. Dann spricht auch er, wie Karen Orchard, vom "Gemeinschaftssinn" dieser Stadt. Muslime seien hier integriert, es gebe kaum Parallelgesellschaften. "Gerade eben kam ein Mann mit seinem Hund, er umarmte mich und flüsterte etwas in mein Ohr." Er als Religionslehrer erkannte die arabischen Worte. "Es war die Sure des Koran."